Aktuelles

Rüber gemacht

Autor: Elena Brenk-Lücke |
Foto: Haniel
Am 9. November 2013 jährt sich der Mauerfall zum 24. Mal. Haniel-Mitarbeiterin Elke Wiesner erzählt vom Leben im Regime und wie sie und ihr Mann den Weg in den Westen antraten.

9. November 1989, 19 Uhr: DDR-Politbüromitglied Günter Schabowski informiert die Presse über die Öffnung der innerdeutschen Grenze. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Auch Elke Wiesner, Restaurantfachfrau bei Haniel, verfolgt das Geschehen auf ihrem Fernseher in Duisburg. Doch anders als ihre Nachbarn weiß sie ganz genau, wie es hinter dem Eisernen Vorhang zuging: Erst vier Wochen zuvor ist die gebürtige DDR-Bürgerin mit Mann und Kind in der Bundesrepublik angekommen. Der Weg war lang und beschwerlich.

Die andere Seite

Elke Wiesner – damals noch Künzel – wurde 1958 in Görlitz als eines von sieben Geschwistern geboren. Ihre Kindheit war sehr behütet. Wiesner durchlief die klassischen Jugendorganisationen der DDR: zuerst die Pioniere und dann die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Dabei hatte sie immer viel Kontakt zu anderen Kindern und Jugendlichen – etwas, das Wiesner sehr gefiel. Dass der Sozialismus auch seine Schattenseiten hatte, merkte die Görlitzerin in einem Urlaub im Thüringer Wald. Dort sah sie zum ersten Mal die durch Zaun und Stacheldraht abgesperrte Grenze zur Bundesrepublik. „Auf einmal wurde mir klar, dass ich eingesperrt bin“, erinnert sie sich. „Mein erster Gedanke: Ich will auf der anderen Seite stehen.“ Damit änderte sich für Wiesner alles. „Ich begann eigenständig zu denken, also das DDR-Regime und die Strukturen zu hinterfragen. Ich wollte nicht wie die anderen mit dem Strom schwimmen und vor allem wollte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen.“ Das führte schon in der Schule zu den ersten Problemen: Da sich Wiesner nicht öffentlich zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)   bekannte, war für sie nach der 10. Klasse Schluss. Abitur machen konnten nur „Linientreue“.

Westkontakte

Wiesner begann 1975 eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau, weil – so dachte sie damals – sie in dem Job auch viel reisen könne. Ein Trugschluss: Sie kam aus Görlitz nicht raus. Immerhin hatte sie so aber mit Reisenden zu tun. „Mit Spannung habe ich deren Geschichten von der großen weiten Welt gelauscht“, erinnert sie sich. Viele Reisende kamen aus dem Westen, auch aus der Bundesrepublik. Das hat Wiesners Wunsch, die DDR zu verlassen, weiter befeuert. Einen Verbündeten fand sie in Andreas Wiesner, ihrem zukünftigen Mann. Er hatte Verwandtschaft im Westen, genauer gesagt in Duisburg. Bei ihren regelmäßigen Besuchen erzählte die Westverwandtschaft von der Welt da draußen und bot dem jungen Paar Unterstützung an, falls sie in Westen gehen wollten. Der Traum von der großen Freiheit wuchs.

Leben als Staatsfeind

Um einen Weg aus der DDR zu finden, bewarb sich Andreas Wiesner 1982 um einen Job im Ausland. Die Idee: Sich über ein anderes Land in den Westen abzusetzen und die Familie – 1979 hatten Elke und Andreas Wiesner einen Sohn bekommen – nachzuholen. Drei Jahre lang arbeitete Andreas Wiesner als Busfahrer in Sibirien. Eine Chance sich abzusetzen, bot sich aber nie. So kam er 1985 wieder in die DDR zurück. Traum zerplatzt? Von wegen: Die Wiesners wollten es jetzt wissen. Sie stellten einen offiziellen Antrag auf Ausreise beim Ministerium des Inneren. Ein gefährliches Unterfangen: Ab sofort galt die Familie als Staatsfeind. In der DDR bedeutete das: die gezielte Überwachung durch die Staatssicherheit (Stasi). „Wir wurden fotografiert und verfolgt“, erinnert sich Elke Wiesner. Doch auch davon ließ sich die Familie nicht einschüchtern. Wiesner und ihr Mann zeigten öffentlich Kante gegen das Regime und demonstrieren für Meinungsfreiheit und ihre Ausreise. Denn der Antrag ruhte. Trotz der ständigen Gefahr, eingesperrt zu werden oder sogar das Kind weggenommen zu bekommen, dachten sie nicht daran, aufzuhören. „Wir wollten uns nicht mehr einsperren lassen“, sagt Elke Wiesner. „Zum Glück ist uns nie etwas passiert.“

Auf westlichem Boden

Nach vier Jahren Ungewissheit Mitte 1989 dann plötzlich die Wende: Der Antrag der Wiesners wurde genehmigt. „Auf einmal ging alles sehr schnell“, erinnert sich die Haniel-Mitarbeiterin. „Innerhalb von vier Wochen erhielten wir die Ausreiseurkunde.“ Am 14. Oktober 1989 stiegen die Wiesners in Görlitz in den Zug nach Duisburg – eine Fahrt ins Ungewisse: Am Grenzübergang bei Magdeburg stoppte der Zug. Türen und Toiletten wurden verschlossen. Grenzbeamte mit Maschinenpistolen durchsuchten Abteil und Gepäck. „Ich hatte eine furchtbare Angst“, erzählt Wiesner. „Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf: Ist der Ausreiseantrag gültig? Lassen die uns wirklich gehen?“ Zum Glück verlief alles glimpflich. Kein Gepäck wurde beschlagnahmt und kein Ausreisender wurde zurückgehalten. Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung – über die Grenze, durch das „Niemandsland“ nach Helmstedt. Zum ersten Mal in ihrem Leben betrat Elke Wiesner westlichen Boden. „Ein Gefühl von nie gekannter Freiheit“, erzählt sie.

Duisburg, vier Wochen später: Elke Wiesner starrt auf den Bildschirm. Das Regime, gegen das sie all die Jahre gekämpft hat, gibt es nicht mehr – einfach weg, über Nacht. „Ich habe mich riesig gefreut“, erinnert sie sich. „Gleichzeitig bin ich stolz, dass wir noch ‚rüber gemacht‘ haben, bevor die Mauer gefallen ist.“ Dafür hat sich der Kampf gelohnt.