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Autor: Janina Groffmann |
Foto: Michael Hudler
Erstmals seit 1998 hat die Haniel-Holding mit Bekaert Textiles ihr Portfolio erweitert. Ein Besuch in Belgien.

Waregem in der belgischen Provinz Flandern: ein 30.000-Einwohner-Städtchen, wie es idyllischer nicht sein könnte: rote Backsteinhäuser säumen die Hauptstraße, während sich die Neubaugebiete am Stadtrand verstecken. Erst kurz vor dem Ortsausgang weist ein unauffälliges Schild den Weg: vorbei an einer großen Wiese, an einem Ententeich, bis man auf dem Parkplatz eines flachen Gebäudes mit großen Fensterfronten gelandet ist. Aus dem hohen Schornstein hinter dem Gebäude steigt kein Rauch mehr auf – er ist nur noch Dekoration. Und das soll der Hauptsitz eines internationalen Marktführers sein?

Eine Frage, wie man sie sich auch bei Haniel gestellt hat. Doch Bekaert Textiles, das sich hinter dem unauffälligen Gebäude verbirgt, konnte durch innere Werte überzeugen. Und so hat die Haniel-Holding zum ersten Mal seit 1998 im April dieses Jahres ihr Portfolio erweitert – und dabei Mut gezeigt. Denn 
Bekaert Textiles entwickelt und produziert Bezugsstoffe für Matratzen. Jeden Tag beziehen Matratzenhersteller weltweit Zehntausende neue Matratzen mit Stoffen von Bekaert Textiles. Ein Geschäftsbereich, der nichts mehr mit dem klassischen Handelsgeschäft zu tun hat – und dann liegt auch noch die Zentrale im Ausland.

Na, dann gute Nacht: der Showroom von Bekaert Textiles.

Na, dann gute Nacht: der Showroom von Bekaert Textiles.

Mehr Diversifikation bei Haniel

„Mit Bekaert Textiles konnten wir den ersten wichtigen Schritt zur Diversifizierung unseres bestehenden Portfolios machen“, erklärt Stephan Gemkow, Vorstandsvorsitzender von Haniel, den auf den ersten Blick so ungewöhnlich erscheinenden Schritt. Denn mittelfristig soll das Portfolio nicht nur erweitert, sondern auch besser ausbalanciert werden – um die Abhängigkeit von wenigen Branchen zu verringern. 
Seit 1892 entwickelt und produziert das Unternehmen Bezugstoffe für Matratzen. In den letzten 20 Jahren hat es 
sich durch Zukäufe und Markteintritte vom belgischen Textilhersteller zum multinationalen Spezialisten für Matratzenbezugsstoffe weiterentwickelt. Mit mittlerweile weltweit mehr als 
1.600 Mitarbeitern und einem Umsatz von über 200 Millionen Euro im letzten Jahr ist Bekaert Textiles Marktführer in der Branche. Trotzdem hat es sich die Kultur eines Familienunternehmens bewahrt. Von den etwa 100 Mitarbeitern am Hauptsitz in Belgien sind viele schon sehr lange beim Unternehmen. Ein Pluspunkt, den Haniel zu schätzen weiß.

26. Oktober 2015 | Lien Sinnesael, Group Marketing Communication Manager

„Wir müssen in den 
Märkten vor Ort sein, um die Vorlieben der Kunden zu kennen“

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Mir gefällt besonders, dass Bekaert Textiles so international ist und ich mit vielen Leuten in anderen Ländern in Kontakt komme. Als Marketingmanagerin ist es wichtig, vor Ort in den Märkten zu sein, denn auch die Vorlieben der Kunden sind vom Markt abhängig. Während die Deutschen eher an  Fakten und technischen Daten interessiert sind, geht es in den USA stärker ums Aussehen, und in 
China spielt die Marke eine wichtige Rolle. In diesem Jahr haben wir ein neues 3D-Matratzen-Visualisierungstool eingeführt. Die Kunden sehen sofort, wie das fertige Bettmodell aussehen wird, und können Eigenschaften und Aussehen der Stoffe nach ihren Wünschen anpassen. Unsere Textildesigner können diese dann direkt aus dem Programm für die Produktion umsetzen.

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Aber nicht der einzige. „Auch die große Produktvielfalt und die Tatsache, dass Bekaert Textiles mit seinen Materialien neue Wege geht, haben uns beeindruckt“, erinnert sich Gemkow. Insgesamt bietet das Unternehmen mehr als 50 verschiedene Stofftechnologien an. Doch wie kann eigentlich ein Matratzenbezug innovativ sein? „Viele konzentrieren sich beim Kauf vor allem auf die Füllung der Matratze und darauf, ob diese beim Probeliegen bequem ist. Doch der Bezug der Matratze ist genauso wichtig“, erklärt Dirk Vandeplancke, CEO von Bekaert Textiles.

Innovative Wege mit neuen Materialien

In den Matratzenbezügen und Stoffen verbergen sich Anti-Allergene und Mikrotechnologie.

In den Matratzenbezügen und Stoffen verbergen sich Anti-Allergene und Mikrotechnologie.

Auch in Waregem sind die Stoffe überall präsent, obwohl hier nicht mehr produziert wird. Direkt hinter dem Eingang steht ein extra für Messen designtes Bett in bunten Farben. Alles ist 
perfekt aufeinander abgestimmt: Bettgestell, Matratzenbezug und Tagesdecke strahlen in Rot- und Goldtönen. 
In drei lichtdurchfluteten Showrooms gibt es dann alles, was das Herstellerherz begehrt. An den Wänden reihen sich auf Kleiderstangen Hunderte Stoffmuster aneinander, die auf den ersten Blick recht eintönig wirken. Erst wenn man sie anfasst, bemerkt man die Unterschiede. Einige sind eher weich und geben bei Druck nach, andere sind fester und robuster verarbeitet.

Der größte Unterschied liegt aber in den Funktionen, die sich im Stoff verbergen. Manche Textilien sind etwa mit einer speziellen Beschichtung ausgestattet. Diese sorgt dafür, dass umso mehr Feuchtigkeit verdampft, je stärker sich das Material erwärmt. Ähnlich wie bei Sporttextilien trocknet die Matratze rascher und kühlt gleichzeitig den Körper. So schwitzt man nachts weniger und schläft entspannter. Oder es sind Mikrokapseln mit speziellen Funktionen in das Material eingestrickt. Die sind so klein, dass man sie weder sehen noch fühlen kann. Darin können etwa probiotische Bakterien sein. Sie sind nicht nur im Joghurt gut, sondern reduzieren auch Hausstaubmilben in der Matratze – gut für Allergiker.

„Auch die große Produktvielfalt und die Tatsache, dass Bekaert Textiles mit seinen Materialien neue Wege geht, haben uns beeindruckt“

Stephan Gemkow

Ob solche Ideen funktionieren, testet das Entwicklungszentrum: Stoffmuster liegen in verschiedenen Größen herum, Farben und Materialien stapeln sich auf dem Arbeitstisch und in mehreren Containern. Produziert werden sie an einer Strick- und einer Webmaschine: große, massive Maschinen, die dünnes Garn an großen Rollen in Textilien verwandeln. In einer Ecke der Halle können die Neuentwicklungen an verschiedenen Laborgeräten geprüft werden. Die Geräte simulieren etwa Reibung oder Dehnung des Materials, um so zu prüfen, wie robust es ist. 
Die meisten dieser Ideen sind in der hauseigenen  „Innovationsschmiede“ entstanden: der Bekaert Textiles Academy. Dahinter verbirgt sich ein globales Netzwerk aus Wissenschaftlern, Kliniken, Zulieferern und anderen Unternehmen aus verschiedenen Branchen. Diese verfolgen das Ziel, Antworten auf noch offene Fragen zu geben und innovative Produkte zu schaffen, die echte Probleme lösen. Denn Schlafforschung ist noch eine junge Wissenschaft und birgt viel Potenzial für Bekaert Textiles. Denkbar wären für die Zukunft Sensoren, die Herzschlag oder Körpertemperatur des Schlafenden messen und darauf reagieren.

26. Oktober 2015 | Serra Erim, Cash Collectioner & Assistant Credit Controller

„Ich konnte mich in einen neuen Bereich einarbeiten“

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Als ich vor einem Jahr in der Finanzabteilung anfing, hatte ich relativ wenig Ahnung von Finanzen. Doch Bekaert Textiles hat mir die Chance gegeben, mich in einen neuen Bereich einzuarbeiten. Ich kümmere mich um die Kreditlinien der Kunden und Mahnungen. Dabei bin ich vor allem für die Türkei und für Großbritannien zuständig, denn ich bin vor ein paar Jahren aus der Türkei nach Belgien gekommen, weil mein Freund hier lebt. Davor hatte ich Biologie studiert und wollte hier eigentlich meinen Master in Biotechnologie machen. Doch dann habe ich stattdessen ein paar Managementkurse besucht und fand das gleich interessant. Als mir dann eine Bekannte von dem Jobangebot hier berichtete, habe ich mich einfach beworben, hier fühle ich mich wirklich wohl.

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Baekert Textiles ist führend bei der Herstellung von gestrickten und gewebten Matratzenbezugsstoffen.

Baekert Textiles ist führend bei der Herstellung von gestrickten und gewebten Matratzenbezugsstoffen.

Baekert Textiles ist führend bei der Herstellung von gestrickten und gewebten Matratzenbezugsstoffen.

Doch auch sonst sind Matratzen ein Zukunftsmarkt: „In den Industrienationen profitiert Bekaert Textiles mit seinen hochwertigen Produkten deutlich vom zunehmenden Bedürfnis nach Komfort und vom steigenden Gesundheitsbewusstsein“, erklärt Vandeplancke. In den Schwellenländern hingegen sorgen Bevölkerungswachstum und steigendes Wohlstandsniveau für neue potenzielle Matratzenkäufer. „Die Erschließung aufstrebender Länder und Regionen wie Indien, Brasilien und Südostasien durch sinnvolle Investitionen könnte die Chance eröffnen, an der positiven Marktentwicklung zu partizipieren. Weitere Möglichkeiten sehen wir zum Beispiel in innovativen Lösungen für das Geschäft mit Hotels, Krankenhäusern und Altenheimen“, erläutert Gemkow, was Haniel und der neue Geschäftsbereich in den nächsten Jahren planen. Wie die anderen Beteiligungen bleibt auch Bekaert Textile dabei aber operativ eigenständig, während die Haniel-Holding im Dialog mit der Geschäftsführung strategische Initiativen vereinbart, die dann eigenverantwortlich umgesetzt werden.

26. Oktober 2015 | Annemie Grymonpon, Production Planning Manager Europe

„Bei Matratzenherstellern gibt es nur wenig Lagerhaltung, sie produzieren nach Bedarf“

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Mein Job ist es, die Produktion in unseren europäischen Werken so zu planen, dass alle Kunden ihre Bestellung pünktlich erhalten und die Maschinen gut ausgelastet sind. Es gibt bei Matratzenherstellern wenig Lagerhaltung, sie produzieren nach Bedarf. Wir haben deshalb zwar eine grobe Jahresplanung, die Feinplanung kann ich aber nur für etwa drei Tage im Voraus machen. Das funktioniert über ein Computersystem. Als ich vor fast 30 Jahren angefangen habe, wurden die meisten Stoffe noch gewebt – das klassische Herstellungsverfahren. Mittlerweile wird etwa die Hälfte unserer Stoffe gestrickt. Während gewebte Stoffe sehr robust sind, sind gestrickte Stoffe weich und sehr luftdurchlässig. Außerdem können wir so Mikrotechnologie einbringen, die etwa Allergikern hilft.

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Haniel war es wichtig, dass die Geschäftsführung im Amt bleibt, bestätigt Gemkow: „Das Führungsteam um Dirk Vandeplancke hat umfangreiche und langjährige Markt- und Branchenkenntnisse und verfügt über eine hohe Reputation.“ Auch Vandeplancke freut sich auf die künftige Zusammenarbeit: „Die Transaktion unterstützt unsere kontinuierliche Wachstumsstrategie, ohne Einfluss auf unsere Mitarbeiter oder Arbeitsprozesse zu nehmen.“ Der 49-jährige Wirtschaftsingenieur ist eher der hemdsärmelige Typ. Seine Tür für die Mitarbeiter, die er, wie in Belgien üblich, duzt, ist immer offen. Mit den meisten verbindet ihn eine lange gemeinsame Geschichte, denn er ist bereits seit 1989 im Unternehmen. „Mir gefallen besonders der Tatendrang und das Know-how unter den Kollegen. Das sind die Treiber für unsere Innovationsstärke und unser Wachstum.“

26. Oktober 2015 | Philip Ghekiere, Group Innovation Director

„Gute Ideen sind nur nutzbar, wenn sie 
Bedürfnisse befriedigen“

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Biofunktionale Textilien sind ein großer Trend. Auch im Bett: Schließlich schläft jeder im Schnitt acht Stunden pro Nacht. Schlafforschung ist eine noch junge Wissenschaft mit einem gewaltigen und noch zu erkundenden Potenzial. In letzter Zeit bekommen wir immer mehr Anfragen von Spitzensportlern, wie sie ihren Schlaf so optimieren können, dass sie beim Wettbewerb leistungsfähiger sind. Unsere Innovationen entwickeln wir gemeinsam mit unseren Kunden und in der Bekaert Academy: einem globalen Netzwerk aus Mitarbeitern, Wissenschaftlern, Kliniken, Zulieferern und anderen Unternehmen. Denn gute Ideen sind nur nutzbar, wenn sie Bedürfnisse befriedigen und damit den Schlafkomfort der Menschen verbessern. Außerdem haben wir in der Vergangenheit gemerkt, dass es besser ist, Kooperationen einzugehen, anstatt zu versuchen, alles selbst zu machen. Man muss als Unternehmen wissen, wo die eigenen Stärken liegen.

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Dank dieser Innovationskraft ist das Unternehmen weltweit aktiv und versorgt Matratzenhersteller rund um den Globus. In jedem wichtigen Land sitzen Design- und Produktteams, die die Bedürfnisse der Kunden kennen. Außerdem produziert das Unternehmen in acht Ländern, unter anderem in Mexiko, Argentinien und der Türkei. So kann der Stoffexperte schnell und flexibel an seine Kunden liefern. „Die Führungsposition in einem Nischenmarkt, die globale Präsenz des Unternehmens und die Tatsache, dass die Unternehmensstrategie von diversen Megatrends unterstützt wird, komplettieren das Bild und erfüllen weitere Investitionskriterien, die wir bei Akquisitionen ansetzen“, sagt Gemkow.

26. Oktober 2015 | Gerd Derieuw, Senior Sales Manager

„Wir haben einen guten Ruf, eine lange 
Tradition und innovative Stoffe“

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Ich arbeite bereits seit 24 Jahren hier. In der Zeit hat sich das Unternehmen sehr verändert. Früher hatten wir noch andere Stoffe, haben uns dann aber auf Betttextilien spezialisiert. Während der Vertrieb früher komplett von Belgien aus gesteuert wurde, haben wir heute lokale Außendienstler in vielen Ländern. Der Matratzenmarkt verändert sich in den letzten Jahren sehr. Es gibt zum Beispiel immer mehr asiatische Produzenten. Außerdem werden viele Matratzen online gekauft. Der Preis wird als Entscheidungskriterium immer wichtiger. Aber ich denke, dass Bekaert Textiles seine Position die nächsten zehn Jahre noch mindestens halten kann. Wir haben einen guten Ruf, eine lange Tradition und innovative Stoffe. Die Märkte vor allem in Osteuropa und Asien haben noch viel Potenzial für uns. Von der Übernahme durch Haniel habe ich fast gar nichts gemerkt. Aber als unser Vorstand uns davon erzählt hat, konnte ich an seiner Körpersprache sehen, dass er glücklich darüber war.

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Und so unscheinbar Megatrends unsere Gesellschaft prägen, so subtil wirken auch die Produkte und Innovationen von Bekaert Textiles. Kleine Kügelchen, in denen Mikrotechnologie steckt, die unser Leben im Schlaf verbessern, ohne dass wir etwas davon merken. So ergibt auch die versteckt in Flandern liegende Zentrale viel mehr Sinn: Denn wer sich auf die Überzeugungskraft seiner Leistung verlassen kann, muss nun wirklich niemandem etwas vormachen.


Bekaert Textiles ist der weltweit führende Spezialist für Entwicklung und Herstellung von gewebten und gestrickten Stoffen für Matratzenbezüge. Das multinationale Unternehmen mit Produktionseinheiten in acht Ländern und dem Hauptsitz im belgischen Waregem liefert täglich den Stoff für Zehntausende Matratzen. Diese werden in Zusammenarbeit mit den Kunden, also den Matratzenherstellern, entwickelt. Kernabsatzregionen sind mit 53 Prozent der amerikanische Kontinent sowie mit 33 Prozent Europa und mit 14 Prozent die Region Asien/Pazifik. 2014 erwirtschaftete das Unternehmen über 200 Millionen Euro Umsatz.