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Hilfe, wie geht das?

Autor: Leon Kirschgens
Entwicklungshilfe ist rätselhaft. Sie ist wichtig und notwendig, aber wirkt selten langfristig. Und sie schafft neue Probleme. Vier Thesen, wie es besser gehen könnte

Kilian Kleinschmidt war schon vieles: Pazifist, Kaninchenzüchter, Produzent von Ziegenkäse, Dachdecker. Dann fand er seine Bestimmung: Helfer. Für das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen arbeitete er ein Vierteljahrhundert unter anderem in Uganda, Kenia und Somalia. Ein Jahr lang leitete der heute 56-Jährige das jordanische Flüchtlingscamp Zaatari, in dem 120.000 Menschen lebten. 2014 gründete er Switxboard. Die Firma vernetzt Ideengeber, Unternehmer, Investoren und Philanthropen aus Industrie- und Entwicklungsländern miteinander. Fragt man ihn, was zu tun ist, um wirkungsvoller zu helfen, antwortet er:

1: Hilfe ist nicht gleich Hilfe

Um die Nachhaltigkeitsziele der UN zu erreichen, bräuchte man eigentlich zwei Billionen Euro pro Jahr, sprich: fast neunmal so viel wie derzeit in die Entwicklungshilfe fließt. Umso wichtiger ist es, die bestehenden Ressourcen so gut wie möglich aufzuteilen. Dabei sollte Entwicklungshilfe nicht als rein finanzielle Hilfe gesehen werden, sondern als eine Form der materiellen Unterstützung. Es geht darum, Ressourcen zur Verfügung zu stellen, mit denen lokale Gemeinschaften neue Krankenhäuser, Geschäfte und Schulen aufbauen können. Vor allem die lokale Wirtschaft braucht das notwendige Startkapital, um unabhängige Produktionskreisläufe aufzubauen. Denn viel zu oft bleibt es bei den improvisierten Schulen in Containern und Zelten der Nothilfe, die dann im Laufe der Zeit immer mehr Schüler beherbergen müssen, statt einmal ein neues, modernes Gebäude zu bauen, das dann auch groß genug ist, um mitzuwachsen. Die Reiner-Meutsch-Stiftung ging in Wallacedene, einem Vorort von Kapstadt, mit gutem Beispiel voran: Anfang des Jahres baute sie dort ein Schulzentrum, in dem nun mehr als 100 Kinder lernen. Aber viele solcher Projekte sind oft nicht in das nationale Schulsystem eingebunden und deswegen nicht nachhaltig.

2: Arbeitsplätze und soziale Sicherheit sind entscheidend

Arme Länder brauchen funktionierende Gesundheitssysteme und Sozialversicherungen. Das kann zum Beispiel ein Grundeinkommen sein, verbunden mit der Auflage, sich eine Krankenversicherung zuzulegen. Oder eine kollektive Versicherung, die Bauern für den Fall einer Dürreperiode finanziell vor Pleite und Hunger schützt. Wie etwa die Versicherung der African Risk Capacity, einer KfW-Tochter: Die Versicherung ersetzt im Fall einer extremen Dürre die entstandenen Schäden. Deutschland, Großbritannien und fünf afrikanische Länder haben insgesamt rund 170 Millionen US-Dollar als Startkapital investiert. Das erfolgreichste Mittel, um Armut langfristig zu bekämpfen, sind aber Arbeitsplätze: Wer Arbeit hat, verdient Geld – und entkommt so der Armutsfalle. Entwicklungshilfe bedeutet, die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes zu unterstützen, in lokale Unternehmen zu investieren und ihnen beim Wachstum zu helfen, damit sie neue Mitarbeiter einstellen können.

3: Die Hilfe muss sich nach den Menschen richten

Als reiche Europäer sollten nicht wir entscheiden, was Menschen in Entwicklungsländern brauchen. Viel zu oft steckt dahinter Überheblichkeit: Wir, die reichen, klugen Europäer, definieren, was gut für die armen, nicht so klugen Afrikaner ist. Wir kümmern uns um sie, als könnten sie das nicht selbst. Dabei wissen die Menschen vor Ort viel besser, was sie benötigen. Sie sollten die Infrastruktur nach ihren eigenen Vorstellungen aufbauen können, nicht nach europäischen oder amerikanischen Vorbildern.

Hilfsgelder werden vor allem in Städten dringend gebraucht: Denn jeden Tag ziehen allein in Afrika 40.000 Menschen vom Land in die Stadt. Da braucht es eine funktionierende Infrastruktur, genügend Wohnungen, Jobs und Schulen. Das gelingt, indem Hilfs- und Entwicklungsgelder lokalen Gemeinden und Regierungen zugutekommen. Nun heißt es häufig, dass die Regierungen und lokalen Verwaltungen korrupt seien. Doch das ist ein Vorurteil, welches in den meisten Fällen nicht zutrifft. Zur nachhaltigen Entwicklung einer Stadt gehört letztlich, die ortsansässigen Unternehmen zu fördern. Sie sind der Motor einer wirtschaftlich gut aufgestellten Stadt und der Garant für nachhaltige Arbeitsplätze.

4: Unternehmen sollten investieren

Eine besondere Rolle kommt Unternehmen aus Europa und Asien zu. Sie haben die Mittel zur Verfügung, von denen wirtschaftlich schwache Regionen profitieren können. Wenn Unternehmen Firmen in Entwicklungsländern an ihrem technologischen Fortschritt der vergangenen Jahre teilhaben lassen, könnte sich viel verändern. Es braucht Unternehmenspartnerschaften, die Know-how teilen, zusammenarbeiten, sich vernetzen. So wie die Investmentfirma GreenTec, die sich an afrikanischen Start-ups beteiligt. GreenTec analysiert die Geschäftsideen, schlägt Verbesserungen vor und hilft den Startups dabei, ihre Ziele zu erreichen. Mehr als zehn afrikanische Firmen profitieren derzeit von der GreenTec-Förderung. Das Beispiel zeigt: Es geht nicht nur darum, etwas zu spenden und dies als Corporate-Social-Responsibility-Maßnahme zu sehen. Es müsste vielmehr darum gehen, nachhaltig zu investieren. Afrika etwa gilt nicht umsonst als Chancenkontinent und könnte in 20 Jahren das nächste China werden. Denn sowohl der Mittelstand als auch junge, sehr innovative Unternehmen wachsen rasant. Afrikanische Firmen sind europäischen in vielen Entwicklungen voraus, etwa beim digitalen Banking. Aber um das zu erkennen, muss man genau hinsehen – und zuhören.