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Müssen wir uns ändern, Maja Göpel?

Autor: Myrto-Christina Athanassiou |
Foto: Daniel Gebhart de Koekkoek
Die Fixierung auf Geld und Preise gehört ins Museum, findet die Transformationsforscherin Maja Göpel. Wenn wir die Utopie von einem glücklichen, ökologisch ausgewogenen und guten Leben wahr machen wollen, müssen wir den Wandel lieben lernen

Frau Göpel, Sie sagen, dass wir eine neue Aufklärung brauchen, um eine wirklich menschen- und umweltgerechte Welt zu schaffen. Bitte klären Sie uns auf!

Wir diskutieren seit 40 Jahren über Nachhaltigkeit, und es gibt immer mehr Akteure, die einen radikalen Wandel fordern. Nur wie dieser große Paukenschlag gelingen soll, ist völlig unklar. Das liegt auch daran, dass wir den Blick bislang zu stark auf Technologien und ökonomische Anreize gerichtet haben, ohne die tieferen Logiken zu reflektieren, in die sie eingebettet sind. Ich plädiere deshalb dafür, stärker die Einstellungen der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen: Welche Orientierungsmuster, Überzeugungen und Erzählungen treiben uns an? Mittlerweile passen viele fest verwurzelte Glaubenssätze, nach denen wir leben, nicht mehr mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zusammen.

Aber zumindest in Europa bestreitet doch kaum noch jemand, dass wir mehr für den Schutz des Planeten tun müssen.

Ist das tatsächlich so? In den theoretischen Zielen mag man sich einig sein, aber zum Beispiel das Wachstumsparadigma wird nicht ernsthaft in Frage gestellt. Nur wenn das Bruttoinlandsprodukt wächst, geht das gute Leben weiter – dieser Glaubenssatz ist eines der mächtigsten Hindernisse auf dem Weg zu einer Gesellschaft, die die planetarischen Grenzen respektiert. Solange er besteht, wird es immer Rebound-Effekte geben, das heißt: Es gibt zwar mehr effiziente, umweltfreundliche Produkte, aber die steigende Nachfrage nach ihnen macht die positiven Wirkungen zunichte. Unterm Strich wird immer mehr konsumiert, weil die heilige Kuh BIP-Wachstum nicht geschlachtet werden darf.

Der Wille zum Wachstum hat viele gesellschaftliche, technologische und soziale Fortschritte gebracht. Ohne ihn ist die Soziale Marktwirtschaft kaum denkbar.

Der Glaubenssatz hat lange wunderbar funktioniert, weil er in den Kontext gepasst hat. Immer mehr von allem für alle, nicht nur für Adel und Klerus – dieses Denken lässt sich, vom 17. Jahrhundert aus betrachtet, natürlich als Befreiungsschlag verstehen. Damals ist nicht nur der Kraftverstärker der fossilen Energie entdeckt worden, sondern es sind auch unsere Nationalstaaten, unser Geld- und Kreditsystem, der Kapitalismus und die Demokratie entstanden. Es lebte aber erst eine Milliarde Menschen auf der Erde, umgeben von scheinbar endloser Natur. Mittlerweile sind wir fast acht Milliarden, produzieren und konsumieren ständig mehr – und sollen das sogar für die Stabilität der Wirtschaftsordnung. Damit gerät unser Erd- und Gesellschaftssystem heftig unter Stress, mit zum Teil irreversiblen Folgen. Ein Befreiungsschlag heute müsste sich gegen diese Zwänge richten, die ein gutes, sinnreiches Leben mit erfüllenden Aufgaben und kleinem ökologischem Fußabdruck torpedieren.


Maja Göpel am Rande des Wiesbadener Nachhaltigkeitsdialogs: 17 Ziele für eine bessere Welt


Sie nennen „Futures Literacy“ als eine der zentralen Fähigkeiten, die dabei gefragt sind. Was ist das?

Wir brauchen mehr Menschen, die in der Lage sind, dominante Denkmuster systematisch in Frage zu stellen, sich völlig neue Lösungen auszudenken und mit ihnen zu experimentieren. Eben jene Denkmuster, die in der Alltagspraxis verwurzelt, aber keine Naturgesetze sind. Je mehr Akteure kritisch-konstruktive „Futures Literacy“ ausbilden, desto besser gelingt es, früh auf krisenhafte Entwicklungen zu reagieren und den Möglichkeitsraum für potenzielle Lösungen weit offen zu halten.

Das klingt gut, aber auch abstrakt. Wie funktioniert es in der Praxis?

Schauen Sie sich Bewegungen wie die Gemeinwohlökonomie1 an, in der sich viele deutsche Unternehmer engagieren. Oder die Transition Towns2, die zuerst in Großbritannien entstanden sind. Selbst auf staatlicher Ebene finden Paradigmenwechsel statt, etwa der Index für das „Bruttonationalglück“, der das Königreich Bhutan vor einigen Jahren in die Schlagzeilen katapultiert hat. Er hat die OECD zum Better Life Index3 inspiriert. Überall auf der Welt gibt es längst Menschen, die Pionierarbeit leisten. Sogar die Allianz von Banken und Investoren wächst, die mit Geld langfristig Sinn anstatt nur kurzfristige finanzielle Rendite stiften wollen.

Das mag in der Nische gedeihen, aber lässt sich so ein ganzes Wirtschaftssystem umpolen?

Wenn wir systemisch denken, dann erkennen wir, dass Politik, Technologien, Märkte und individuelles Handeln immer wieder wechselseitig aufeinander einwirken. Sie geben sich gegenseitig Anstöße zur Veränderung – und im Laufe der Zeit wandelt sich so die Architektur des ganzen Systems. Damit entsteht, was ich radikalen inkrementellen Wandel nenne: Viele kleine Schritte, dezentral in Angriff genommen von unterschiedlichen, oft unabhängig voneinander handelnden Akteuren, schaffen eine Dynamik, die eine grundlegende Neuausrichtung der Gesellschaft mit sich bringt. Der politische Rahmen lässt sich in der Regel erst ändern, wenn sich genug Abweichler vom Status quo etabliert haben, die nicht mehr an die legitimierenden Geschichten hinter den politischen Entscheidungen glauben. Wer denkt denn wirklich noch, dass alle Gesellschaften friedlich immer weiter ihre Produktion und ihren Konsum steigern können? Mal ehrlich?

Ich fürchte, das sind immer noch recht viele Menschen. Was setzen Sie dem entgegen?

Zum Beispiel das Ziel eines Wirtschaftssystems, das deutlich widerstandsfähiger gegenüber Krisen ist. Unsere globalisierte Wirtschaft ist auf Effizienz, Geschwindigkeit und finanziellen Return on Investment getrimmt. Funktionen sind deshalb zentralisiert, es gibt in vielen Märkten eine Konzentration von Anbietern, die ähnliche Produkte anbieten und ihre Produktionsketten auf der Suche nach der billigsten Lösung quer über den ganzen Globus spannen. Im Resultat sind unsere Unternehmen immer reaktiver in ihrer Entwicklung, die Volkswirtschaften fragil – und schwerfällig darin, flexibel zum Beispiel auf den Klimawandel zu reagieren.

Vielleicht liegt es nicht in der Natur des Menschen, sich vom ewigen „Immer mehr“ zu verabschieden?

Das ist die Position der herkömmlichen Wirtschaftswissenschaft. Aber selbst dort ist das Konzept vom „Homo oeconomicus“, der stets nur seinen individuellen, kurzfristigen Nutzen maximieren will, inzwischen diskreditiert. Neurowissenschaften, Psychologie, Soziologie und Glücksforschung etwa haben längst valide Belege dafür gefunden, dass wir Menschen uns sicherer und wohler fühlen, wenn wir nicht ständig im Wettkampf sind: Gesundheit, Fairness – also das Gefühl, relativ zu anderen nicht zu kurz zu kommen –, sein Leben gestalten und an der Gesellschaft teilhaben zu können sind die Grundlagen dafür. Die menschliche Natur ist außerdem ein evolutives, sich den Umständen anpassendes Konstrukt. Wenn wir das ernst nehmen, sollte jetzt eine Ära der heroischen Demut beginnen.

Was meinen Sie damit?

Dass wir – radikal betrachtet – einen sicheren Umweltraum für gute menschliche Entwicklung konstruieren und erhalten. Daraus leitet sich die Frage ab, welche inkrementell, aber zügig verbreiteten Innovationen zu dieser Transformation beitragen und mit welchen Messgrößen wir das überprüfen. Die Fixierung auf Geld und Preise als allumfassenden Ausdruck von Wert zum Beispiel gehört ins Museum. Daran können wir alle in unserem Umfeld arbeiten. Je mehr Menschen sich beteiligen, umso wahrscheinlicher, dass wir es schaffen!


Facts & Figures

1Gemeinwohlökonomie
In den 1990er Jahren entstandene Bewegung. Ihre Vertreter setzen sich für eine Wirtschaftsform ein, in der Werte wie Kooperation und Gemeinschaft dominieren. Über 2.000 Firmen haben sich der Initiative inzwischen angeschlossen, darunter viele Bio-Label, aber auch Unternehmensberater, Banken und Handwerksbetriebe.

2Transition Town
Initiativen, die nachhaltige Wirtschafts- und Energieversorgungsmodelle auf lokaler Ebene erproben. Als Kopf der Bewegung gilt der Wissenschaftler und Umweltaktivist Rob Hopkins. Erste offizielle Transition Town war 2007 die südenglische Stadt Totnes. Weltweit gibt es ca. 4.000 Projekte, etwa 120 davon in Deutschland.

3Better Life Index
Von der OECD im Jahr 2011 eingeführt. Der Index mischt statistische Daten und subjektive Einschätzungen zu elf Themen. Abgefragt wird u.a., wie Menschen wohnen, ob und wie viel sie arbeiten und auf welche sozialen Kontakte sie bauen können. Je nach Thema liegen unterschiedliche Länder vorne: Bei der allgemeinen Lebenszufriedenheit etwa schneidet Norwegen derzeit am besten ab, beim Thema Work-Life-Balance die Niederländer.

 


Maja Göpel ist Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“, lebt in Berlin und hat zwei kleine Töchter. Im Alltag versucht sie umzusetzen, was sie in ihren Arbeiten propagiert: Zum Beispiel ernährt sie sich vegetarisch und verzichtet innerhalb Deutschlands auf Flugreisen. Die promovierte Politikökonomin bemüht sich, nur nachhaltig produzierte Bekleidung und Möbel zu kaufen – allerdings war der Mahagoni-Tisch, den sie letztens gesehen hat, extrem schön anzusehen, sagt sie.