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Sind Familienunternehmer die besseren Kapitalisten?

Autor: Harold James
Gegenfrage: Ist die Leber wichtiger als die Lunge? Prof. Harold James von der Princeton University über Familienkapitalismus

Es ist paradox: In Ländern wie Italien und Frankreich werden Familienunternehmen für niedrige Investitionen und geringes Wachstum verantwortlich gemacht. In anderen – vor allem in Skandinavien – stehen sie für Vertrauen und Dynamik. Die Debatte ist facettenreich, und sie wird gegenwärtig auf globaler Ebene geführt.

Blicken wir kurz zurück: Die europäische Geschichte hat gezeigt, dass Familienkapitalismus eine wichtige Rolle vor allem in jenen Ländern und Gesellschaften spielt, die tiefgreifende Erschütterungen und Umbrüche erlebt haben. Er macht es möglich, Risiken in einem hochgradig risikoreichen Umfeld zu managen. Dabei kann es sich um politische Risiken handeln, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, oder um wirtschaftliche Risiken, etwa angesichts der weltweiten Transformation der Märkte zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Doch ein solches Risikomanagement kann einen Familienbetrieb auch ins Verderben führen. Die Odebrechts in Brasilien zum Beispiel wurden zuerst gefeiert, dann als Sinnbild der Vetternwirtschaft angeprangert. Noch 2010 wählte das IMD Lausanne Odebrecht zum weltweit besten Familienbetrieb. 2017 galt dasselbe Unternehmen Kritikern als Krebsgeschwür, das Lateinamerika befallen hat.

Ein Unternehmen in Familienbesitz kann den Vorteil haben, das es sichtbar und identifizierbar ist – im Gegensatz zur Gesichtslosigkeit zahlloser Einzelinvestoren oder institutioneller Anleger. Weil Eigentum eines der entscheidenden Merkmale des kapitalistischen Prozesses ist, kann Transparenz wünschenswert sein. Und da die Veräußerung von Anteilen an einem Familienunternehmen vergleichsweise schwierig ist, sorgt dies für eine gewisse Kontinuität. Kurzum: Eigentum verpflichtet, tendenziell langfristig.

Führungskräfte und Arbeiter zu motivieren mag deshalb häufig einfacher sein, als wenn die Belegschaft nicht weiß, ob die (gesichtslosen) Eigentümer eines modernen Konzerns nach amerikanischem Vorbild morgen noch da sind. Die Familie und ihre bleibende Vision bot somit eine bemerkenswerte und beruhigende Alternative zum Pochen auf den „Shareholder Value“, der in den 1990er Jahren in Mode war und mit der „Amerikanisierung“ des unternehmerischen Handelns in Verbindung gebracht wurde.

„Wenn Wirtschaftsregionen in Asien nach erfolgreichen Vorbildern suchen, orientieren sie sich am dynamischen Familienbetrieb“

Harold James

Bestätigt wird die historische Rolle des Familienbetriebs durch jüngste wissenschaftliche Arbeiten, die auf die Bedeutung von Familienunternehmen in Entwicklungsländern, die wirtschaftliche Umwälzungen erleben, hinweisen. So haben zum Beispiel mit der Liberalisierung der indischen Wirtschaft seit 1991 Familienkonzerne an Bedeutung gewonnen, obgleich viele Beobachter damals prophezeiten, sie würden untergehen. Die indische Dynastie Tata sah ihre Rolle darin, die Lücke zu füllen, die die Mängel des staatlich gelenkten Wachstums hinterlassen haben. Und nicht nur das: Die Tatas und Mittals waren sogar ziemlich schnell erfolgreich auf dem internationalen Parkett.

Familienkonzerne bilden auch den Kern des jüngsten Wachstums der chinesischen Wirtschaft. Wenn Wirtschaftsregionen in Asien nach erfolgreichen Vorbildern suchen, orientieren sie sich offensichtlich weniger am angloamerikanischen Großkonzern – dem Modell des vergangenen Jahrhunderts – als am dynamischen und vom Unternehmergeist durchdrungenen Familienbetrieb. Es ist das Modell der Zukunft, das aber eigene Risiken birgt.

Denn überall, wo Familienbetriebe eine wichtige Rolle spielen, stößt allein die Tatsache ihres Erfolgs eine hitzige Debatte darüber an, wie stark die Familie Wachstum und Entwicklung im Land einschränkt. Für Historiker und Soziologen sind diese Kontroversen klassische Beispiele für den Versuch, komplexe soziale Phänomene zu entschlüsseln. Vielleicht wäre es besser, die Familie als eine Art von biologischem Hilfsmechanismus zu betrachten, bei dem es gelegentlich zu Fehlfunktionen kommen kann. Beschwerden über die Familie und deren Einfluss ähneln dann dem Unmut über Störungen einzelner Körperorgane: Sie kommen zwar vor, doch wird häufig übersehen, welche lebenswichtige Rolle das Organ zu allen anderen Zeiten ausfüllt.


Harold James ist Professor für Geschichte und Internationale Politik an der Princeton University und u.a. spezialisiert auf europäische Wirtschaftsgeschichte. Die Haniel-Stiftung unterstützte ihn bei der Arbeit an seinem Sachbuch „Familienunternehmen in Europa“.