Aktuelles

Alles besser in Westeuropa?

Autor: Janina Groffmann
Mitarbeiter aus der Haniel-Gruppe sind auf der ganzen Welt tätig – und lernen unterschiedliche Wirtschafts- und Sozialsysteme kennen. Eindrücke und Erfahrungen aus vier Kontinenten

Stefaan Cognie, Director Solutions Europe bei BekaertDeslee, arbeitete von 2005 bis 2011 in Ixtacuixtla/ Mexiko

Auch in Mittel- und Lateinamerika gibt es Sozialsysteme, aber sie sind anders ausgestaltet als in Europa. Das hat einen großen Einfluss auf das Verhalten der Menschen.

In Mexiko gibt es zum Beispiel kein Arbeitslosengeld: Wenn man keinen Job hat, verdient man kein Geld. In Europa verlassen sich viele auf den Staat, weil die Sozialleistungen genauso hoch oder besser sind als das Gehalt in einem Niedriglohnjob.

Die Motivation in Mexiko ist dadurch höher, die Kluft zwischen Arm und Reich aber auch stärker ausgeprägt.Das liegt auch am Bildungssystem. Öffentliche Schulen sind in Mexiko nicht besonders gut, weil die Regierung zu wenig investiert. Das ist ein Problem. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Aber wie soll sich ein Land mit einem schlechten Bildungssystem insgesamt positiv weiterentwickeln?

Was die Europäer von den Mexikanern lernen können? Wir nehmen Veränderungen nur sehr widerwillig an, die Mexikaner sind offener. Gerade wir Belgier sind leider häufig etwas hochnäsig und denken, dass wir alles besser wissen als Menschen in Entwicklungsländern. Tatsächlich finden die Mitarbeiter dort oft pragmatische Lösungen für komplexe Probleme in der Produktion, die Europäer umständlich mithilfe von Hightech bewältigen wollen.


 

In Indonesien sind die Arbeitslosenversicherung und das Rentensystem nicht so umfassend, wie wir es aus Europa kennen. Auch das Niveau der Gesundheitsversorgung ist nicht so gut. Wenn man es sich leisten kann, fliegt man für größere Behandlungen wie Operationen nach Singapur. Bei BekaertDeslee Indonesien bieten wir den Mitarbeitern übrigens Zulagen für medizinische Behandlungen und Check-ups an, die sehr gut angenommen werden. 

Stefaan Waeyenberge, General Manager Indonesien bei BekaertDeslee in Purwakarta

Die Anforderungen an Arbeitssicherheit und Mitarbeiterauswahl entsprechen in Indonesien meist nicht den europäischen Standards. Viele asiatische Firmen haben Beschränkungen bis hin zu Diskriminierungen, was das Alter oder Geschlecht der Mitarbeiter angeht – bei uns ist so etwas undenkbar.

Es gibt in Indonesien Mindestlöhne, die in den einzelnen Bezirken festgelegt werden. Wenn der Lohn in einem Nachbarbezirk steigt, kündigen Arbeiter häufig und pendeln eine Stadt weiter.

Die Schere zwischen Arm und Reich ist in Indonesien größer als in Europa. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Menschen hier glücklich sind. Ich persönlich arbeite auch sehr gerne hier.


 

Axel Faltin, Managing Director bei KAISER+KRAFT EUROPA, arbeitete von 2011 bis 2018 für verschiedene Unternehmen in Chicago und San Francisco/USA

In Deutschland haben Angestellte normalerweise mindestens drei Monate Kündigungsfrist, in den USA kann man selber oder der Arbeitgeber von einem auf den anderen Tag das Arbeitsverhältnis beenden. Als ich 2011 in die USA gegangen bin und meine ganze Familie mitgenommen habe, musste ich deshalb erst einmal schlucken: Denn wenn ein Ausländer entlassen wird und das Visum am Job hängt, muss er das Land sehr kurzfristig verlassen. War aber alles halb so schlimm.

Auf den ersten Blick sind die Sozialabgaben in den USA niedriger. Am Ende zahlt man aber meines Erachtens genauso viel wie in Deutschland, nur an anderer Stelle. Die „property tax“, also Steuern auf Grundbesitz, finanzieren in den USA das lokale Leben. Deshalb gilt häufig die Regel: einkommensstarkes Viertel – gute Schule. Es ist auch üblich, dass die Schulen von den Eltern Spenden einfordern, um das Schulprogramm attraktiver gestalten zu können.

Wechselt man den Arbeitgeber, muss man in der Regel auch die Krankenversicherung wechseln. Die jeweiligen Leistungen und Beiträge sind sehr unterschiedlich und hängen individuell vom Gruppenvertrag des Arbeitgebers ab. Anteile am Unternehmen in Form von Aktien oder Optionen sind oft ein Bestandteil des Gehalts. Damit wird jeder Mitarbeiter am Unternehmenswert beteiligt. Ich denke, das ist etwas, was sich deutsche Arbeitgeber ruhig abgucken können.


 

In Polen wird großer Wert auf Arbeitssicherheit und Ergonomie gelegt. Um dort zu arbeiten, musste ich zu einem Ärzteteam, das meine Eignung für den Büroarbeitsplatz, den Dienstwagen und Arbeiten in größerer Höhe geprüft hat, da ich auch auf das Dach des Gebäudes musste. Erst nach jeweils gesonderten Untersuchungen bekam ich die Freigabe.

Armin Gobereit, Head of Supply Chain Projects, baute von 2012 bis 2014 ein internationales Lager- und Logistikcenter von CWS-boco in Miedzyrzecz/Polen mit auf

Da der Standort von CWS-boco nahe der deutschen Grenze ist, geht es der Region sehr gut. Viele Unternehmen nutzen die Nähe zum deutschen Markt in Kombination mit den niedrigeren Löhnen in Polen. Entsprechend ist die Arbeitslosigkeit gering und die Infrastruktur, in die allgemein viel investiert wird, gut ausgebaut. In ländlichen Gegenden sieht das aber oft anders aus. Da ich den Anbau eines Lagergebäudes begleitet habe, habe ich einige bürokratische Prozesse mitbekommen.

Ich hatte das Gefühl, dass vieles noch langwieriger ist als in Deutschland und Umweltverträglichkeit hoch im Kurs steht – auch das hätte ich von Polen nicht erwartet.