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Ist der Kuchen groß genug, Herr Erhard?

Autor: Julia Groth |
Foto: dpa
Ludwig Erhard war Wirtschaftsminister, Bundeskanzler und prägte die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland. Würde ihm gefallen, was aus ihr geworden ist?

[LUDWIG ERHARD]: Wo ist der Aschenbecher?

Rauchen ist hier leider verboten.

[ERHARD]: Wie bitte?

Vielen Leuten ist es inzwischen zuwider. Und der Feuermelder an der Zimmerdecke würde sofort Alarm schlagen.

[ERHARD] (blickt nach oben, murmelt Unverständliches, pustet das Streichholz aus): Na, dann legen Sie mal zackig los, damit ich hier schnell wieder rauskomme. Was wollen Sie wissen?

Deutschlands Wirtschaft wird im laufenden Jahr um 2,3 Prozent wachsen, prognostiziert die Bundesregierung. Sind Sie damit zufrieden?

[ERHARD]: Mit der Bundesregierung, meinen Sie?

Eine Interpretation der Zahlen wäre uns lieber.

[ERHARD]: Ich habe immer gesagt: Es gibt nur ein Mittel, den allgemeinen Wohlstand zu steigern, und das ist, produktiv zu arbeiten, so dass der Kuchen größer wird. Dann wird das Stück vom Kuchen, das jeder Einzelne bekommt, ebenfalls größer.

Und, ist er groß genug, der Kuchen?

[ERHARD]: Der Kuchen wächst, das ist gut. Wer will denn heute noch bestreiten, dass die Soziale Marktwirtschaft den Wohlstand in diesem Land gesteigert hat. Nur ein paar Banken haben es falsch verstanden, sie haben die Finanzkrise ausgelöst. Meine Pläne aber waren angelegt, um solches zu vermeiden. Man muss Maß halten, auch im freien Markt.

Braucht es dazu den Staat?

[ERHARD]: Wenn es gut läuft, will niemand etwas vom Staat wissen. Aber wenn es schlecht geht, können Sie sicher sein, dass alle nach dem Staat rufen. Es ist jedenfalls die Aufgabe der Regierung, das deutsche Volk vor Schaden zu bewahren. Der Markt ist zwar der einzige demokratische Richter, den es in der modernen Wirtschaft gibt. Es muss aber auch sozialer Ausgleich stattfinden.

Wie stellen Sie sich das vor?

[ERHARD]: Die Kunst ist es, den Kuchen so zu teilen, dass jeder meint, er habe das größte Stück bekommen. Der Staat soll zwar Wohlstand für alle schaffen, darf aber nicht zum Versorgungsstaat werden. Er muss auch der Wohlstandssucht entgegenwirken, die etwa in überhöhten Lohnforderungen ihren Ausdruck findet.

Warum? Fürchten Sie eine Lohn-Preis-Spirale?

[ERHARD]: Über dieses Thema wird viel diskutiert, von tatsächlich oder vermeintlich gelehrten Menschen. Aber wie Sie vielleicht wissen: Es gibt einen Intellektualismus, der kippt um in Idiotie. Ich sage: Die Balance zwischen Löhnen und Preisen ist unerlässlich für die Stabilität der Wirtschaft. Schon eine leicht inflationäre Entwicklung ist so etwas wie eine entschädigungslose Enteignung zugunsten der öffentlichen Hand. Inflation ist eine unverzeihliche Sünde.

Der deutsche Exportüberschuss ist der höchste weltweit, das dürfte Ihnen als Architekt des Wirtschaftswunders gefallen.

[ERHARD]: Sie vereinfachen! Ich habe gesagt, Exportüberschüsse sind grundsätzlich in Ordnung. Aber wenn sie, wie heute, zu groß werden, steigt die Gefahr, dass die Preise steigen. Insofern sehe ich die aktuelle Lage kritisch.

Aber heute müssen Sie sich doch keine großen Sorgen um Inflation machen.

[ERHARD]: Ich bin trotzdem kein Freund großer Ungleichgewichte im Außenhandel. Allerdings auch nicht jener anderen Nationen, die die Gewichte im globalen Handel verschieben wollen. Ein freier Handel ist Wettbewerb in seiner internationalen Ausprägung, er fördert den Wohlstand aller Beteiligten. Angriffe auf den freien Handel sind keine gute Idee. Sie werden letztlich alle teuer zu stehen kommen (seufzt, blickt kurz auf seine goldene Armbanduhr). Haben Sie noch viele Fragen?

Nur noch eine: Sind Sie insgesamt einverstanden mit der Sozialen Marktwirtschaft, wie sie sich heute präsentiert?

[ERHARD]: Mit steigender Produktivität und der höheren Effizienz der menschlichen Arbeit werden wir in eine Phase der Entwicklung kommen, in der wir uns fragen müssen, was denn eigentlich kostbarer ist: noch mehr zu arbeiten oder ein bequemeres, schöneres und freieres Leben zu führen, dabei vielleicht bewusst auf manchen güterwirtschaftlichen Genuss zu verzichten. Ich glaube, dass wir noch nicht ganz so weit sind. Aber wir könnten es bald sein – und nun, junge Dame, widme ich mich dem wunderbaren Genuss einer Zigarre!


Ludwig Erhard rauchte bis zu 20 Zigarren am Tag. Das „Interview“ besteht teils aus Zitaten von ihm aus früheren Interviews und Schriften, teils aus begründeten Annahmen darüber, welche Meinung er heute hätte. Er starb 1977.