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Was nicht passt, wird passend gemacht

Autor: Protokoll: Iris Röll
Lisa liebte das Leben in der Großstadt, ihre Kar­riere und Autonomie. Im Heizungsbau-Betrieb ihres Vaters zu arbeiten, kam nie infrage – heute ist sie dort Geschäftsführerin. Es zerreißt sie fast. Eine ehrliche Bestandsaufnahme.

In einem Heizungsbau-Betrieb auf dem Land sitzen, mit Verantwortung für 20 Angestellte und vor allem für das Lebenswerk meines Vaters? Nein, das war nicht mein Plan. Nach der Schule bin ich raus aus der Provinz, es zog mich in die Großstadt. Als Medienkauffrau habe ich mich um die Öffentlichkeitsarbeit für Filme oder Radio gekümmert, habe Events organisiert – roter Teppich inklusive. Ein cooler Job mit einem typischen Großstadt-Leben.

Vor fünf Jahren haben mir mein Vater und mein Bruder Marc, der im Betrieb als Meister arbeitet, die Pistole auf die Brust gesetzt: „Entweder du kommst ins Unternehmen, oder wir lösen es auf!“ Beide wollten keinen fremden Geschäftsführer, allein konnte Marc das nicht stemmen, vor allem den betriebswirtschaftlichen Part. „Du wärst dein eigener Chef, würdest mehr verdienen!“, köderten sie mich. Aber das war ja nicht der Punkt. Ich hatte einen Job, den ich sehr mochte. Aber plötzlich spürte ich diese Verantwortung: Es lag allein an meiner Entscheidung, ob die Firma, die mein Vater aufgebaut hatte, weiter bestehen würde.

Ich hadere auch heute noch damit

Ein halbes Jahr lang haderte ich mit mir, und ganz ehrlich: Ich tue es noch heute fast täglich. Aber ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, meinen Vater und meinen Bruder zu enttäuschen und all dem, was unsere Familie aufgebaut hat, ein Ende zu setzen.

Seit fünf Jahren tue ich nun also Dinge, die mich früher nicht interessierten: Rechnungen schreiben, Monteure einteilen, mit dem Steuerberater telefonieren. Einige unserer Monteure kennen mich noch als Kleinkind. Und jetzt muss ich ihren Urlaub genehmigen. Natürlich testen die aus, wie weit sie bei mir gehen können. Anfangs hatte ich ja wirklich keine Ahnung von dem ganzen Geschäft, ich kam mir vor wie eine Praktikantin. Einerseits sollte ich bald Chefin sein, andererseits konnte ich keine einzige Entscheidung alleine treffen. Mittlerweile kann ich gegenhalten, wenn mir einer weismachen will, er könne in zweieinhalb Stunden kein Stand-WC installieren. Trotzdem: Zwei Monteure rebellieren nach wie vor, mein Bruder tut dazu dauernd so, als würde die Last der Verantwortung allein auf seinen Schultern liegen. Es sind viele, viele kleine Kämpfe, die ich ausfechten musste und immer noch muss.

Ich habe Angst, sein Lebenswerk zu zerstören

Mein Vater kann überraschend gut loslassen. Aber als ich kürzlich eine neue Computeranlage für den Betrieb gekauft habe, fand er das gar nicht gut. Und als die dann nicht sofort einwandfrei funktionierte, hat er mir das genüsslich aufs Butterbrot geschmiert. Trotzdem: Unser Verhältnis ist eher noch enger geworden. Ich habe Angst, ihn zu enttäuschen, sein Lebenswerk zu zerstören. Vielleicht mache ich mir das zu sehr zu eigen, aber ich kann nicht anders.

Oft übernachte ich jetzt in meinem alten Kinderzimmer, aber viel lieber fahre ich die eineinhalb Stunden nach Hause – früh um fünf verlasse ich normalerweise mein Großstadtleben, abends gegen neun bin ich zurück. In die Provinz umziehen? Niemals! An diesem letzten Stückchen von meinem alten Leben halte ich eisern fest. Es entlastet mich, lässt mich durchatmen.

Ich bin nicht mehr die Marketing-Lisa

Neben der Arbeit bleibt mir zurzeit nicht viel. Ich habe seit vier Jahren keinen Urlaub gemacht, komme viel zu selten zum Sport. Und ich habe Freunde verloren. Nicht nur, weil ich so wenig Zeit habe. Ich habe auch nichts Spannendes mehr zu erzählen, so zumindest mein Gefühl. Ich bin nicht mehr die Lisa mit dem interessanten Marketing-Job in der Medienbranche, in dem man Prominente trifft. Mit der Tatsache, dass ich das gegen einen Handwerksbetrieb eingetauscht habe, kamen manche nicht zurecht.

Inzwischen treffe ich mich regelmäßig mit einem Coach. Das hilft mir, schwierige Situationen souveräner zu überstehen. Aber auch mir selbst bewusst zu machen, wie viel ich schon geschafft habe. Denn natürlich habe ich Erfolgserlebnisse: Oft kann ich Fragen im Firmenalltag schon beantworten ohne nachzudenken. Das sind meine kleinen Glücksmomente. Und immerhin bin ich Geschäftsführerin eines gut gehenden Unternehmens!

Meine Lernkurve in den vergangenen fünf Jahren kratzt fast an der Senkrechten. Seit zwei Jahren mache ich nebenbei noch eine Lehre als Anlagenmechanikerin bei uns im Betrieb. Ich will kompetent mitreden können, technisches Know-how haben und mir von niemandem mehr lapidar sagen lassen müssen, dass dies und jenes nicht gehe. Samstags inspiziere ich dann die Baustellen. Das macht mir richtig Spaß. Mein Vater möchte, dass ich hinterher noch den Meister mache. Aber das sieht die Chefin ganz anders. Und die bin immerhin ich.