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Jungunternehmer in Krisenzeiten

Autor: Patrick Weisker
Für die Teilnehmer der Impact Factory birgt die Corona-Pandemie zusätzliche Herausforderungen in einer ohnehin kritischen Phase. Wie erleben und meistern die Beteiligten des Gründer-Programms die aktuelle Lage? Ein Interview mit Programm-Manager Dirk Sander.

Hallo Dirk. Wie habt ihr die letzten Wochen erlebt? Konnten die Anthropia gGmbH und alle Impact Factory Programmteilnehmer den Wechsel ins Homeoffice meistern?

Wir als Anthropia-Team haben uns recht früh für den Wechsel ins Homeoffice entschieden, noch vor den offiziellen Einschränkungen. Die nötigen digitalen Tools wie Teams, Zoom, Trello oder Slack waren schon soweit etabliert, dass dieser Schritt recht einfach fiel.

Darüber hinaus wollten wir unseren Teilnehmer*innen die gleiche Sicherheit bieten, insbesondere da einige lange Anfahrtszeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln haben. Das gesamte Workshop-Programm zu digitalisieren – das hat uns natürlich vor eine große Herausforderung gestellt. Aber dank einiger starker Programm-Partner*innen ist uns das innerhalb von nur zwei Wochen gelungen. Im Fokus dieser Anstrengung stand besonders Clemens Brandstetter von macc. Seine langjährige Erfahrung – sowohl in der Gestaltung von Trainingsprogrammen als auch der Digitalisierung von Arbeitsprozessen – war entscheidend für diesen reibungslosen Wechsel. Ihm verdanken wir, dass wir für jedes „Offline-Tool“ unseres Programms eine Online-Variante gefunden haben, die möglichst viel Interaktivität gewährleistet.

Außerdem kann ich bereits jetzt sagen: Wir werden an diesem Schritt der Digitalisierung festhalten und auch in Zukunft Teile des Programms online anbieten. Es wird weiterhin Pflichtveranstaltungen vor Ort geben, aber so können wir generell ein flexibleres Arbeiten anbieten.

Wie sieht denn eigentlich ein typischer Workshop-Tag bei euch aus?

Natürlich gibt es verschiedene Formate, da sich unsere Teams auf unterschiedlichen Reifeleveln befinden. Unsere Herausforderung war es, sowohl Create- als auch Scale-Ups an einem Meet&Work-Tag gleichzeitig effektiv anleiten zu können, trotz unterschiedlicher Ansprüche.

Die Create-Ups benötigen als Anfänger selbstverständlich mehr Input. Mit der Methode des Business Model Canvas erarbeiten sie anfangs unter Anleitung ihr jeweiliges Geschäftsmodell. Mit diesem Schritt soll aus einer ersten Idee ein tragfähiges Konstrukt erstellt werden.

Währenddessen arbeiten die Scale-Ups zum Teil auch selbstständig: Wir geben ihnen für den Workshop-Tag einen Rahmen und moderieren nebenbei. Durch die Arbeit im Barcamp-Format, also einem offenen Workshop, gestalten sie die Inhalte dann eigenständig. Beispielsweise ist das eine Form der „Reflecting Teams“-Methode aus dem systemischen Management. Dabei formulieren die einzelnen Teilnehmer*innen ein Problem oder eine Herausforderung, vor der sie momentan stehen, und werfen diese Frage in die Runde. Dann diskutieren alle anderen darüber, wie sie mit dieser Situation in Vergangenheit umgegangen sind oder welche Lösung sie dafür formulieren würden. Der Fragesteller klinkt sich aus diesem Prozess aus – bei Offline-Meetings dreht sich die Person üblicherweise auch um – und hört nur zu. Aus der Diskussion der anderen kann dann alles mitgenommen werden, was die Person für wichtig hält.

Aber natürlich können die Scale-Ups nicht immer nur so grob angeleitet werden. Geht es beispielsweise um die Erarbeitung von Vertriebswegen oder einer Marketing-Strategie, kommt dann einer unserer Programm-Partner*innen ins Spiel und unterstützt die Teams mit fundiertem Fachwissen.

Aber man muss festhalten: Die Start-Ups haben bereits unglaublich viel Know-how. Ein Teilnehmer hat kürzlich einen Workshop zur digitalen Selbstorganisation abgehalten, da er in dieser Hinsicht selbst schon Fachmann war. Besonders unsere Fellow-Teams sind oft selbst die Lehrenden. Mit dieser Absicht haben wir die Kategorie der Fellows ja ins Leben gerufen. Es besteht letztendlich also eine Mischung aus kreativen und Community-orientierten Arbeitsweisen und dem punktuellen fachlichen Input aus unserem Unterstützer-Netzwerk.

Wie reagieren die Teilnehmer auf die Bedingungen? Gibt es Schwierigkeiten für die Jungunternehmer?

Viele Gründer*innen gehen erst einmal ein großes Risiko ein – mit oder ohne Corona. Vor allem kleine und junge Teams haben während der Qualifizierungsphase kein Einkommen, müssen also von Ersparnissen, Nebenjobs oder Stipendien leben. Die meisten gehen einen sehr mutigen Schritt, da man Erfolg eben nicht garantieren kann.

Die aktuelle Situation setzt auf diese generelle Unsicherheit aber noch einmal etwas oben drauf. Wie in vielen anderen Lebensbereichen werden etliche Prozesse verlangsamt oder gar vollständig angehalten: Das ist bei ihnen unter anderem die Akquisition von Pilotkunden oder das Networken und Pitchen auf öffentlichen Veranstaltungen. Hinzu kommt, dass man ohne Gründung oder kurz danach natürlich grundsätzlich durch jedes offizielle Sicherungsraster wie die KfW-Kredite durchfällt.

Aber selbst diejenigen, die bereits am Markt sind, stehen vor schwierigen Zeiten: Das seit über 20 Jahren bestehende, internationale Projekt „Dialog im Dunkeln“ steht durch Corona vor der Insolvenz. Ironischerweise wird es aktuell besonders den gemeinnützigen Sozialunternehmen schwierig gemacht, finanzielle Unterstützung zu erhalten. Im Gesetzesentwurf wurden sie scheinbar schlichtweg vergessen.

Aber trotz alledem geht es bei uns in der Impact Factory gut voran. Bisher hat kein Team so schwerwiegende Probleme, dass ein Weitermachen gefährdet ist.

Und wie sieht es bei euch als Anthropia-Team aus? Kommt ihr gut mit der veränderten Arbeitsweise klar?

Besonders eine Sache ist mir positiv aufgefallen: Die größere Distanz hat für uns eigentlich Nähe geschaffen. Wir kommunizieren flacher und regelmäßiger. Zum einen hat sich in der Villa Anthropia – ganz entgegen unserer Philosophie, schlicht aus pragmatischen Gründen – eine räumliche Hierarchie zwischen Führung und Team eingeschlichen. Diese Abgrenzung ist durch die Online-Kommunikation eher wieder verschwunden, wir kommunizieren wortwörtlich auf einem „flacherem“ Level. Zum anderen gilt gleiches auch für unsere Unterstützer*innen von außen. Diejenigen, die früher rein konzeptionell, quasi „für ein unbestimmtes Create- oder Scale-Up Team“, gearbeitet haben, treten nun deutlich näher mit unseren Teams in Kontakt. An vielen Stellen hat man so ein besseres Verständnis füreinander, für die Stories und Hintergründe oder für die konkreten Bedürfnisse entwickelt.

Etwas schwieriger ist im Gegensatz die Routine. Unser Anthropia-Team arbeitet in dieser Formation ähnlich wie Haniel erst wenige Monate zusammen, Rollen und Routinen müssen sich da erst noch einspielen. Das kompensieren wir über regelmäßige Face2Face-Online-Konferenzen wie One-on-One, Monday Morning Stand-up, Friday Closing Stand-up, Creative Hangout und anlassbezogene Arbeitsgruppen.

Grundsätzlich geht es voran: Bei den Bewerbungen für den dritten Batch haben wir trotz Corona einen neuen Rekord aufstellen können: 120 neue Ideengeber*innen haben sich bei uns gemeldet!