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Europa braucht anständige Unternehmer

Autor: Franz Markus Haniel |
Foto: Haniel
Eine fehlgeleitete Wirtschaft hat Europa ins Straucheln gebracht. Deshalb fordert Haniel-Aufsichtsratsvorsitzender Franz Markus Haniel: mehr Anstand!

Europa hat die Krise überstanden – diese Interpretation lassen zumindest die Zahlen zu, die die OECD in der vergangenen Woche veröffentlicht hat: Die Organisation prognostiziert für Europa 2013 einen BIP-Anstieg um 0,2 Prozent, für Deutschland sollen es immerhin 0,7 Prozent sein. Es wäre das erste Plus nach sechs Minus-Quartalen in Folge – der längsten Rezession in der Euro-Zone. Dennoch ist es zu früh für eine Entwarnung: Der Aufschwung steht auf wackligen Beinen, die Entwicklung zum Beispiel in Italien und Griechenland kann uns ebenso zu Fall bringen wie die Pleite der USA. Doch selbst wenn es uns in Europa gelingen sollte, langfristig wieder auf die Füße zu kommen – unseren Platz an der Spitze haben wir längst eingebüßt. Mag ein BIP-Anstieg von 0,2 Prozent zwar ein Erfolg für Europa sein, beim Blick auf das für China prognostizierte Wachstum von 7,4 Prozent zeigt sich, wo wir wirklich stehen. Um das Bild aus der Mythologie aufzugreifen: Europa packt den Stier schon längst nicht mehr bei den Hörnern. Stattdessen laufen wir Gefahr, unter seine Hufe zu geraten.

Was Europa ins Wanken gebracht hat, war eine fehlgeleitete Wirtschaft. Denn unabhängig von allen Diskussionen um politische Mehrheiten, die vor allem in diesen Tagen die Medien beschäftigen: Es ist die Wirtschaft, die Europa prägt. Geht es den Unternehmen schlecht, wirkt sich das unmittelbar auf die Lebenssituation aller Menschen aus. Die Wirtschaft ist deshalb der Hebel, an dem wir für langfristigen Wohlstand ansetzen müssen. Was wir brauchen, ist ein neues, ein im Wortsinne „anständiges“ Unternehmertum, das nicht die maximale Bereicherung einiger weniger im Blick hat, sondern den Gewinn aller. Für den Kampf um diese Wirtschaftsethik hat Europa viele Waffen geschmiedet – doch sie sind allesamt stumpf: Mit immer mehr Regularien versuchen wir, verantwortungsvolles Handeln zu erzwingen. Milliarden Euro fließen in die Entwicklung und Kontrolle dieser Vorschriften und Kodizes. Ihr Effekt ist: bescheiden. Offenbar gelingt ist nicht einmal, die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Laut einer Studie der Universität Halle-Wittenberg und PriceWaterhouseCoopers waren 2011 allein in Deutschland knapp 60 Prozent der Großunternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen; im öffentlichen Sektor ist die Quote nur unwesentlich geringer. Der jährliche Schaden bezogen auf Unternehmen wird mit etwa vier Milliarden Euro beziffert. Das sind beängstigende Zahlen, aber immerhin gehen die Fälle von Wirtschaftskriminalität zurück. Das mag den Sinn von Regularien belegen, auf dem Weg zurück an die Spitze der Weltwirtschaft helfen sie uns jedoch nicht. Anständiges Verhalten lässt sich nicht anordnen – ebenso wenig, wie man auf Befehl rotwerden kann. Vorschriften können uns höchstens helfen, das Falsche zu unterlassen. Aber was hilft uns dabei, das Richtige zu tun? Und das auch und vor allem in unberechenbaren Situationen, solchen, wie wir sie in Europa unbestreitbar haben? Das letzte, was Europas Wirtschaft jetzt braucht, ist ein kompliziertes Normgefüge, das ihr von außen aufgezwungen wird. Europa braucht nicht besser regulierte Manager, es braucht verantwortungsbewusste, „anständige“ Unternehmer. Es braucht Menschen, die nach einem einfachen aber verlässlichen inneren Kompass handeln, die sich auch dann anständig verhalten, wenn keiner kontrolliert! Europa braucht wieder Werte.

Nun ist das mit Werten so eine Sache. Sie entstehen nicht über Nacht. Die Familie und das Unternehmen Haniel haben ein festes Wertesystem, das sich über mehr als 250 Jahre immer weiter festigen konnte. Es war mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Franz Haniel, der die Werte geprägt und vorgelebt hat, nach denen wir uns noch heute richten. Diese Werte beruhen letztlich auf den Prinzipien des „Ehrbaren Kaufmanns“: Es gilt, Entscheidungen zu treffen, die es uns ermöglichen, guten Gewissens in den Spiegel zu blicken. Und das kann nur, wer schon heute stets so handelt, dass es auch künftigen Generationen zu Gute kommt. „enkelfähig“ nennen wir das bei Haniel. Nicht nur für die Familie, sondern auch für die familienfremden Manager, in deren Hände wir die Unternehmensführung seit rund einem Jahrhundert legen, ist dieses gemeinsame Werteverständnis ein zentrales Kriterium. Natürlich sind fachliche Kompetenzen unerlässlich. Aber ohne anständiges Verhalten, Charakter, Integrität und Empathie ist das alles: nichts.

Deshalb ist meine Forderung nach einem neuen Unternehmertum für Europa letztlich viel mehr: Es geht darum, die Wertebildung zum zentralen europäischen Ziel zu machen. Hören wir also auf damit, unser Schul- und Ausbildungssystem ständig weiter zu bürokratisieren und zu regulieren. Die Vermittlung von Fachwissen wird vermutlich ohnehin immer kurzfristiger erfolgen müssen – schließlich gibt es die meisten der Berufe und Geschäftsmodelle, in denen unsere Kinder einmal arbeiten werden, heute überhaupt noch nicht. Unsere Systeme mit diesem allenfalls diffusen Verständnis von den Wissensanforderungen der Zukunft in Einklang bringen zu wollen, kann nur in der Sackgasse enden. Stattdessen müssen wir alles daransetzen, der nachwachsenden Generation etwas mitzugeben, das über Trends und Megatrends hinaus Bestand hat: einen verlässlichen Wertekompass. Er gibt unabhängig von den gerade gefragten Fachkompetenzen den nötigen Rückhalt, um frei zu denken, kreativ zu sein und Neues zu wagen. Denn nicht Wissen, sondern Werte sind der Nährboden für Innovation. Jener Kraft, die Europa so dringend braucht, um den Stier wieder bei den Hörnern zu packen.

Dieser Beitrag ist zeitgleich in der Huffington Post Deutschland erschienen.

Franz Markus Haniel (Jahrgang 1955) ist Aufsichtsratsvorsitzender der Franz Haniel & Cie. GmbH in Duisburg – einem der ältesten Familienunternehmen Deutschlands zu dessen Portfolio unter anderem die Metro Group und Celesio gehören. Der Vater von vier Kindern ist ein direkter Nachfahre von Franz Haniel, der dem Unternehmen seinen Namen gab und zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Grundstein für dessen anhaltenden Erfolg legte. Seine berufliche Laufbahn begann Franz Markus Haniel, der Diplom-Ingenieur für Maschinenbau ist, bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. 2000 trat er in den Technologiekonzern Giesecke & Devrient ein, wo er sechs Jahre lang als Geschäftsführer tätig war.