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Alter, mach’s gut

Autor: Christoph Koch |
Foto: Fine Art Images
Ewiges Leben ist eine der ältesten Utopien der Menschheit. Bringen uns Zellbiologie und künstliche Intelligenz der Erfüllung dieses Traums näher?

Ich stehe fast nackt in einer schwarzen Röhre, die sich in einem Lieferwagen befindet. Dieser wiederum steht auf dem Google-Campus im kalifornischen Mountain View. Abgesehen von meinen Boxershorts, trage ich nur Handschuhe und Socken, trotzdem herrschen um mich herum gerade minus 150 Grad. Möglich machen die superniedrigen Temperaturen zwei silberne 180-Liter-Edelstahltanks, in denen sich flüssiger Stickstoff befindet. Ganzkörper-Kryotherapie ist der Fachbegriff für die Prozedur. Drei Minuten werde ich tiefgekühlt, die Handschuhe und Socken verhindern Erfrierungen der Finger und Zehen. Die extreme Kälte soll Verletzungen heilen, die Muskelregeneration fördern, Hautbild und Schlaf verbessern, Endorphine bilden, Hunderte von Kalorien verbrennen und eine verjüngende Wirkung haben. Nur das Brexit-Dilemma und den Syrienkonflikt lösen kann das Wunderbad in der Kälte leider noch nicht – und wissenschaftlich bewiesen ist wenig. Aber Sportler und Prominente von Cristiano Ronaldo und Dirk Nowitzki bis Jessica Alba und Jennifer Aniston schwören darauf.

Hier auf dem Parkplatz bietet das Start-up Cryoworks Google-Mitarbeitern in der Mittagspause an, sich kurz schockfrosten zu lassen – und wie alles, was mit dem Thema Gesundheit oder Lebensverlängerung zu tun hat, kommt das Angebot gut an. Von der Idee, den eigenen Körper per Kryotechnik in einen frostigen Tiefschlaf versetzen und erst dann wieder auftauen zu lassen, wenn es Heilmittel für sämtliche Krankheiten gibt, ist die Lieferwagenröhre noch weit entfernt. Aber an anderen Orten des Silicon Valley wird eifrig an der Ausdehnung des menschlichen Lebens in Richtung Unendlichkeit geforscht. Kein Wunder: Wenn Hacker-Geist und Hybris, viel Geld und ein lösungsorientierter Ingenieursblick zusammenkommen, ist das Altern schnell als die nächste Grenze ausgemacht, die es zu überwinden gilt. Google selbst forscht mit seinem Biotech-Unternehmen Calico mit Milliardenbudget gegen das Altern an. Der hochrangige Google-Mitarbeiter Ray Kurzweil geht davon aus, dass wir irgendwann „unser Gehirn in die Cloud hochladen können“. Von Google-Gründer Sergey Brin bis Oracle-Chef Larry Ellison – zahlreiche Tech-Milliardäre sind vom Thema Lebensverlängerung fasziniert.

40 Autominuten nördlich von San Francisco befindet sich mit dem Buck Institute eines der wichtigsten Forschungszentren für die Erforschung des Alterns. Niemals sterben müssen oder zumindest: sehr, sehr alt werden zu können – das ist ein großer Menschheitstraum. Der Tod ist „eine Provokation, weil er eine Grenze markiert, die der Wille nicht zu überschreiten vermag“, schreibt beispielsweise der britische Philosoph John Gray in seinem Buch „Wir werden sein wie Gott“. Auch mir erscheint der Gedanke, das Altern aufzuhalten, verführerisch. Ewig leben? Vielleicht nicht unbedingt. Das klingt ein bisschen wie jeden Tag Schokoladeneis oder beim Fußball immer automatisch gewinnen. Aber die Jahre auszudehnen, die man gesund und aktiv auf der Erde verlebt – wer hätte etwas dagegen? 16 Milliarden Dollar geben allein die US-Amerikaner jährlich für Schönheitsoperationen aus – wie viel wären sie bereit zu zahlen, um gar nicht mehr zu altern?

Flucht vor dem Altern

Rund zwei Jahre nach meinem kalifornischen Kältebad in der Stickstoff-Eistonne treffe ich in Berlin mit Aubrey de Grey einen der prominentesten Vertreter der sogenannten Longevity-Szene, zu Deutsch „Langlebigkeit“. De Grey ist 55, sieht aber mit seinem bauchlangen Rasputinbart, Pferdeschwanz und nicht mehr ganz weißen Zähnen locker zehn Jahre älter aus. Der Bioinformatiker und Biogerontologe ist vor einigen Jahren von seiner britischen Heimat ins Silicon Valley ausgewandert und dort zu einer Art Guru für eine wohlhabende Klientel von Unternehmern und Investoren geworden, die gerne ewig leben würden. Paypal-Gründer Peter Thiel hat über drei Millionen Euro in de Greys Methuselah Foundation investiert, welche de Grey selbst mit drei Vierteln seiner 15-Millionen-Erbschaft anschob. „Altern ist eine Krankheit und wir sollten und werden sie heilen können“, ist de Greys Credo, das er auch an diesem Abend im Rahmen eines Abendessens in kleiner Runde im Hinterzimmer eines italienischen Restaurants zum Besten gibt. „Ich beschäftige mich jetzt seit fast 25 Jahren mit dem Thema“, sagt er, während er seinen Bart festhält, damit der nicht in die Minestrone hängt. „Anfangs galt es noch als verpönt, etwas gegen das Altern unternehmen zu wollen – man durfte allenfalls versuchen, es zu verstehen. Gerontologen waren lange wie Erdbebenforscher, die einem sagen, dass ein Erdbeben eine schlimme Sache ist, aber dass sie nichts dagegen tun können.“

Zehn Gäste sitzen um den Tisch und lauschen seinen Ausführungen: Ein paar Risikokapitalgeber sind darunter, ein ehemaliger Arzt, der jetzt ein Medizin-Start-up gegründet hat, insgesamt eine bunte Mischung. Vor dem Hauptgang erklärt de Grey seine Theorie von der „Fluchtgeschwindigkeit“: Mit dem Begriff bezeichnet man in der Weltraumforschung das Tempo, das beispielsweise eine Rakete erreichen muss, um die Erdanziehungskraft zu verlassen. In de Greys Metapher ist die Erdanziehung die Alterung. „Niemand muss Unsterblichkeit erfinden. Es reicht, wenn wir es schaffen, einem 90-Jährigen wieder das biologische Alter von 60 zu schenken“, erklärt er. „Wenn er dann wieder 90 ist, kann es komplizierter sein, ihn wieder auf 60 runterzukriegen, weil seine Zellen vielleicht noch stärker geschädigt sind als beim ersten Mal – aber wir haben dafür auch 30 Jahre Zeit gewonnen.“ In dem Augenblick, in dem die Forschung das Alter immer wieder genug zurückdrehen kann, um Zeit für die weiteren Fortschritte zu gewinnen, sei die „Fluchtgeschwindigkeit“ erreicht.

Bourbon statt Weizengras-Shot

Bei der Frage, wie das geschehen kann, ist der Brite – der statt Quinoa und Weizengras-Smoothie lieber Pasta und einen doppelten Bourbon ohne Eis zu sich nimmt – komplett agnostisch: „Es gibt verschiedene Ansätze, die aber voneinander profitieren“, sagt er. „Fortschritte in einem Bereich können uns auch in anderen Gebieten helfen.“ Mein Plan, mich im Alter einfrieren und in einer Welt wieder auftauen zu lassen, in der das Altern aus der Mode gekommen ist und alle Krankheiten heilbar sind, ist einer, der so schnell nicht Realität werden wird. Ein zentrales Hindernis sind die massiven Schäden, die bereits durch die Kristallisation beim Einfrieren entstehen. Auch bei der von Ray Kurzweil favorisierten Idee, den Körper als nutzlose Hülle zurückzulassen und nur noch als Bewusstsein in einer KI-Cloud zu existieren, gibt es noch kein verbindliches Lieferdatum. Das gilt zwar auch für den Lösungsansatz rund um die sogenannten seneszenten Zellen – auf diese konzentrieren sich im Moment jedoch Aufmerksamkeit und Hoffnungen der Forscher. Warum wir überhaupt altern, hat viel mit diesen seneszenten Zellen zu tun: Jede Zelle kann sich einige Dutzend Male teilen, dann stirbt sie ab. Das ist kein Problem – schwierig sind hingegen die Zellen, die sich nicht mehr teilen, jedoch auch keinen „Zellenselbstmord“ (offiziell: Apoptose) verüben. Sie werden „seneszent“ genannt, sammeln sich im alternden Körper an und sind für Entzündungen und diverse Alterskrankheiten verantwortlich. Mäuse, denen man diese Zellen entfernen kann, bleiben länger gesund und leben länger. Verschiedene Unternehmen, wie beispielsweise Oisín oder der Buck-Institute-Ableger Unity Biotechnology, versuchen nun, dies auch beim Menschen möglich zu machen. Unity setzt dabei auf Medikamente, Oisín auf Gentechnik.

Ein anderer Ansatz, den gerade viele Biogerontologen verfolgen, erinnert an den Ölwechsel beim Auto: Schon eine gewisse Menge Blut eines jungen Lebewesens kann helfen, um das ältere, dem es verabreicht wird, zu verjüngen. Die Grundlagen für die Erforschung dieses Phänomens legte bereits im Jahr 1864 der französische Physiologe Paul Bert. Dieser war nicht zimperlich: Er nähte Albinoratten der Länge nach zusammen und stellte fest, dass sich nach einer Weile ihre Blutkreisläufe miteinander verbanden. Mitte des 20. Jahrhunderts führten andere diese Experimente fort und stellten dabei fest, dass ältere Ratten und Mäuse profitierten, wenn man sie mit jüngeren Artgenossen zusammennähte: Ihr Gewebe und ihre Knochen verjüngten sich.

In Deutschland ist die sogenannte Parabiose seit über 30 Jahren verboten, in anderen Ländern nicht: An der US-Uni Stanford forscht vor allem das Team um den gebürtigen Schweizer Tony Wyss-Coray in diesem Gebiet und stellte fest, dass auch die Gehirne der alten Mäuse von dem jungen Blut profitierten. Der „Durchbruch des Jahres“, so urteilte das Wissenschaftsmagazin „Science“. Auch hier stellt sich jedoch die Frage, ob, was für Mäuse gilt, auch auf Menschen übertragbar ist. Ein Start-up namens Ambrosia wollte dies durch einen umstrittenen Versuch nachweisen: Für 8.000 Dollar pro Person konnten sich Probanden einmalig zwei Liter Blutplasma von jugendlichen Spendern verabreichen lassen. Während die Organisatoren natürlich von sensationellen Ergebnissen sprachen, war die Forschergemeinde insgesamt skeptisch. Auch wenn es in den USA nicht verboten ist, Probanden für Versuchsreihen bezahlen zu lassen, gilt es als unseriös. Zudem fehlte die für jede fundierte Studie nötige Vergleichsgruppe, die, ohne es zu wissen, ein Placebo bekommt – was bei 8.000 Dollar Gebühr wiederum schwierig durchzusetzen wäre.

Wyss-Coray hat selbst eine Firma namens Alkahest gegründet, um mit ihr zu ermitteln, ob junges Blut bei Menschen gegen Demenz, Alzheimer und ähnliche Altersleiden helfen oder sogar das Altern komplett stoppen kann. In China gibt es Forschungen zur Wirkung von jungem Blut auf Schlaganfallpatienten, südkoreanische Wissenschaftler studieren den Einfluss von Jungblut auf die Knochendichte. Alle haben jedoch dasselbe Problem: Selbst wenn herauskommt, dass junges Blut alten Menschen hilft: Blut, insbesondere Blutplasma, ist schon jetzt rar und in Notaufnahmen extrem gefragt. Wo sollen die großen Mengen herkommen, die es bräuchte, um einen derartigen Jungbrunnen permanent zu befüllen?

„Lebensversicherungen, Hypotheken, alle großen Anschaffungen, Erbschaften – das wird alles komplett durcheinandergeraten. Die Welt wird verrückt spielen“

Aubrey de Grey

Aubrey de Grey macht sich keine Sorgen, ob ewiges Leben – oder zumindest Gesundheit bis in ein sehr hohes Alter – eines Tages eine Frage des Geldes sein könnte. „Der ökonomische Nutzen daraus, das Leben so vieler Menschen wie irgend möglich zu verlängern, wird gigantisch sein“, sagt er. „Es macht also, abgesehen von den ethischen Implikationen, auch wirtschaftlich gar keinen Sinn, es nur ein paar Reichen zu ermöglichen.“ Eher bereitet es ihm Sorgen, was eine realistische Option von ewigem Leben mit den Köpfen der Menschen und der Gesellschaft machen könnte. „Wenn die Menschen eines Tages aufwachen und ihre Lebenserwartung liegt nicht mehr bei 90 Jahren, sondern bei unendlich, wird das für große Instabilität sorgen“, so de Grey. „Wenn sich die Erwartungen der Menschen ändern, ändert sich auch, wofür sie ihr Geld ausgeben: Lebensversicherungen, Hypotheken, alle großen Anschaffungen, Erbschaften – das wird alles komplett durcheinandergeraten. Die Welt wird verrückt spielen.“

Ich persönlich bin skeptisch, ob die „Fluchtgeschwindigkeit“ in Bezug auf das Altern zu meinen Lebzeiten noch erreicht werden wird. Vielleicht ist es auch besser so: Denn welchen Wert hätte die Zeit, wenn allen endlos davon zur Verfügung stünde? Warum sollte man irgendwas in seinem Leben zu Ende bringen, wenn man weiß, dass einem noch Jahrhunderte dafür bleiben werden? Vielleicht wird das Leben genau dadurch so wertvoll und besonders, dass es begrenzt ist – und niemand genau weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt.


Bild: Der Jungbrunnen von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahr 1546. In den Motiven des Gemäldes, auf dem sich alte Frauen durch ein Bad verjüngen, mischen sich Alltagsszenen mit sagenhaften Vorstellungen und mittelalterlichen Männerfantasien.