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Familie Haniel – ein Blick hinter die Kulissen

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Max Brunnert
Seit mehr als 260 Jahren ist das Unternehmen Haniel vollständig in Besitz der Familie Haniel, die mittlerweile rund 1.400 Mitglieder zählt. Drei von ihnen sprechen über die Bedeutung von Familie und Unternehmen

[KATHARINA FREIFRAU VON EYB-VONCKE]: Ich habe anhand der Geburtstagsliste mal durchgezählt und denke, dass ich etwa ein Drittel der über tausend Familienmitglieder kenne. Diese große Haniel-Familie ist schon etwas Besonderes, nicht zuletzt, weil sie eine lange Geschichte hat und heute so professionell gemanagt wird. Anteilseignerin bin ich mit 24 Jahren geworden. Damals hatte ich von meinen ersten Gehältern etwas über, und mein Vater hat mir geraten, in das Unternehmen zu investieren. Bis ich 18 Jahre alt war, spielte Haniel in den Gesprächen mit meinen Eltern eher keine Rolle. Und so halte ich es auch zu Hause: Meine Kinder sind jetzt elf und 13 Jahre alt. Die wissen, dass es das Unternehmen gibt, aber mehr auch nicht.

[PROFESSOR DR. KAY WINDTHORST]: Die Familie Haniel ist für mich klar getrennt in drei separate Kreise: Da sind die Gesellschafter. Als Zweites die Familienmitglieder, die noch keine Anteile halten, diese aber erwerben können. Der dritte Kreis sind sonstige Familienmitglieder ohne Anteile. Das ist aber die rein organisatorische Sichtweise – im persönlichen Kontakt spielt es überhaupt keine Rolle, wer wie viele Anteile hält. Sicher auch, weil wir nicht in Stämmen oder Erblinien denken. Das ist sehr ungewöhnlich für dynastische Familienunternehmen wie Haniel und ein großer Vorteil. Nicht umsonst spricht man von Stammeskriegen. Und die gibt es bei uns zum Glück nicht.

[DANIEL GRISAR]: Meine früheste Erinnerung in Bezug auf die Familie und das Unternehmen ist, dass meine Eltern einmal im Jahr für ein Wochenende weg waren und dann mit einem großen Haniel-Beutel zurückgekommen sind, in dem zum Beispiel der Geschäftsbericht drin war. Den lese ich inzwischen selber regelmäßig und nehme außerdem an den Family-Calls mit dem Vorstand teil, die das Unternehmen etwa nach der jährlichen Bilanz-Pressekonferenz anbietet.

Die Trennung von Kapital und Management

[VON EYB-VONCKE]: Ich habe noch nie jemanden in der Familie gehört, der dieses Prinzip ernsthaft infrage gestellt hätte. Wir sind alle sehr dankbar für den Frieden, den die Trennung mit sich bringt. Dennoch gibt es Familienmitglieder, die sich gerne mehr einbringen würden. Auf der einen Seite gibt es da viele gute Impulse und Ideen, auf der anderen Seite sind wir in unseren Mitgestaltungsmöglichkeiten limitiert. Als Mitglied des Beirats würde ich meine Rolle als die einer passiven Unternehmerin beschreiben. Ich möchte dafür sorgen, dass die Familie zusammenhält und das Unternehmen wachsen und gedeihen kann – so, wie es schon Generationen vor uns getan haben.

[WINDTHORST]: Dass die Eigentümer die Geschäftsführung an Externe abgeben, war in Deutschland vor zehn, 15 Jahren ein Ausnahmefall. Aber ich beobachte, dass immer mehr Familienunternehmen dieses Prinzip übernehmen, aus einem einfachen Grund: Familie ist Zuneigung, Emotion, Liebe, auf Lebenszeit. Unternehmen stehen hingegen für Profit und Rationalität. Wegen dieser Zielkonflikte macht die Trennung von Kapital und Management absolut Sinn. Trotzdem sehe ich bei der Familie nach wie vor große Gestaltungsverantwortung. Über Gremien wie den Kleinen Kreis und den Aufsichtsrat geben wir in Zusammenarbeit mit dem Vorstand eine klare Vision und Strategie für das Unternehmen vor. Wie wichtig ist uns Wertentwicklung versus Cash-Entwicklung? Wie viel Risiko wollen wir eingehen? Wie wollen wir das Unternehmen diversifizieren? All das sind Fragen, auf die wir als Gesellschafter Antworten finden müssen.

[GRISAR]: Natürlich ist es schade, dass wir keine beruflichen Erfahrungen bei Haniel sammeln können. Kompensiert wird das ein Stück weit durch das Netzwerk „Wahlverwandtschaften“, das jungen Gesellschaftern Praktika in anderen Familienunternehmen ermöglicht. Wichtig finde ich, dass man die emotionale Verbindung zum Unternehmen nicht verliert. Durch Jugendtreffen und spezielle Seminare für Gesellschafter versuchen wir, dem entgegenzuwirken, aber es bleibt eine ständige Herausforderung. Dabei hilft, dass viele von uns nach wie vor so etwas wie ein Unternehmer-Gen in sich tragen. Ich jedenfalls habe viel Spaß daran, mich mit solchen Themen zu befassen, und kann mir gut vorstellen, mich im Beirat einzubringen. Wobei ich schon denke, dass auch die Gremien sich mit dem Wandel der Zeit verändern müssen. Als es nur 200 Gesellschafter gab, war der Beirat ein gutes Instrument, um Informa-tionen an die Anteilseigner zu streuen. Um die wachsende Familie zu managen, braucht es angepasste Strukturen.

 


Video: Über Zusammenhalt und Zukunft


 

Ehrgeiz und Netzwerke

[VON EYB-VONCKE]: Ich erinnere mich noch sehr genau an mein erstes Jugendtreffen: Da stand einer meiner Onkel auf der Bühne und hielt eine Rede auf die jungen Frauen. „Ihr seid die Zukunft, ihr habt alle Chancen und den Rückhalt der Familie. Macht was draus“, das waren seine Worte. Insofern trägt die Familie schon sehr stark bei zum eigenen Selbstbewusstsein. Man wird immer ermutigt, seinen Horizont zu erweitern und seinen eigenen Weg zu gehen. Das treibt enorm an.

[WINDTHORST]: Ehrgeiz ist in Maßen hilfreich, aber viel wichtiger war mir immer, authentisch zu bleiben. Natürlich ist die Familie auch ein riesiges Netzwerk, aber zumindest für mich kann ich sagen, dass ich es nie genutzt habe, um beruflich voranzukommen. Ich sehe das eher so: Jeder soll sich allein seinen beruflichen Erfolg erarbeiten. Und wenn er dann etwas geleistet hat, ist er ein veritabler Kandidat für die Gremien bei Haniel und kann sich dort weiterentwickeln.

[GRISAR]: Es ist schon ein gutes Gefühl zu wissen, dass man in vielen Städten einen familiären Anknüpfungspunkt hat. Im beruflichen Kontext ist es von Vorteil, Fragen stellen zu können – wir haben ja Experten auf so ziemlich jedem Gebiet. Generell wird es schon gern gesehen, wenn wir etwas vorantreiben, statt das Leben – überspitzt ausgedrückt – am Strand zu verbringen. Ich erlebe das als sehr positiv, weil es mir Spaß macht, die Dinge zu gestalten. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es für den ein oder anderen Druck erzeugt.

Die Entwicklung des Geschäfts

[VON EYB-VONCKE]: Die jüngsten Veränderungen im Haniel-Portfolio haben wir innerhalb der Familie durchaus kritisch diskutiert. Gerade die Abkehr vom reinen Handelsgeschäft war für einige erklärungsbedürftig. Was generell gut ankommt, ist die klare Positionierung als Family-Equity-Unternehmen. Nicht der Haifisch-Investor zu sein, sondern einen nachhaltigen Ansatz zu verfolgen, ist genau der richtige Weg und passt zu unserer Geschichte. Jetzt müssen wir sehen, ob die zarten Portfolio-Pflänzchen, die wir da heranziehen, durch die Zeit, die wir ihnen geben, auch innovativer sein können. Außerdem schauen wir sehr genau hin, wie die Holding sich an die veränderten Führungsanforderungen anpasst. Wir sehen, dass das Management ein klares Bild vor Augen hat, und das stimmt zuversichtlich.

[WINDTHORST]: Ich erhoffe mir, dass wir in der Holding eine gewisse Veränderung erleben – weg von einer Perfektions- und Verwaltungskultur, hin zu einer Diskurs- und Fehlerkultur. In Sachen Digitalisierung muss es zumindest gelingen, das Schiff wetterfest zu machen, und noch besser: die Chancen dieser Entwicklung zu nutzen. Ich sehe das Unternehmen da auf einem guten Weg. Wichtig ist mir, das auch den Gesellschaftern zu vermitteln und ihr Vertrauen in die Strategie, aber auch in die Gremien zu stärken. Für die erfolgreiche Zukunft des Unternehmens braucht es den starken Rück- und Zusammenhalt der Familie. Und dieses Vertrauen muss immer wieder neu erarbeitet werden.

[GRISAR]: Wir blicken auf zehn relativ schwierige Jahre zurück, in denen sicherlich nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen wurden. Aber jetzt greift der Veränderungsprozess, und ich finde es gut zu sehen, dass der alte Pioniergeist zurückkehrt. Dabei sollte die Familie kein Klotz am Bein sein. Deshalb frage ich mich derzeit immer öfter: Was kann die Familie noch fürs Unternehmen tun? Schließlich haben wir einen riesigen Schatz an Kontakten, Wissen und Know-how. Ich kann mir zum Beispiel gut vorstellen, dass es sich lohnt, die Familie stärker bei der Suche nach neuen Investments einzubeziehen.


Daniel Grisar (29) arbeitet als Rechtsanwalt für eine Wirtschaftskanzlei. Zudem hat er 2016 gemeinsam mit einem Freund ein Unternehmen gegründet, das Bewerbern anhand einer speziellen Software hilft, ihre Chancen auf einen Medizinstudienplatz in Deutschland zu erhöhen. Grisar hat in Dublin, München und Oxford studiert und lebt heute in Berlin. Er ist ehrenamtlich für eine studentische Rechtsberatung tätig.

Kathalyn Freifrau von Eyb-Voncke (43) ist Finanzberaterin und hat sich 2016 als Finanzcoach für Frauen selbstständig gemacht. Ein Jahr zuvor wurde die gebürtige Münchnerin in den Haniel-Beirat gewählt. Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaft in Reut-lingen und Madrid arbeitete von Eyb-Voncke zunächst in der Unternehmens- und Kommunikationsberatung, inklusive zahlreicher Auslandsstationen. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern (elf und 13 Jahre) lebt sie heute in der Schweiz.

Professor Dr. Kay Windthorst (57) ist unter anderem Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Rechtsdogmatik und Rechtsdidaktik an der Universität Bayreuth. Zudem leitet er dort die Forschungsstelle für Familienunternehmen und ist Mitherausgeber der „Bayreuther Studien zu Familienunternehmen“. Seit 2003 ist Windthorst Mitglied im Haniel-Beirat, 2013 folgte die Wahl in den Aufsichtsrat. Er ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von vier, sieben und neun Jahren.