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Vom Kapitalisten zum Sozialunternehmer?

Foto: Michael Hudler
Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit stehen selten im Einklang – nicht so bei Jens Schneiders. Der Sozialunternehmer entwickelt nachhaltige Innovationen

Jens Schneiders hat schon mehrere Unternehmen gegründet. Und er hat früh angefangen: Bereits 1997 gründete er während seiner Ausbildung zum Industriekaufmann mit zwei Freunden eine IT-Beratung, um sein Ausbildungsgehalt auszubessern. „Da ging es gerade erst mit dem Internet los und es gab viel Beratungsbedarf“, erinnert sich der 42-jährige. „Ich habe festgestellt, dass ich selbstständig wesentlich mehr verdienen kann und glücklicher bin als in einem Angestelltenverhältnis.“

Jens Schneiders entwickelt soziale Geschäftsmodelle

Noch vor dem Ende der Ausbildung wurde seine Firma zu einer Digital-Agentur, die er mit Hilfe seines damaligen Mentors in seine erste Kapitalgesellschaft umwandelte. Damit kehrte Schneiders dem Angestellten-Leben endgültig den Rücken. Dass es als selbstständiger Unternehmer nicht immer nur rosig ist, musste er jedoch auch lernen: Nach dem Platzen der Dotcom-Blase war auch das Vertrauen in die IT-Branche bei seinen Kunden weg – und damit sein Geschäftsmodell. „Ich musste mich aus der Not heraus neu erfinden“, erzählt Schneiders.

Aus einem für einen Kunden programmierten Tool zur Disposition von Airport-Shuttles formte er ein neues Business. Heute vermittelt German Transfer mit einer Flotte von 38.000 Fahrzeugen Fahrten für Geschäftsreisende an Fahrdienstleister in Deutschland und Europa. Allerdings ohne Schneiders, der 2013 ausstieg. Das IT-Umfeld habe ihn nicht mehr glücklich gemacht. „Als Unternehmer verkümmert man innerlich, wenn man irgendwann nur noch den Manager spielen muss“, erklärt er seine Beweggründe. „Ich wollte etwas Neues finden, das mich erfüllt und meinem zukünftigen Engagement einen echten Sinn gibt.“

Pürierte Milchschnitte als Ideengeber

Da er zu dem Zeitpunkt aber noch nicht wusste, was das sein könnte, legte er eine Pause ein. In dieser Findungsphase beschäftigte er sich mit verschiedenen Optionen und engagierte sich auch sozial bei einem Kinderhilfsprojekt im Problemstadtteil Köln-Chorweiler. Dabei stellte er fest, dass gerade kleine, lokale Projekte Schwierigkeiten bei der Finanzierung haben und stark von großen Einzelspenden abhängig sind. „Da gucke ich als Unternehmer auf diesen Umstand und ertrage es nicht. Da muss eine Lösung her.“

Wie kann man regelmäßige Abo-Spenden generieren, damit Projekte von großen Spenden unabhängiger sind? Denn viele kleine aber dafür regelmäßige Spenden sorgen für bessere Planungssicherheit. Auf die zündende Idee brachten ihn schließlich Kinder aus dem gleichen Projekt, die erzählten, dass sie zu Hause nichts Vernünftiges zu essen haben. „Ein Kind hat sogar auf dem Schoß eines Betreuers bitterlich geweint und gesagt, dass es am Wochenende pürierte Milchschnitte zu Hause bekommen hätte.“

Bio-Lebensmittel als Spendengenerator

Schneiders beschloss, sich mit dem Thema gesunde Ernährung zu beschäftigen und Bio-Lebensmittelboxen zu marktüblichen Preisen zu vertreiben, bei denen ein Teil des Erlöses automatisch an lokale Hilfsprojekte gespendet wird. Vom Thema Lebensmittelvertrieb hatte er allerdings keine Ahnung. Also holte er sich Partner, arbeitete mit einem Großhändler zusammen, der auch das Verpacken der Boxen übernahm, und entwickelte mit ihm gemeinsam ein soziales Geschäftsmodell.

 

Aber wie kann ein Unternehmen in einer stark umkämpften Branche überleben, wenn es auch noch Erlöse spendet? „Jeder in der Reihe verzichtet auf einen kleinen Teil der Marge. Wenn ich dann mein Unternehmen schlank halte, so kann ich dennoch Profit machen. Es ist alles eine Frage der Perspektive“, so Schneiders. Zuerst verkaufte das Unternehmen die Boxen an Endkunden und zusätzlich Obstboxen an Unternehmen. Doch das Geschäft mit den Endkunden erwies sich als zu kleinteilig und produzierte auch bei den Spendenempfängern zu viel buchhalterischen Aufwand.

Gleichzeitig war für Schneiders die Welt der Sozialunternehmen ein ganz neues Feld. Deshalb entwickelte er sein Social Start-up im Social Impact Lab Duisburg am Franz-Haniel-Platz: „Mir war klar, dass ein soziales Unternehmen ganz andere Herausforderungen mit sich bringt als ein normales.“ Zum Beispiel bei der Finanzierung: „Als ich mit der Idee zu meiner Hausbank gegangen bin, die mich schon seit Jahren kennt, wurde ich sogar ausgelacht.“ Gutes zu tun und gleichzeitig Geld zu verdienen, werde in Deutschland oft von den Menschen noch bestraft, denkt er.

„Die Menschen wollen nicht glauben, dass man mit einem augenscheinlich nur profitorientiertem Geschäftsmodell vorrangig etwas Gutes tun möchte. Das ist ein kulturelles Problem.“  Dennoch hat es Beeming Box in nur zwei Jahren auf dem Markt geschafft, den Beweis anzutreten, dass man auch in offenkundig hart umkämpften Branchen mit einem sozialen Geschäftsmodell ein funktionierendes Geschäft aufbauen kann.

 

Vom Unternehmer zum Coach

Je weiter er jedoch in den sozialen Bereich einstieg und die Menschen kennengelernt hat, die sich ebenfalls dort engagieren, desto mehr brannte er für das Thema Social Entrepreneurship. Neben seinem eigenen Unternehmen berät, coacht und investiert er auch in andere Social Start-ups. „Es gibt unglaublich viele tolle Ideen, aber vielen fehlt das unternehmerische Mindset. Und jemand, der heutzutage ein Sozialunternehmen gründet, nimmt so viel in Kauf. Es ist es wert, das zu unterstützen.“ Aktuell verdient er an diesem Engagement nichts. „Wenn man sich am Aufbau von Sozialunternehmen beteiligt, kann man nicht gleich mit viel Profit rechnen. Zunächst geht’s es um den Impact, den wir leisten können. Und wenn die Unternehmen mal erfolgreich sind, werden sie sich sicherlich an mich erinnern und etwas zurückgeben.“

Wirtschaft in der Verantwortung

Sein Weg als Sozialunternehmer hat ihn für viele soziale Probleme erst sensibilisiert. „Die größten Probleme im sozialen Bereich sind meist die kleinen vor der eigenen Tür. Als einzelner kann man nicht alle davon lösen.“ Der Staat allerdings auch nicht: „Ich finde, die Wirtschaft trägt die Verantwortung, weil sie mit den Menschen den Profit macht. Das Thema Wirtschaft muss neu gedacht werden. Es ist immer sehr einfach, dann nach dem Staat zu rufen.“ Er wünscht sich deshalb, dass mehr Unternehmen seinem Beispiel folgen: „Alle wirtschaftlichen Geschäftsmodelle haben das Potenzial, nachhaltig soziale Innovationen zu ermöglichen. Die Margen in jeder Branche sind groß genug, damit neben dem Profit auch eine soziale Rendite erwirtschaftet werden kann.“

Damit das künftig ermöglicht wird, sieht er verschiedene Ansatzpunkte: In der Ausbildung künftiger Unternehmer und Führungskräfte sollte der soziale und gesellschaftliche Aspekt eine größere Rolle spielen. Die Politik muss die Unternehmen durch entsprechende gesetzliche Regelungen in die richtige Richtung lenken. Und auch die Social-Entrepreneur-Szene spielt für ihn eine wichtige Rolle. „Je größer diese wird, desto mehr wird spürbar, dass sich was verändern muss.“

Der Social Entrepreneur im Social Impact Lab Duisburg

Er selbst unterstützt neben Social Start-ups auch Unternehmen dabei, soziale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die sich nah an ihrem eigentlichen Geschäft orientieren. „Es wird immer die geben, die doch wieder in eigenem Interesse handeln, aber der Druck seitens der Gesellschaft wird durch die existierende Ungerechtigkeit größer. Irgendwann wird das notwendig, um überhaupt Geschäft machen zu können. Nicht morgen, aber in den nächsten 20 Jahren. Erst wenn der Leidensdruck groß genug ist, verändern Menschen etwas.“ Aktuell beschäftigt Schneiders sich mit der Touristik und der künftigen Art des Reisens, denn er findet, dass hier erhebliches Potential für einen direkten Social Impact in den entsprechenden Destinationen schlummert.