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Was bringt soziales Unternehmertum?

Autor: Janina Groffmann |
Foto: Michael Hudler
Gesellschaftliche Probleme lösen und damit Geld verdienen – das ist die Idee hinter Social Entrepreneurship. Seit drei Jahren werden Gründerteams am Franz-Haniel-Platz gefördert. Mit Erfolg?

Direkt neben dem Gründerhaus auf dem Haniel-Firmengelände betritt man eine andere Welt: Auf zwei Stockwerken wollen hier junge Gründer die Welt verändern. Mehrere helle Räume mit großen Tischen, Sitzsäcken und Whiteboards und eine große Wohnküche bieten Platz für Coworking, Austausch und Seminare.

Die Idee hinter sozialem Unternehmertum ist es, mithilfe der unternehmerischen Tätigkeit soziale oder ökologische Herausforderungen zu lösen. Dabei arbeiten die Unternehmen zwar nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, der Profit steht aber im Hintergrund. Themen sind zum Beispiel Bildung, Umweltschutz oder Integration. Offizielle Statistiken zur Zahl der Sozialunternehmen in Deutschland gibt es nicht, doch für immer mehr junge Gründer ist es reizvoll, nicht nur ein eigenes Unternehmen aufzubauen, sondern damit auch etwas zu verändern. „Die meisten unserer Bewerber sind um die 30 und hochqualifiziert. Die könnten woanders viel Geld verdienen. Doch die Generation Y will einen Sinn hinter ihrer Arbeit“, sagt Dirk Sander.

Ideen fürs Ruhrgebiet

Er ist der Mann, der die jungen Gründer seit drei Jahren auf ihrem Weg zum erfolgreichen Sozialunternehmen unterstützt. Der geborene Duisburger hat mit seinen Mitarbeitern und einem Netzwerk an Experten in zehn Runden 62 Teams gefördert – mit Coaching, Seminaren zu Themen wie Geschäftsmodellentwicklung oder Finanzierung und Netzwerken. Etwa die Hälfte davon hat bisher ein Unternehmen gegründet. „Da sind einige sehr interessante und aussichtsreiche Unternehmen dabei“, sagt Sander. Beispiele sind ichó, die eine interaktive Therapiekugel für Demenzerkrankte entwickelt haben, Codivity, die Programmierkurse an Schulen anbieten, oder Futterzeit, die Hundefutter aus Insekten herstellen. Andere Teams arbeiten noch an der Verbesserung ihres Geschäftsmodells oder müssen rechtliche Rahmenbedingungen klären, manche haben auch erkannt, dass die Idee sich doch nicht umsetzen lässt.

Dirk Sander und sein Team haben dazu beigetragen, dass sich im Ruhrgebiet immer mehr andere Akteure damit beschäftigen, wie soziale Probleme unternehmerisch gelöst werden können. Dabei stehen soziale Unternehmen vor speziellen Herausforderungen. Es gibt wenige Angebote zur Gründungsförderung oder Finanzierung. Dazu kommt, dass die Abnehmer der Leistung meist andere sind als diejenigen, die dafür zahlen sollen, zum Beispiel im Bereich der Bildungsförderung. „So langsam erkennen aber auch die Banken den Markt für soziale Start-ups.“

„Wir wollen die Gründer nicht nur in der frühen Phase unterstützen, sondern einen nachhaltigen Markteintritt ermöglichen und den Erfolg in den nächsten Jahren sicherstellen“

Dirk Sander

Haniel fördert das Projekt gemeinsam mit der KfW Stiftung und der Beisheim Stiftung. Auch Mitarbeiter, Mitglieder der Haniel-Familie und die Haniel Stiftung engagieren sich für Start-up-Teams, zum Beispiel als Mentoren, durch fachliche Beratung bei Themen wie Recht und Finanzen oder durch direkte Investments. „Die Förderpartner haben uns sehr gut unterstützt“, sagt Sander. „Durch den Standort auf dem Haniel-Gelände wurden wir außerdem von Anfang an ernst genommen, haben Aufmerksamkeit bekommen und konnten von den lokalen Netzwerken profitieren.“


Eröffnung des Social Impact Labs Duisburg 2016


Neue Pläne

Nach drei Jahren sehen Sander und seine Mitarbeiter Potenzial, die Teams zukünftig noch intensiver zu unterstützen. „Aktuell umfasst das Programm acht Monate Förderung. Wir wollen die Gründer aber nicht nur in der frühen Phase unterstützen, sondern einen nachhaltigen Markteintritt ermöglichen und den Erfolg in den nächsten Jahren sicherstellen.“ Die meisten Teams kommen erst einmal mit einer Idee. „Wir unterstützen sie, ihr Geschäftsmodell auszuarbeiten und sich Kooperationspartner zu suchen“, erklärt Sander. „Dabei müssen sie sich fragen: Was ist das Problem meines Kunden? Und bin ich wirklich in der Lage, es zu lösen?“

Für Teams, die diese Phase bestehen, und Gründer, deren Geschäftsidee fortgeschritten ist, soll es künftig ein neues Programm geben. „Wir haben einfach gemerkt, dass es dafür Bedarf gibt und wir durch unsere Netzwerke und Kooperationen in der Region noch viel mehr leisten können. Künftig wollen wir die Teams noch viel individueller in den einzelnen Gründungsphasen unterstützen. Zum Beispiel darin, die Idee im systematischen Kundenkontakt weiterzuentwickeln, sich im Markt zu etablieren und die Finanzierung zu klären.“ Sander und sein Team möchten deshalb noch mehr Kooperationspartner gewinnen, zum Beispiel Banken, Experten in Bereichen wie Website-Entwicklung oder auch Universitäten. „Wir wollen die Probleme der Region mit den Kompetenzen der Region zusammenbringen.“ Denn das Ruhrgebiet hat einen enormen Standortvorteil: Hier kommen verschiedene soziale Probleme mit einer hohen Dichte an Universitäten und damit gut ausgebildetem Nachwuchs zusammen.

Außerdem will sich Sander mit seinem Team selbst auf die Suche nach interessanten Geschäftsmodellen machen. „Es gibt gerade im Technologiebereich viele Start-ups, denen gar nicht klar ist, dass sie mit ihrer Idee auch einen sozialen Einfluss haben könnten“, sagt Sander. „Wir erweitern unseren Fokus auf Unternehmen, die zwar profitorientiert arbeiten, aber das Potenzial haben, ein soziales Problem zu lösen.“ Darin sieht er auch keinen Widerspruch: „Entscheidend ist der Impact. Die Lösung ist nicht Konkurrenz, sondern mehr Kooperation. Unternehmen, die ihre Ideen zusammenbringen, um neue Ideen und gesellschaftliche Lösungen voranzutreiben.“

„Wir erweitern unseren Fokus auf Unternehmen, die zwar profitorientiert arbeiten, aber das Potenzial haben, ein soziales Problem zu lösen“

Dirk Sander

Ein nachhaltiger Kapitalismus

Leitgedanken des Sozialen Unternehmertums

Sander sieht den Kapitalismus sehr differenziert: „Der Kapitalismus ist ein janusköpfiges Phänomen. Von vorn betrachtet, erscheint er als Erfolgsgeschichte und hat in Europa und anderen entwickelten Ländern viel Gutes hervorgebracht, zum Beispiel mehr Freizeit, Komfort, Gesundheit und ein längeres Leben. Gleichzeitig ist er aber auch eine tragische Geschichte, weil wir die Umwelt zerstören und Menschen ausbeuten.“ Soziales Unternehmertum ist für ihn deshalb auch eine Antwort auf aktuelle Entwicklungen: „Die digitale Transformation setzt künftig viele Arbeitsplätze frei. Wir müssen neue Formen der Arbeit schaffen.“

Die frei werdenden Ressourcen könnten zum Beispiel im sozialen und kreativen Bereich genutzt werden: „Wenn die Chancen auf rein wirtschaftliche Erwerbsarbeit abnehmen, steigt die Wertigkeit eines nachhaltigen gesellschaftlichen Engagements. Das gilt zumindest für unsere Breitengrade. In den Ländern des globalen Südens wird der Industriekapitalismus noch weitergehen, aber die Probleme werden schneller offensichtlich als in den industrialisierten Ländern, und dann steigt der Handlungsdruck.“

Auch bei Unternehmen sieht er zunehmend einen Wandel: „Im Finanzkapitalismus stehen Investoren und Shareholder im Mittelpunkt und sind wichtiger als die eigentlichen Kunden. Das soziale Unternehmertum stellt die gesellschaftliche Rendite in den Vordergrund.“ Das Finanzielle sei dabei immer noch wichtig, um Investoren zu bekommen, denen daran gelegen sein muss, ihr Geld gewinnbringend anzulegen, sodass es einen vielfachen Impact generiere. „Noch ist das ein Nischenmarkt für Investoren, die anders denken, aber immer mehr Unternehmen ziehen es zumindest in Betracht.“

Sander hält es mit dem Begründer der Gemeinwohlökonomie, Christian Felber, der die Transformation des kapitalistischen Systems in eine nachhaltige, ethische und kooperative Marktwirtschaft einem radikalen Systemwechsel vorzieht. „Das Ruhrgebiet gilt heute international als Modellregion für eine gelingende Transformation und Integration von Wirtschaft und Gesellschaft. In diesem Sinne werden wir künftig noch intensiver mit den betroffenen Stakeholdern kollaborieren und nachhaltige Lösungen für die Probleme der Region entwickeln.“

 


Dirk Sander stammt zwar aus einer bildungsfernen Familie, machte aber trotzdem Abitur und studierte Philosophie, Germanistik und Politik. Danach arbeitete er 17 Jahre bei einer internationalen Bank. Eine klassische Konzernkarriere, „bis ich keine Möglichkeit mehr sah, mich weiterzuentwickeln“, sagt er. Damals ging er für mehrere Wochen als Mikrofinanz-Berater nach Bangladesch, dann weiter nach Tansania, wo er mit einem einheimischen Bekannten ein eigenes Mikrofinanz-Unternehmen gründete. Heute sitzt er im Vorstand verschiedener Sozialunternehmen.