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Chance hin, Chance her?

Autor: Verena Carl |
Foto: Hanna Lenz
In Krippe, Kita und Vorschule beginnt vieles zu wachsen: Neugier, Motivation, Respekt, Vertrauen, Freude am Lernen. Die Grundlagen für späteren beruflichen Erfolg und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wie gut das klingt. Aber stimmt es auch? Wir haben uns in Hamburg umgeschaut. Einer großen deutschen Stadt, in der ein Stück Gegenwart greifbar wird.

EINIGE FAKTEN VORAB:

Im wohlhabenden Stadtteil Nienstedten liegt das Durchschnittseinkommen bei 120.000 Euro im Jahr, den Bewohnern der Elbinsel Veddel stehen nur 16.000 Euro zur Verfügung. Fast jedes zweite Kind in Hamburg hat einen Migrationshintergrund, dazu kamen seit 2015 50.000 Geflüchtete.

In Hamburg werden vergleichsweise viele Kinder in einer Kita betreut: 44,7 Prozent der unter Dreijährigen, fast 100 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen.

Erzieher und Erzieherinnen sind eine Hochrisikogruppe für Burn-out und andere durch Stress verursachte Erkrankungen, so eine Studie der Katholischen Hochschule Aachen. Hauptgrund: der Personalmangel in den Einrichtungen.

 

Erzieherin Claudia Brillinger

DAS SAGT DIE ERZIEHERIN:

Bindung ist das Problem, nicht nur Bildung

Bei Claudia Brillinger wäre man gerne Kind. Eine herzliche blonde Frau in Jeans, die wirkt, als könne sie einiges schultern. Seit 22 Jahren arbeitet sie in einer Kita im Bezirk Bergedorf-Neuallermöhe.

Der Flachbau liegt zwischen Genossenschafts-Hochhäusern und bescheidenen zweistöckigen Klinkerbauten, in einem Viertel, das wie ein Brennglas die Widersprüche der Hansestadt bündelt. Weder Ghetto noch Wohlstandsoase, sondern eine Mischung aus Ethnien, Gehaltsklassen, Lebensstilen.

Die Namen an den niedrig hängenden Garderobenhaken verraten: Hier toben, basteln und malen Cheyenne und Emil, Murat und Jewegenija*. 170 Kinder vom Baby bis zum Sechsjährigen, vom Arztsohn bis zur Tochter einer Teenager-Mutter aus einem Hartz-IV-Haushalt.

Nicht mangelnde Bildung ist das Hauptproblem, eher mangelnde Bindung. Quer durch alle Milieus, sagt Claudia Brillinger: „Viele Eltern sind heute stark verunsichert, was ihre eigene Rolle angeht – und das überträgt sich auf die Kinder.“

Mädchen und Jungen, denen das nötige Grundvertrauen ins Leben fehlt. Die so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie gar nicht in der Lage sind, neugierige Fragen zu stellen oder sich die Zahlen bis zehn zu merken. Auch Sprache, die Grundlage allen Lernens, ist nicht nur in bildungsfernen Zuwandererfamilien ein Handicap. „Zu viele Mütter und Väter reden zu wenig mit ihren Kindern.“ Als Notwehrmaßnahme haben die Kita-Erzieher jetzt ein Handy-Verbotsschild über dem Eingang aufgehängt: „Mama, sprich mit mir, nicht mit deinem Telefon.“

„Viele Eltern sind heute stark verunsichert, was ihre eigene Rolle angeht.“

Claudia Brillinger

Claudia Brillinger ist eine Art Kapitän. Ständig weht ihr von einer anderen Seite der Wind ins Gesicht. Hier leistungshungrige Eltern, denen es nicht früh genug losgehen kann mit Schreiben, Rechnen und Leistungssport – auf der anderen Seite die, in deren Haushalt der Angebotszettel vom Discounter der einzige Lesestoff zu sein scheint. Dabei kann die Kita durchaus Zusatznahrung bieten. Nicht nur, wenn Kinder, die sonst eher Fast Food kennen, beim Frühstück Gurken und Sellerie knabbern. Sondern auch, wenn die Eloquenteren ihren Spielkameraden helfen, einen Streit mit Worten zu schlichten. Oder wenn Eltern zur Abendgruppe zusammenkommen und sich mit Brillinger und ihren Kolleginnen über Erziehungsfragen austauschen. „Das ist eine Frage des Vertrauens. Weil sie sich nicht verurteilt fühlen, sondern angenommen.“ Oft leisten sie auch Alltagshilfe: etwa, wenn sie mit Müttern oder Vätern bei der Stadt den Antrag für das „Bildungs- und Teilhabepaket“ ausfüllen, das sozial Schwächeren kostenlosen Eintritt für Kindertheater, Schwimmbad oder Sportverein ermöglicht – jedes dritte Kind in ihrer Kita profitiert davon.

Manchmal sieht Brillinger erst viele Jahre später, ob die Mühe sich gelohnt hat. Wie bei dem jungen Mann aus schwierigen Verhältnissen, den sie als Kind begleitet hat und der jetzt mit beiden Beinen im Leben steht: Ausbildung zum Mechatroniker, Weiterbildung zum Autolackierer. „Er sagte mir: Als ich klein war, habt ihr mir Struktur gegeben, habt mir beigebracht, was falsch und richtig ist. Davon zehre ich immer noch.“

Erfolgserlebnisse, ja, die aber nicht alles aufwiegen. Denn die tägliche Arbeit ist belastend. Der Lärmpegel, das Heben, Tragen und Bücken. Zwar sind Erzieher im teuren Hamburg per Tarifvertrag höher eingruppiert als in anderen Bundesländern, aber das reicht nicht, findet Brillinger: „Die Zeiten für Vor- und Nachbereitung, die Elternarbeit, Feedbackgespräche mit Praktikanten – die zahlt uns keiner.“

Deshalb engagiert sie sich in der Bürgerinitiative „Kita-Netzwerk Hamburg“, die seit Monaten mit dem Senat über bessere Rahmenbedingungen verhandelt. „Ich liebe meinen Job, weil er sinnvoll ist. Weil ich jedem Kind vermitteln kann: Es ist schön, dass du da bist.“ Aber so wie der Arbeitsalltag heute aussieht, fürchtet sie, könnten in Zukunft noch weniger Schulabgänger dafür zu begeistern sein. Ausbaden müssten das Cheyenne und Emil, Murat und Jewgenija. Und eines steht fest: Es träfe sie unterschiedlich hart.

*Name von der Redaktion geändert

 

Martin Peters

DAS SAGT DER EXPERTE:

Manche Kinder mit der Schultüte in der Hand haben schon verloren

Martin Peters ist Fachreferent und Geschäftsbereichsleiter für Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, der rund 350 Kitas in Hamburg vertritt.

Kitas legen Grundlagen für spätere Schulabschlüsse und damit für Lebenschancen. Unterstützt die Stadt Einrichtungen, die besonders viel Aufholarbeit leisten müssen?

Seit 2013 gibt es das „Kita-Plus-Programm“, durch das Kitas in sozial belasteten Vierteln ein zusätzliches Budget für Mitarbeiter bekommen. Das ist ein guter Schritt. Andere Ungerechtigkeiten können Sie mit Geld allein nicht ausgleichen.

Was meinen Sie damit?

Wir haben Kitas, in denen 90 Prozent der Kinder eine andere Muttersprache haben als Deutsch. Deutschsprachige Eltern meiden diese häufig, so bleiben diese Gruppen umso mehr unter sich. Aber Wortschatz und Grammatik sind das A und O für spätere Bildung – sonst haben Kinder mit der Schultüte in der Hand schon verloren. Seit einiger Zeit versucht die Stadt, mit einem neuen Sprachförderprogramm gegenzusteuern. Das zeigt messbare Erfolge.

„Wir haben Kitas, in denen 90 Prozent der Kinder eine andere Muttersprache haben als Deutsch.“

Martin Peters

Es gibt auch andere Gründe, warum Eltern ihre Kinder weniger gut unterstützen können – Gesundheitsprobleme, Geldsorgen …

Das Platzvergabesystem belohnt Erwerbstätigkeit. Mehr als fünf Kita-Stunden pro Tag bekommen nur Familien, in denen beide Eltern arbeiten. Dabei bräuchten häufig gerade die Kinder aus Familien, in denen einer oder beide Eltern erwerbslos sind, mehr Förderung. Und dann gibt es noch Communitys, die erreichen wir mit dem Kita-Angebot einfach nicht. Oder deutlich zu spät.

Welche sind das?

Vor allem Familien aus ländlich geprägten Kulturen nichtwestlicher Länder. Dort wird häufig die individuelle Bildung weniger wichtig genommen, ein Kind soll sich eher für die familiäre Gemeinschaft nützlich machen. Gehorsam und Respekt werden dort höher bewertet als Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit. Ab kommendem Jahr wollen wir gemeinsam mit der Sozialbehörde Tagesmütter ausbilden, die selbst aus diesen Kreisen stammen und zwischen den Kulturen vermitteln. Möglicherweise wird das besser angenommen.

Betrifft das vor allem Geflüchtete?

Nein, da hat die Stadt vieles richtig gemacht! Anders als andere hat sie nicht in den Sammelunterkünften für Kita-Betreuung gesorgt, sondern die Kinder zügig auf die Einrichtungen der jeweiligen Umgebung verteilt. So kann Integration deutlich eher gelingen.


 

DAS SAGEN POLITKER:

Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen

Uwe Lohmann, SPD

Uwe Lohmann, familienpolitischer Sprecher der Regierungspartei SPD: „Seit 2014 ist das Kita-Basisangebot – fünf Stunden Betreuung plus Mittagessen – für alle Hamburger Eltern gratis. In einer wachsenden Stadt mit jährlich 15.000 bis 30.000 Neubürgern haben wir in den letzten Jahren den Krippen- und Kita-Ausbau vorangetrieben, jetzt steuern wir nach bei der Qualität: Bis 2020 wollen wir 2.700 zusätzliche Fachkräfte gewinnen, davon 2.100 im Krippenbereich. Unbezahlte Praktika soll es nicht mehr geben, mittelfristig denken wir über die Einführung einer dualen Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher nach, was die Möglichkeit einer Vergütung einschließt.“

„Bis 2020 wollen wir 2.700 zusätzliche Fachkräfte gewinnen.“

Uwe Lohmann

Chancengerechtigkeit heißt nicht Abi für alle

Philipp Heißner, CDU

Philipp Heißner, familienpolitischer Sprecher der CDU: „Die Abschaffung der Kita-Gebühr war ein reines Wahlkampfgeschenk. Und das in einer Zeit, in der Experten wie die Bertelsmann-Stiftung in Hamburg massiven Nachholbedarf beim Krippenpersonal nachweisen. Es wäre sinnvoller gewesen, die Gebühren schrittweise zurückzunehmen.

Hinzu kommt: Die Qualität der Kitas wird nicht von staatlicher Seite überprüft, obwohl es dazu eine gesetzliche Grundlage gibt. In eher gutbürgerlichen Stadtteilen organisieren sich Eltern und protestieren, wenn es nicht rundläuft, in sozial schwächeren Quartieren wird das eher so hingenommen. Das ist doppelt ungerecht. Soziale Durchlässigkeit heißt aber nicht, dass jedes Kind später Abitur machen muss. Wir brauchen Menschen mit allen Bildungsabschlüssen!“


 

DAS SAGT DIE MUTTER:

Ich hatte Angst um meine Töchter

Nach der Kita-Zeit kommt die Grundschule, und dort setzt sich die soziale Spaltung fort, wenn es schlecht läuft. Sabine Dreher* lebt in einer Gegend, in der die Gegensätze besonders sichtbar sind: Auf der einen Seite ihrer Neubauwohnung liegt das grün-bürgerliche Ottensen, auf der anderen Seite St. Pauli mit seinem hohen Anteil an Transferleistungs-Empfängern und Migranten. Dort befindet sich auch die zuständige Grundschule. Ihre sechsjährigen Zwillingstöchter hat sie auf einer Privatschule angemeldet, zahlt Schulgeld und nimmt einen weiteren Weg in Kauf. Warum?

„Ich kenne niemanden in unserer Nachbarschaft, der sein Kind in St. Pauli eingeschult hätte. Da alle Kinder mit viereinhalb Jahren an der zuständigen Grundschule vorgestellt werden müssen, haben auch wir sie uns angesehen, wussten aber gleich, dass sie nicht in Frage kommt – schon die Atmosphäre auf dem Pausenhof und in den Gängen empfanden wir als trost- und lieblos. Manche Familien ziehen weg, wenn ihre Kinder ins Schulalter kommen, viele melden ihre Kinder an der Grundschule in Ottensen an. Dafür gibt es aber keine Garantie, weil Plätze nach Zuständigkeit vergeben werden.

„Ich kenne niemanden in unserer Nachbarschaft, der sein Kind in St. Pauli eingeschult hätte.“

Sabine Dreher*

Manche denken deshalb darüber nach, zum Schein den Wohnsitz zu wechseln. Weil ich selbst im sozialen Bereich arbeite, kenne ich viele schwierige Familienverhältnisse, und ich habe großes Mitgefühl mit den Kindern, die so aufwachsen. Ich verstehe auch, dass manche davon profitieren würden, wenn die Klassen gemischter wären. Und vielleicht bin ich Opfer meiner Vorurteile. Aber wenn ich meine Kinder anschaue, denke ich: Die beiden sind noch so klein – ich möchte nicht, dass sie dort untergehen. Oder jeden zweiten Tag mit einem blauen Auge heimkommen. Die harte Lebenswirklichkeit lernen sie noch früh genug kennen.“

*Name geändert

 

WIE GEHT ES WEITER:

√ Für das laufende Haushaltsjahr sind in Hamburg 822 Millionen Euro für Kitas eingeplant, damit haben sich die Ausgaben gegenüber 2010 mehr als verdoppelt. Die Milliardengrenze wird voraussichtlich 2020 erreicht.

√ Laut einem Entwurf unter dem Namen „Gute-Kita-Gesetz“ soll der Bund bis 2022 5,5 Milliarden Euro für Kita-Ausbau und Qualitätsverbesserung bereitstellen. Wie sie das Geld einsetzen, entscheiden die Länder selbst.

√ Laut Bertelsmann-Stiftung wären rund 3.850 neue Erzieherstellen notwendig, um in Hamburg gute pädagogische Arbeit zu leisten – deutlich mehr als die von der Stadt angekündigten 2.700.

Wenn Kitas Chancengerechtigkeit fördern sollen, braucht es zwei Bausteine. Der eine ist vergleichsweise simpel: Geld und nachhaltige Planung. Mehr Erzieherstellen, attraktive Bedingungen für Berufseinsteiger, Fortbildungen, angemessene Vergütung für Aufgaben jenseits des Normalbetriebs – etwa für die Arbeit an pädagogischen Konzepten.

Der zweite Baustein kostet im Grunde nichts, ist aber komplex: Einfühlungsvermögen und Kommunikationstalent sind wichtiger denn je. Damit Förderung für alle greift, müsste man alle Eltern mit ins Boot holen. Solche, die selbst Unterstützung und Beratung brauchen. Und jene, die sich aus Sorge um ihre Kinder dem staatlichen Bildungssystem entziehen und dadurch soziale Gräben vertiefen. So gesehen, passiert in Hamburg viel – und doch nicht genug.