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Mit Post-its und Legosteinen zum Erfolg

Autor: Janina Groffmann
Die sechs ersten AndersGründer-Teams im Social Impact Lab Duisburg arbeiten an Ihren sozialen Geschäftsideen. Aber sind diese auch wirtschaftlich tragfähig? Das zeigte ein Stresstest in der Haniel-Digitaleinheit „Schacht One“.

Sozial und digital trifft Tradition: Die Räume von Schacht One sind auf Zeche Zollverein.

Schneeregen, ÖPNV-Streik und Stau – schon der Weg zur Zeche Zollverein war am 24. April eine Herausforderung. Für die Stipendiaten des Social Impact Lab in Duisburg sollte es nicht die einzige bleiben: In dem zweitägigen Workshop der econd business academy in den Räumen von Schacht One unterzogen sie ihr Geschäftsmodell gemeinsam mit den Digitalisierungsspezialisten, Start-up-Experten sowie Vertretern des InnovationHUB der Uni Duisburg-Essen, NGOs und der METRO GROUP dem Härtetest. Schließlich geht es im Social Impact Lab nicht nur darum, mit einer guten Idee ein gesellschaftliches Problem zu lösen – das Geschäftsmodell muss ebenso wirtschaftlich tragfähig sein. „Auch im sozialen Bereich ist es nicht unanständig, über Erlösmodelle nachzudenken, denn ihr müsst ja eure Miete bezahlen“, sagte Reinhard Ematinger, der als Experte und Dozent für Geschäftsmodellinnovationen den Workshop leitete.

Das Geschäftsmodell auf einen Blick

Bereits in einem ersten Workshop Mitte April hatten die sechs Teams deshalb ihr Geschäftsmodell mit Hilfe eines Business Modell Canvas visualisiert. Diese Matrix enthält neun Felder mit Schlüsselfaktoren, die nach und nach mit Inhalt gefüllt und in eine sinnvolle Beziehung zueinander gebracht werden. Zum Beispiel: Welches Werteversprechen biete ich welchen Kundensegmenten über welche Kanäle? Und wie generiere ich damit Einnahmen? Welche Ressourcen brauche ich dafür und was kostet das? Um die einzelnen Felder zu füllen, arbeitet man mit Klebezetteln auf einem Poster, denn so lassen sich erste Ideen ergänzen, verschieben oder entfernen, bis ein marktfähiges Modell gefunden ist. Das schafft Klarheit über das ganze Geschäftsmodell und hilft dadurch auch dabei, es leichter zu präsentieren: „Mit einem Business Model Canvas kann man sein Geschäftsmodell in zwei Minuten erklären, das geht mit einem klassischen Businessplan nicht“, erklärt Ematinger.

Stresstest für die Geschäftsidee

Mit dem Business Modell Canvas lässt sich das Geschäftsmodell auf einen Blick erfassen.

Beim Workshop auf Schacht One stellten alle Teilnehmer ihre Geschäftsmodelle anhand ihres Business Canvas Modells vor. Schon dabei machten die Experten erste Optimierungsvorschläge und stellten Fragen. Zum Beispiel bei Helpu, einer App, die Flüchtlinge und Helfer für konkrete Alltagsprobleme zusammenbringt: Reichen Werbebanner und Crowdfunding, um die Kosten zu decken? Wären die Nutzer nicht vielleicht doch bereit, für die App zu zahlen?

Am Nachmittag ging es dann darum, das Geschäftsmodell anhand verschiedener Methoden herauszufordern und mögliche Stolpersteine auszumerzen. Zudem rieten die Experten, nicht ins Leere hinein mit der Umsetzung zu beginnen und die Annahmen über die Zielgruppe zu überprüfen. „Bevor ihr lange programmiert, malt lieber die Startseite eurer App auf ein Blatt Papier und fragt eure potenziellen Nutzer, ob sie es so übersichtlich finden“, riet Ematinger zum Beispiel dem Helpu-Team.

Außerdem gilt es, den Wettbewerb im Auge zu behalten und hier vom Schlimmsten auszugehen: Was könnte mein bösester Konkurrent machen, um mir zu schaden? Hackingangriffe, ähnliche Geschäftsideen, das Abwerben der Programmierer oder Klagen – all das landet auf den Post-its. Danach schätzten die Teams mithilfe der Experten ein, wie wahrscheinlich und schädlich dieses Ereignis für ihr Business ist – und an welchen Punkten sie somit angreifbar sind und sich vorbereiten müssen.

Was macht uns besonders?

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Experten unterstützen die Gründer bei der Schärfung ihres Geschäftsmodells

„Bevor man Antworten findet, sollte man schauen, ob überhaupt jemand danach gefragt hat“, begrüßte Ematinger die Teilnehmer am zweitenTag. Am Beispiel von erfolgreichen Unternehmen und Produktlinien, wie Apple oder Mini, erklärte er, worauf es ankommt: Sie lösen Probleme ihrer Kunden und schaffen damit einen Mehrwert. Iphones sehen nicht nur schick aus und sind intuitiv zu bedienen, sondern erlauben es dem Nutzer auch, seine Daten in wenigen Minuten wieder herzustellen oder auf ein neues Apple-Gerät zu übertragen. Denn oft geht es gar nicht um das Produkt an sich, sondern die Story und das Werteversprechen, das diese Unternehmen ihren Kunden anbieten. Genau darum ging es am zweiten Tag: Was kann ich den Kunden bieten, was alle anderen nicht können? Dabei kam der Design Thinking-Ansatz zur Anwendung: Vollkommen unabhängig von ihren Ideen sollten sich die Stipendiaten fragen, welche Aufgaben ihre künftigen Kunden erledigen möchten. Welche Probleme oder negative Emotionen haben die Kunden bei der Lösung? Was versprechen sie sich von der Erledigung der Aufgabe – das können auch soziale Ziele wie Status oder Sicherheit sein – und was wäre die Ideallösung? Von dieser Kundenperspektive ausgehend werden nun Ideen entwickelt. Erst danach durften die Teams überlegen, ob diese mit ihrem Geschäftsmodell übereinstimmen und wie man beides zusammenbringen kann. Keine leichte Aufgabe, denn dabei mussten die Stipendiaten sich auch von manchen Konzepten verabschieden.

Stein auf Stein

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Wenn gar nichts mehr geht, geht Lego: Damit bauten die Teilnehmer ihr Geschäftsmodell nach.

Zum Abschluss lernten die Stipendiaten noch eine Methode kennen, mit der sie ihre Gedanken visualisieren können: Lego. Jedes Team baute seine Geschäftsidee aus den bunten Steinen nach. Was sich nach Kindergarten anhört, ist wissenschaftlich belegt: Denkprozesse führen in Verbindung mit körperlicher Bewegung und Empfindung – insbesondere mit den Händen – zu einem tieferen und langanhaltenderem Verständnis der Umgebung und ihrer Möglichkeiten. Durch das Bauen von Modellen werden die Ideen so im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“. So behalten die Teams ihr Geschäftsmodell nicht nur als Legomodell im Blick, sondern können die Steinchen auch künftig nutzen, um neue Ideen zu generieren.

All diese Methoden konnten die Teams in den zwei Tagen natürlich nicht komplett durchdenken, aber verstehen, wie sie funktionieren und wie sie sie für ihr Geschäftsmodell nutzen können. „Du hast uns in zwei Tagen die Aufgaben für die nächsten vier Monate mitgegeben“, lobte Dirk Sander, Standortleiter des Social Impact Labs in Duisburg den Referenten. Auch die Stipendiaten zeigten sich begeistert: „Ich habe gemerkt, was man aus dem Canvas alles rausholen kann. An vielen Stellen dachten wir, das hätten wir schon ausdiskutiert, aber es haben sich noch viele Fragen und Ansatzpunkte ergeben“, so Christoph von Helpu. Auch Georg von Helpteers ist weitergekommen: „Der Input von außen hat mir sehr geholfen. Einfach mal eine andere Sichtweise zu hören, war sehr hilfreich, denn selbst denkt man immer in eine bestimmte Richtung.“ Oder wie es Jens von Beeming Box zusammenfasste: „Danke, geil!“


Das Social Impact Lab Duisburg unterstützt Sozialunternehmer mit einem achtmonatigen Förderprogramm ‪bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Geschäftsidee. Ziel des Projektes ist es, durch den Aufbau eines regionalen Netzwerks und eines umfangreichen Veranstaltungs- und Qualifizierungsangebots die Rahmenbedingungen für die Entwicklung sozialer Innovationen in der Region Rhein-Ruhr nachhaltig zu verbessern. Interessierte können sich mit ihrem Gründungsvorhaben bewerben, alle drei Monate werden neue Teams in einem öffentlichen Pitch ausgewählt. Initiiert wurde das Lab von Haniel, der KfW Stiftung und der Prof. Otto Beisheim Stiftung sowie der Social Impact gGmbH.