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Mit ichó in die Vergangenheit

Autor: Janina Groffmann
Hinter Gründungsideen steckt oft eine persönliche Geschichte. So auch beim Team von ichó: Drei junge Studenten entwickeln eine Therapiekugel, um ihren demenzkranken Großeltern zu helfen. Unterstützt werden sie dabei von Haniel und dem Social Impact Lab

Eleftherios Efthimiadis ist Mitte 20, als seine Oma an Demenz erkrankt. Für den Kommunikationsdesign-Studenten und seine Familie ist es schwer, der fortschreitenden Erkrankung hilflos gegenüberzustehen. „Mitzuerleben, wie die eigene Oma, die einen die ganze Kindheit begleitet hat, immer schwerer zu erreichen ist – das bricht einem einfach das Herz“, sagt der heute 31-Jährige. Die früher starke und selbstständige Frau wird unsicher und orientierungslos. Er fragt sich, wie es ihm gelingen kann, mit seiner Oma zu kommunizieren, sie zu beschäftigen und nicht alle ihre Erinnerungen und Lebensfreude der voranschreitenden Krankheit zu überlassen.

Dieses Schicksal teilen viele: Alle drei Sekunden erkrankt weltweit ein Mensch an Demenz. Bereits jetzt ist die deutsche Gesellschaft die älteste Europas und die zweitälteste der Welt. Gleichzeitig ist das Pflegesystem völlig überlastet: Es fehlt an Geld und Arbeitskräften. Um die 1,6 Millionen Demenzkranken individuell zu fördern, hat das Pflegepersonal schlicht keine Zeit.

 


RUNDE SACHE

 

MOBIL: ichó kann überall eingesetzt werden.

VIELSEITIG: Alle Sinne der Patienten werden aktiviert. Nutzen lässt sich ichó draußen, drinnen, in der Einzeltherapie oder in der Gruppe.

VERTRAUT: Nutzer haben keine Berührungsängste.

THERAPEUTISCH: Wenn gewünscht, kann ichó Nutzungsdaten für eine effektivere Therapie sammeln.

SICHER: Alle Daten werden streng vertraulich behandelt.

 


 

Mitstreiter findet Efthimiadis während seines Studiums an der Hochschule Düsseldorf: Beim Forschungsprojekt „Nutzerwelten“ stand im Fokus, Demenztherapie durch technische Elemente zu unterstützen. Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Steffen Preuß und dem Elektroingenieur Mario Kascholke entwickelt er als Abschlussprojekt ichó. Alle drei eint, dass ihre Großeltern an Demenz erkrankt sind und sie ihnen helfen wollen. „ichó ist griechisch und bedeutet Echo“, erklärt Efthimiadis. Auf den ersten Blick wirkt der weiße Silikonball mit den Rillen und Noppen unspektakulär, doch es steckt einiges drin: Er reagiert auf äußere Einflüsse – wie Berührungen oder Bewegungen. Das hilft nicht nur gegen Langeweile, sondern fördert auch die Hirnaktivität und die Erinnerungsleistung.

ichó stimuliert die Sinne

„Demente Menschen verlieren mit der Zeit ihre Sinnesleistungen. Das führt dazu, dass sie ihren Körper nur noch schlecht wahrnehmen. In fortgeschrittenen Stadien verlieren auch Worte ihren Inhalt, Gelerntes ist nicht mehr abrufbar. Kommunikation muss also ohne Worte auskommen.“ Deshalb arbeitet ichó mit Berührungen, Geräuschen, Licht und Vibration. Der Ball kann auf verschiedene Arten programmiert werden, sodass individuelle Therapieprogramme entstehen. Diese sind nicht nur für Demenzkranke geeignet, sondern auch für Menschen mit anderen kognitiven Beeinträchtigungen interessant.

 


Video: Die ichó-Therapiekugel im Einsatz


 

Auch ihre eigenen Großeltern testeten den Ball. Steffen Preuß erinnert sich, wie seine Oma die Kugel in die Hand nahm und diese ein Lied von ihrem Lieblingssänger Roy Black spielte. „Meine Oma fing richtig an zu strahlen und mitzuschunkeln“, erzählt er. „Es war so eine Bereicherung zu sehen, wie man ihr damit Lebensfreude zurückgeben kann. Ich hatte sie schon lange nicht mehr so aktiv gesehen.“

Im Juni 2016 bewerben sich die Entwickler beim Social Impact Lab am Franz-Haniel-Platz und werden in das Förderprogramm aufgenommen. Seitdem ist ichó durchgestartet: vom studentischen Projekt zum Start-up. Das Team hat die Kugel weiterentwickelt, die Herstellung professionalisiert und eine GmbH gegründet. Der Prototyp wird laufend mit Demenzkranken in 20 verschiedenen Pflegeeinrichtungen getestet und weiter verbessert: ichó arbeitet unter anderem mit dem Paritätischen Landesverband NRW und der Alzheimer Gesellschaft zusammen.

Verschiedene Kooperationspartner

Durch Haniel hatte das Team viele Möglichkeiten, seine Idee vor Entscheidern zu präsentieren, zum Beispiel bei der Start-up-Messe auf der Führungskräfteveranstaltung Leadership Lab oder auf der Gesellschafterversammlung. Daraus haben sich verschiedene Kooperationen ergeben. Ein Gesellschafterehepaar, das sich sowohl in der Finanz- als auch in der Pflegebranche auskennt, erarbeitete im Nachgang mit ichó einen Finanzplan. „Ich denke nicht, dass wir ohne das Social Impact Lab und Haniel heute schon so weit wären“, resümiert Preuß. Wichtig für die Gründer waren vor allem Projektmanagement-Skills und die Kontakte im Netzwerk. „Wir waren uns vorher nicht sicher, ob wir das Produkt erst fertig entwickeln sollen und dann an die Öffentlichkeit gehen oder schon mit einem Prototyp auf den Markt gehen. Durch das Lab haben wir den Schritt gewagt.“ Auch die Rechtsberatung war entscheidend: „Wir sind vorher ganz falsch beraten worden und hätten sonst gar kein Patent auf unsere Technik angemeldet.“

Derzeit stehen konkrete Gespräche mit Investoren und Venture-Capital-Fonds an, um eine Finanzierungsrunde abzuschließen. Damit war lange nicht zu rechnen: „Die Entwicklung kostet Hunderttausende Euro, überlasst das mal lieber einem großen Konzern“ – bekamen sie zu hören. Die Erfahrungen mit ihren Großeltern helfen den drei Gründern, in solchen Momenten buchstäblich am Ball zu bleiben. „Es gibt Gründer, die rein wirtschaftlich motoviert sind, und Gründer, bei denen es Herz-Ideen sind“, sagt Preuß. „Bei uns ist es ganz klar eine Herz-Idee. Deshalb bleiben wir auch dabei, egal wie die Umstände sind.“ Mit der Finanzspritze können die ersten 400 Exemplare von ichó produziert und verkauft werden. Abnehmer zu finden, ist dabei kein Problem: „Alle sind schon vorbestellt. Wir haben lange Wartelisten von weiteren Interessenten.“

TIERMEMORY

ichó spielt beim Weiterreichen in der Gruppe wechselnde Tierlaute ab. Die Patienten müssen erraten, um welches Tier es sich handelt und ob es aus der Wildnis oder von einem Bauernhof stammt.

ORCHESTER

Jeder Teilnehmer der Gruppe hat eine ichó-Kugel, die einen anderen Instrumenten-Klang wiedergibt. Alle Kugeln kommunizieren automatisch miteinander – die Gruppe kann wie ein kleines Orchester musizieren.

GESCHICHTEN

Mithilfe von ichó werden zum Beispiel die verschiedenen Stationen des Märchens vom Froschkönig erzählt: Der Ball ist die goldene Kugel, die von unten nach oben aus einem imaginären Brunnen herausgeholt wird. Dabei fängt ichó an zu leuchten.

Das ist auch der Aufmerksamkeit zu verdanken, die ichó im letzten Jahr durch eine Vielzahl an Auszeichnungen bekommen hat: Unter anderem wurden sie mit dem Preis für Gesundheitsvisionäre der Universität Witten-Herdecke ausgezeichnet. „Der Bereich der Pflegeforschung steht digitalen Lösungen normalerweise sehr skeptisch gegenüber, deshalb freuen wir uns umso mehr darüber. Dadurch haben wir ein großes Forschungsnetzwerk aufgebaut.“ Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie wählte sie außerdem aus, Deutschland bei „Ideas from Europe“ zu vertreten, einem Wettbewerb der Europäischen Kommission. Dieser zeichnet Ideen aus, die Lösungen für globale Herausforderungen liefern. Dort schafften sie es bis ins Finale – und gehören damit zu den zehn innovativsten Start-ups aus Europa.

Umzug ins Fraunhofer-Institut

Vor Kurzem ist ichó aus dem Uni-Labor und den Büros am Franz-Haniel-Platz ins Fraunhofer-Institut in Duisburg umgezogen. Im Rahmen einer Projektförderung können sie hier vor allem die Sensoren optimieren, haben Zugang zu Technologieexperten und gut ausgestatteten Labors. „Das ist eine wahnsinnige Unterstützung bei der Realisierung von ichó“, sagt Preuß.

Langfristig möchte das Team aber gerne wieder nach Ruhrort zurückziehen, in die Nähe von Social Impact Lab und Haniel. „Wir haben unseren Firmensitz bewusst im Social Impact Lab angemeldet, da wir die Start-up-Kultur in Ruhrort fördern wollen.“ In fünf Jahren möchte ichó nicht nur finanziell auf eigenen Beinen stehen, sondern auch weitere Objekte entwickeln, die Menschen mit kognitiven Einschränkungen helfen. Außerdem wollen die Gründer eigene Förderprogramme aufsetzen. Ihre Großeltern wären bestimmt stolz auf sie.


Das Gründer-Team von ichó (v. l. n. r.): Mario Kascholke, Steffen Preuß und Eleftherios Efthimiadis