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Wer schafft Wohlstand – Staat oder Wirtschaft?

Autor: Christian von Dürckheim
Der Staat soll es richten? Das ist der falsche Ansatz, findet Christian von Dürckheim

Vor etwa 200 Jahren begann im Ruhrgebiet, dem „Silicon Valley“ des 19. Jahrhunderts, mit der Industrialisierung eine revolutionäre Entwicklung. Sie brachte nicht nur eine veränderte Wirtschaft hervor, sondern auch einen völlig neuen Unternehmertypus: Kapitalisten, die auch soziale Verantwortung übernahmen. Wegbereiter waren Friedrich Krupp, Mathias Stinnes und Franz Haniel. Letzterer gründete 1837 für seine Arbeiter unter anderem die erste Krankenkasse Deutschlands. Zum Vergleich: Der preußische Staat hat die staatliche Krankenversicherung erst 1883 eingeführt.

Die neuen Unternehmer lösten zudem Adel und Königshaus als dominierende Arbeitgeber ab: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind es private Unternehmen, die Arbeit und Wohlstand für Millionen Menschen schaffen. So sind heute von etwa 45 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland nur sechs Millionen bei einem öffentlichen Arbeitgeber beschäftigt. Jeder Stakeholder sollte sich immer daran erinnern, dass der westliche Wohlstand durch private Initiative in über 200 Jahren erarbeitet wurde und heute weiterhin durch den Mittelstand garantiert wird. Die Soziale Marktwirtschaft ist Teil der DNA unserer Demokratie.

Aber erfüllt die heute praktizierte Soziale Marktwirtschaft noch, wofür sie einmal angetreten ist, nämlich „Wohlstand für alle“? Oder hat sie sich als Turbo, Anglo- oder narrativer Kapitalismus in ein egoistisches Individualsystem verwandelt, dessen Auswirkungen die Politik mit dem Ausbau des Wohlfahrtstaates abfedern will?

„Der Staat soll es richten. Doch das ist der falsche Ansatz. Nur Kapitalismus führt zu Wohlstand“

Graf Christian-Ulrich von Dürckheim-Ketelhodt

Seit 200 Jahren werden im rheinischkapitalistischen System alle Stakeholder bedient, die Republik ist reich; dennoch klafft die Wohlstandsschere immer weiter auseinander. Wenn Unkenntnis die Information steuert und die Regeln gestaltet, ist der Wohlstand schneller aufgebraucht, als er geschaffen wurde. Der Staat handelt nicht wirtschaftlich, die Gesellschaft neidet den Aufstieg des anderen, und die Kapitalisten driften immer mehr in den Anglo-Kapitalismus ab, der sich auf Fremd- und Eigenkapital konzentriert und die soziale Komponente vernachlässigt.

In der Diskussion über Gerechtigkeit und Chancengleichheit wird dem Kapitalismus der Schwarze Peter zugeschoben. Chancengleichheit soll über Umverteilung erreicht werden, Regierungen gehen davon aus, mit der Erhöhung von Steuern den sozialen Zusammenhalt fördern zu können. Eine Mehrheit der Bevölkerung klatscht dazu Beifall. Ob die Zukunft des Wohlstands dadurch gesichert wird, spielt in der Diskussion keine Rolle. Der Staat soll es richten.

Doch das ist der falsche Ansatz. Nur Kapitalismus führt zu Wohlstand. Ob Mercedes, BMW, Henkel, Siemens, SAP, Apple, Microsoft – oder Haniel: Die Triebfeder von Unternehmertum ist die Erwartung von Umsatz und daraus entstehenden Gewinnen zur Zahlung von Gehältern, Finanzierungen und Steuern. Der Umsatz entspricht dem unternehmerischen Beitrag an die Gesellschaft. Beispiel: Von 10.000 Euro Umsatz erhalten andere Unternehmer, also Lieferanten etc., 6.000 Euro, die Mitarbeiter mit allen Nebenausgaben 2.100 Euro, der Finanzsektor 700 Euro und die Aktionäre 140 Euro.

Dieser unternehmerische Zyklus garantiert Wohlstand und Frieden. Wenn die Wirtschaftenden das Gefühl bekommen, dass es sich nicht mehr lohnt, ein Unternehmen zu gründen oder zu führen, werden die Umsätze zurückgehen und damit der Beitrag an alle Stakeholder abnehmen. Solche wirtschaftlichen Zusammenhänge sollten nicht nur von privaten Personen, sondern auch von Politikern verstanden werden. Geld zu verdienen ist schwieriger, als es auszugeben.

Auch heute gibt es wieder Revolutionäres: In Zukunft wird die künstliche Intelligenz den größten Wertschöpfungsbeitrag leisten. Auch bei der Digitalisierung gilt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.


Graf Christian-Ulrich von Dürckheim-Ketelhodt (Jahrgang 1944) war rund 30 Jahre lang Mitglied im Haniel-Aufsichtsrat. Zudem ist er Mitbegründer des Biotechnologieunternehmens Axiogenesis.