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Textiles Reinheitsgebot

Autor: Anna Lambertz |
Foto: CWS-boco Deutschland
Eine Halle in Heidenheim. Es riecht nach Waschpulver, Maschinen rattern im Hintergrund, saubere Arbeitskleidung schwebt unter der Decke vorbei. Eine typische Großwäscherei des Haniel-Geschäftsbereichs CWS-boco – doch mittendrin sorgt ein vierzig Quadratmeter großer Kubus für Aufsehen. Darin verbirgt sich eine echte Innovation: die erste Reinraumwäscherei Deutschlands.

Arzneimittelhersteller, Hightech-Unternehmen oder Lebensmittelproduzenten: Sie alle stellen Waren her, die nicht mit Schmutzpartikeln in Berührung kommen dürfen – doch davon gibt es in der normalen Luft reichlich. In der Stadt enthält beispielsweise ein Kubikmeter Luft etwa 500.000 Partikel. Deshalb werden sensible Produkte in Reinräumen hergestellt, in denen die Partikelanzahl auf ein Minimum reduziert ist. Soweit, so rein. Aber was ist mit der Kleidung der Mitarbeiter? Schließlich können auch an ihr Partikel haften, die dann den Reinraum verunreinigen. Abhilfe schafft die erste Reinraumwäscherei, die CWS-boco in Deutschland Anfang September in Heidenheim eröffnet hat – nach Standorten in Irland, Belgien und Polen. „Hauptsächlich müssen menschliche Partikel wie Hautschuppen und Haare aus der Kleidung gewaschen werden“, erzählt Werner Münnich, Reinraum-Experte bei CWS-boco. Dafür hat das Unternehmen einen Reinraum in die bestehende Betriebshalle integriert – eben jenen Kubus, in dem sich maximal 352 Partikel pro Kubikmeter Luft befinden.

 

HANIEL_CWS-boco-Reinraum-Einweihung

Die Geschäftsführung und der Bürgermeister beim Durchschneiden des Bandes zur Eröffnung: v.l.: Dr. Ulrich David, Hans Schwob, Detlef Kröpelin (alle Geschäftsführung CWS-boco Deutschland), Bürgermeister Rainer Domberg, Florian Hünke von Podewils (Geschäftsführung CWS-boco Deutschland), Max Teichner (CEO CWS-boco Gruppe)

Luft, Wasser, Hitze – alles rein

Der Reinraum-Kubus befindet sich an der Rückseite einer Industriewaschmaschine. Beladen wird sie von vorne, noch unter normalen Bedingungen. Doch sobald der Mitarbeiter die Tür der Trommel geschlossen hat, wird die vorhandene Luft im Inneren durch gefilterte Luft aus dem Reinraum ersetzt. Gewaschen wird mit Osmosewasser, das fast vollständig rein und kalkfrei ist. Um das Wasser zu erwärmen, nutzt CWS-boco Dampf – der seine Hitze aber nur indirekt abgibt, da sonst die Luft wieder verunreinigt würde. Auch die Auslastung ist im Reinraum eine andere: „Die Maschine kann mit 80 Kilogramm beladen werden, aber für reine Wäsche wird maximal 70 Prozent des Fassungsvermögens ausgenutzt“, erläutert Jan Ulrich, der das Reinraum-Projekt von Beginn an betreute. „Wichtig ist das Verhältnis von Wasser und Textilien: Wir brauchen genug Wasser, um auch wirklich alle Bakterien und Partikel aus der Kleidung zu spülen.“

Sobald die Maschine fertig ist, laden Mitarbeiter die saubere Wäsche auf der anderen Seite im Reinraum aus und füllen sie in den Trockner. Riesige Luftfilterboxen sorgen auch hier dafür, dass die Luft partikelfrei ist. Noch im Reinraum legen die Mitarbeiter die Kleidung wieder zusammen. Bevor die Textilien den Reinraum verlassen dürfen, verschweißt eine Maschine sie auf dem Förderband: Jetzt kommt keine verunreinigte Luft mehr an die Wäsche.

Nass oder trocken?

Auffällig sind im Reinraum die roten und blauen Transport-Wannen: „Die Farben helfen den Mitarbeitern zu erkennen, ob es sich um feuchte oder trockene Wäsche handelt. Die Beschaffenheit ist durch zwei Paar Handschuhe nicht mehr zu fühlen“, sagt Ulrich. Denn natürlich reicht es nicht, die Textilien partikelfrei zu waschen: Die Mitarbeiter haben schon ein straffes Programm hinter sich, bevor sie den Reinraum überhaupt betreten. Drei Schleusen braucht es, bis die Kollegen ihre Reinraum-Uniform angezogen haben: Hose und Pullover aus Polyester, Fließhaube, Clogs, Overall, Mundschutz, Kopfhaube, Überziehstiefel, Schutzbrille, zwei Paar Handschuhe – und zwischendurch immer wieder Hände waschen und desinfizieren. Erst in der letzten Schleuse dürfen die Mitarbeiter kurz Verschnaufen: Hier sorgt ein Luftstrom dafür, dass sich auch die letzten Partikel auf dem Boden absetzen. Nicht nur wegen ihres Outfits erinnern die Mitarbeiter nun an Astronauten, auch ihre Motorik ist ähnlich: Um möglichst wenig Partikel aufzuwirbeln, bewegen sie sich sehr langsam.

Computer müssen draußen bleiben

Gitterboxen, Legetische und Transportwannen dürfen ebenfalls nicht unbehandelt in den Reinraum: Sie landen vorher im Autoklav. Der große Dampfsterilisator erreicht eine Temperatur von 134 Grad Celsius und kann in einer Stunde bis zu hundert Gegenstände von Mikroorganismen befreien. Computer und sonstige Technik allerdings würden diese Behandlung nicht überleben, außerdem wirbelt die Lüftung der Geräte wieder Partikel auf – im Reinraum sind sie also tabu. „Wir haben deshalb die gesamte Technik nach außen verlagert und nur Kabel nach innen gelegt“, erklärt Ulrich. Das spart nebenbei auch Platz, von dem es im Reinraum ohnehin wenig gibt: Maximal fünf Kollegen gleichzeitig können sich dort aufhalten, sonst wird es zu eng und auch die Luft reicht nicht für mehr. 1.200 Teile schafft die Mannschaft derzeit in einer Schicht, aber damit ist das Ende der Fahnenstange nicht erreicht. „Wir haben uns bewusst für einen modularen Aufbau entschieden, damit wir die Reinraumwäscherei bei entsprechender Nachfrage vergrößern können“, erklärt Detlef Kröpelin, Sprecher der Geschäftsführung von CWS-boco Deutschland. Die Aussichten sind gut, denn die deutsche Wirtschaft spezialisiert sich immer mehr und damit steigt auch die Zahl der Reinräume für die dann entsprechende Berufskleidung gebraucht wird. Ein wachsendes Geschäft also – bei dem CWS-boco nicht nur über den Preis punkten kann, wie Kröpelin betont: „Der Reinraum ist ein Geschäft des Vertrauens. Die Kunden müssen sich darauf verlassen können, dass die Berufskleidung nach der Wäsche wieder den Reinraum-Standards entspricht. Und diese Sicherheit geben wir ihnen.“