Alter

1 und 1 ergibt …

Autor: Jörn Petring |
Foto: Susetta Bozzi
... nur manchmal 2. Lässt sich der demografische Wandel eines ganzen Landes steuern? Nach 35 Jahren verabschiedet sich China von der Ein-Kind-Politik. Wir begleiteten zwei Familien in einem Land, das sich ändern muss.

Zijun rutscht nervös auf dem Sofa hin und her. Er hält es einfach nicht mehr aus, brav den Erwachsenen bei ihrem Gespräch zuzuhören. Wie so oft geht es mal wieder nicht um ihn, sondern um seine kleine Schwester. Einen Monat ist Ziyao jetzt alt, fast die gesamte Verwandtschaft war schon da, um das Baby zu bewundern. Und jetzt kommt auch noch ein Reporter aus dem Ausland und stellt Fragen. Ob es eine große Umstellung für die Eltern ist, jetzt plötzlich zwei Kinder hüten zu müssen. Und ist das alles eigentlich finanziell ohne Weiteres zu bewältigen in einer so teuren Stadt wie Peking? Wen interessiert’s? Zijun springt von der Couch und rennt zu seiner Spielkiste, die von Plastikzeug überquillt. Der Sechsjährige zieht eine knallrote Actionfigur heraus, die er mit lautem Knall auf den Parkettboden pfeffert. Er schaut rüber zum Sofa und erntet böse Blicke von seiner Mutter. Seine Schwester Ziyao, die gerade noch zwischen den Eltern schlummerte, ist jetzt wach und brüllt wie am Spieß. Zijun lächelt zufrieden. Endlich sind mal wieder alle Blicke auf ihn gerichtet.

Mutter Zhou Yanli und Vater Wang Zheng wissen, dass sie noch einige solche Kämpfe mit ihrem Sohn austragen werden, bis er nicht mehr eifersüchtig auf das neue Familienmitglied ist. „Das kriegen wir aber bestimmt hin. Wir könnten nicht glücklicher sein“, sagt Zhou Yanli. Sie und ihr Mann kennen sich schon seit der Schulzeit. Seitdem sind sie ein Paar. Direkt nach dem Studium heiraten sie, und noch im gleichen Jahr kommt Zijun zur Welt. Schon damals hatten sich beide ein zweites Kind gewünscht. „Wir wollten noch ein Mädchen“, sagt Zhou Yanli. Doch bislang machte Chinas strikte Ein-Kind-Politik der 30-Jährigen und dem 31-Jährigen einen Strich durch die Rechnung.

enkelfaehig_demografischer_wandel_03

Wie der Vater, so der Sohn: Der sechsjährige Zijun wuchs wie sein Vater Wang Zheng bisher als Einzelkind auf. Weil die chinesische Regierung in solchen Fällen Paaren wegen des demografischen Wandels ein zweites Kind erlaubt, hat er nun eine kleine Schwester.

400 Mio. weniger Chinesen durch Ein-Kind-Politik

Peking hatte die Ein-Kind-Politik 1979 eingeführt, um das Bevölkerungswachstum einzudämmen und weitere Hungersnöte zu verhindern, wie sie das Land in den Jahren zuvor  immer wieder erlebt hatte. Experten gehen davon aus, dass durch die Ein-Kind-Regelung tatsächlich bis zu 400 Millionen Chinesen weniger geboren wurden, die mit Nahrung versorgt werden müssten. Ein paar Ausnahmen gab es zwar stets: Ein Mann und eine Frau dürfen demnach zwei Kinder bekommen, wenn sie selbst beide Einzelkinder sind. Und auch Menschen auf dem Land können ein weiteres Kind kriegen, wenn das erste Kind eine Tochter ist – ein Junge kann schließlich später besser mit anpacken.

Städter wie Zhou Yanli und Wang Zheng dagegen verzweifelten an der Regelung. Die beiden dachten sogar schon darüber nach, einfach illegal ein zweites Kind zu kriegen. Während das auf dem Land gefährlich ist, weil Müttern eine Zwangsabtreibung droht, wenn es auffliegt, gelten in der Stadt andere Regeln. Wer illegal mit einem zweiten Kind schwanger ist, kann das melden und eine Strafe von umgerechnet 40 000 Euro zahlen. „Vielleicht hätten wir einen Kredit aufgenommen“, sagt Zhou Yanli. Doch das war nicht mehr nötig. An einem Novemberabend im vergangenen Jahr brachten die Nachrichten einen Beitrag über den Parteitag der Kommunistischen Partei. Und die Politiker hatten Großes zu verkünden: Mit der Ein-Kind-Politik, wie man sie bisher in China kannte, sollte Schluss sein. Denn als Folge der Politik alterte das Land nun viel zu schnell.

China wird älter – die Belastung des Sozialsystems steigt enorm

enkelfaehig_demografischer_wandel_01

Mittelschichtsidylle auf Chinesisch: Ein zweites Kind ist in China vor allem eine Frage des Geldes: Zhou Yanli und Wang Zheng (v. r.) hatten Glück. Ihre Eltern schenkten ihnen nicht nur eine Eigentumswohnung, sondern kümmern sich auch noch um beide Enkelkinder – denn sie wohnen direkt nebenan.

In den 31 Jahren der strikten Ein-Kind-Politik stieg das Durchschnittsalter Chinas um ganze zwölf Jahre auf 34,5 Jahre an. Im Vergleich zu Deutschland, wo der Altersdurchschnitt derzeit bei 45 Jahren liegt, ist das zwar noch immer nicht viel. Doch bei einer Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau werden auch die Chinesen immer älter – während das Bevölkerungswachstum nachlässt. Laut Schätzungen der Regierung soll es bereits im Jahr 2040 mehr als 411 Millionen Chinesen geben, die älter als 60 Jahre sind. Heute sind es mit 171 Millionen schon mehr als 13 Prozent. Der arbeitende Teil der Bevölkerung – Menschen zwischen 20 und 60 also – würde von 817 Millionen auf 696 Millionen sinken. Das heißt: nachlassende Arbeitskraft bei steigenden finanziellen Belastungen im Sozialsystem.

Die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft werden enorm sein: Viele Ökonomen gehen davon aus, dass eine Wirtschaft nur so lange wachsen kann, wie auch der Anteil der Erwerbstätigen steigt und diese fleißig produzieren und konsumieren. Laut Schätzung der Weltbank hat gerade der hohe Anteil jüngerer Menschen in China das Wachstum in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel gesteigert. Dank des Heeres von jungen Arbeitern ist China zum mit Abstand größten Produzenten der Welt geworden. Altert die Bevölkerung, wird dieser Standortvorteil verloren gehen. Und es gibt erste Anzeichen, dass die Trendwende bereits erreicht ist: Denn im vergangenen Jahr sank die Zahl der Chinesen im erwerbsfähigen Alter nach Angaben des Pekinger Statistikamts erstmals um 3,45 Millionen Menschen.

Peking hat das erkannt und will gegensteuern. Künftig dürfen Paare auch dann ein zweites Kind bekommen, wenn nur ein Elternteil Einzelkind ist. Auf Zhou Yanli und Wang Zheng trifft das zu. Während er alleine aufwuchs, ist sie mit einer Schwester groß geworden. In den nächsten zehn Jahren sollen nun Paare wie die beiden für 15 Millionen zusätzliche Chinesen sorgen.

In Peking wurden im gleichen Monat 5000 Kinder mehr als sonst geboren

Und tatsächlich war eines der ersten Babys dieser Reform Ziyao. Neuneinhalb Monate nach Bekanntgabe der Änderung kam sie in Peking zur Welt, und für einen Moment sah es so aus, als könnte dies tatsächlich die Wende bringen: Allein in der 20-Millionen-Metropole Peking wurden im gleichen Monat 5000 Kinder mehr als sonst geboren. Einige Krankenhäuser mussten extra Babybetten bestellen, um alle Neugeborenen unterzukriegen. Doch einen Monat später hatte sich die Lage wieder eingependelt. „Es ist gut möglich, dass es durch den Parteitag einen Sondereffekt gab“, sagt Zhou Haiwang, Demografie-Forscher an der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften: „Tatsächlich aber wird es in Zukunft nur sehr wenige Familien geben, die sich für ein zweites Kind entscheiden“, glaubt der Forscher.

Dass Zhou Yanli und Wang Zheng zu diesen Ausnahmepaaren gehören, liegt aber eher daran, dass sie die perfekten Voraussetzungen mitbringen: Beide kommen aus Peking. Wer in seiner Heimatstadt lebt, genießt besondere Rechte, wenn es darum geht, die Kinder später in den Kindergarten, in die Schule oder auf die Universität zu schicken. Das alles ist dann günstiger. Außerdem haben Zhou Yanli und Wang Zheng Jobs mit stabilen Einkommen. Er leitet ein Café in der Innenstadt, sie ist Büroangestellte. Ihre Zweizimmerwohnung haben sie zur Hochzeit von Wang Zhengs Eltern geschenkt bekommen. Und ihr wohl wichtigster Vorteil: Die Eltern von Wang Zheng wohnen gleich nebenan. Weil die Wohnung des Paares aber für zwei Kinder zu klein ist, können sie Sohn Zijun jeden Abend bei den Großeltern einquartieren. Das findet er gar nicht schlecht. Nebenan kann er wenigstens mit Opas Heuschrecke und dem Kanarienvogel spielen und muss sich von keinem Säugling die Show stehlen lassen.

Andere Familien haben es da schon schwerer. Ein Samstagnachmittag Ende Oktober im Osten Pekings: Naga tapst durch die Regalreihen eines Supermarkts und hat Kurs auf die Süßigkeitenabteilung genommen. Die Kinderschokolade aus Deutschland hat es dem Zweijährigen angetan. Der Junge mit den braunen Haaren und den milchweißen Zähnen auf der Verpackung lächelt Naga so strahlend an, dass er gar nicht anders kann als zuzugreifen. Doch Vater He Wen geht dazwischen und nimmt ihm die Verpackung wieder ab. Das Ganze wiederholt sich in der Spielzeugabteilung, wo es Naga auf einen Plüschpapagei abgesehen hat. Auch hier greift Papa ein und legt das Stofftier zurück. Er und seine Frau Zhang Zhanyi wollen zwar versuchen, Naga alle Wünsche zu erfüllen. „Unser Sohn soll aber früh lernen, auf Geld zu achten“, sagt He Wen. Er selbst ist Immobilienmakler, seine Frau arbeitet in einer Werbeagentur. Zwar haben sie am Monatsende ein ähnliches Gehalt auf dem Konto wie Zhou Yanli und Wang Zheng. Für ihre Wohnung müssen sie jedoch den Kredit abstottern. Und sie stammen auch nicht aus Peking, sondern sind erst vor fünf Jahren aus dem Süden des Landes hergezogen. Bis zu 20 Prozent ihres Einkommens müssen sie schon bald für den Kindergarten aufbringen. Schule und Universität werden ähnlich viel kosten. „Ein zweites Kind ist da nicht drin“, sagt He Wen.

enkelfaehig_demografischer_wandel_07

Kunst des Konsums: Vater He Wen und Mutter Zhang Zhanyi gehören zwar auch zur chinesischen Mittelschicht, müssen aber sparen. Ihre Eigentumswohnung finanzieren sie selbst, und ein Fünftel ihres Gehalts wird für Kindergarten, Schule und Studium des zweijährigen Naga draufgehen. Ein zweites Kind können sie sich da nicht leisten.

Laut Forscher Zhou Haiwang sind Paare wie He Wen und Zhang Zhanyi die Regel. „Auch wenn es eventuell den Wunsch nach einem zweiten Kind gibt, ist es meist schlicht  zu teuer.“ Vielen wird das aber offenbar erst nach längerem Nachdenken klar. Als die Regierung vor einem Jahr die Reformpläne verkündete, sagten noch 47 Prozent der betroffenen Paare, dass sie sich prinzipiell ein zweites Kind vorstellen könnten. Mittlerweile sind es nur noch zehn Prozent. Von den 15 Millionen Kindern, die sich die Regierung eigentlich von der Reform erhofft hat, werden am Ende tatsächlich nur zwei Millionen geboren werden, prognostiziert Zhou. Trotz der Schwierigkeiten, die die Regierung damit hat, dieser Demografiefalle zu entkommen, sieht der Forscher aber in der Ein-Kind-Politik keinen Fehler.

Aus Angst entscheiden sich viele gegen ein zweites Kind

enkelfaehig_demografischer_wandel_06

Ein Kind aus Pragmatismus: Nicht mehr die Ideologie beeinflusst massiv den Kinderwunsch, sondern harte wirtschaftliche Realitäten

Im Westen sieht man das etwas anders. Der Staat darf nicht derart in das Privatleben eingreifen. Besonders oft verurteilt werden die staatlich verordneten Zwangsabtreibungen. Ultraschalluntersuchungen sind zwar nicht erlaubt, aber trotzdem werden weibliche Föten häufig abgetrieben, da Jungen traditionell bevorzugt werden. Töchter wechseln mit der Heirat in die Familie des Ehemanns und kümmern sich im Alter nicht um die eigenen Eltern. Das ist auf dem Land nicht so schlimm, in den Städten wird es jedoch zum großen Problem werden. Denn die Bevölkerung altert rasant.

enkelfaehig_demografischer_wandel_05

Jungen Chinesen sind Karriere und Lebenshaltung längst so wichtig wie Paaren in westlichen Gesellschaften.

In Peking kämpft man schon lange mit dieser Divergenz. Einerseits braucht man mehr junge Leute, aber andererseits verursacht ein zu großes Volk ebenfalls Probleme. Und junge Paare in China entscheiden nach den gleichen Motiven wie im Westen, ob sie ein Kind bekommen wollen: Die Karriere ist für sie so wichtig, dass kaum Zeit bleibt, ein Kind großzuziehen. Hinzu kommt: Die strikte Geburtenkontrolle und hohe Strafgelder für das verbotene zweite Kind haben vielen Chinesen ganz einfach die Lust zur Großfamilien genommen. „Die Reform der Ein-Kind-Politik hätte noch viel weiter gehen müssen, als einfach das bestehende Gesetz zu lockern“, glaubt der Demografieexperte Wang Feng.

Wang ist davon überzeugt, dass finanzielle Erleichterung in der Bildung und zusätzliche Betreuungsplätze als Anreize zumindest ein Anfang wären. „Und auch die Bürokratie muss dringend abgebaut werden“, sagt er. Denn selbst wenn man sich in diesen Tagen für ein zweites Kind entscheidet – der Verwaltungsaufwand ist riesig.

Auch Bürokratie steht oftmals dem zweiten Kind im Weg

Die Erfahrung mussten auch Zhou Yanli und Wang Zheng bei ihrem zweiten Kind machen. „Die Behördengänge vor der Geburt waren eine Katastrophe“, sagt Zhou Yanli. Denn bevor man den nötigen Erlaubnisschein für seinen familiären Zuwachs in den Händen halten kann, muss man sich strengen Regulierungen stellen. In Peking etwa muss die Frau mindestens 28 Jahre alt sein, wenn sie das zweite Kind bekommt, und zwischen den beiden Schwangerschaften müssen mindestens vier Jahre liegen. In anderen Städten gelten wiederum andere Regeln. Von den Eltern des Paares werden außerdem Geburtsurkunden verlangt, die den Status des Einzelkinds bezeugen. „Diese Prozedur kann Monate dauern“, sagt Zhou Yanli. Sie und ihr Mann nahmen den Ärger trotzdem in Kauf. Sie bereuen es nicht.

Und zumindest für einen Moment sieht es jetzt so aus, als hätte auch Sohn Zijun für heute seinen Frieden mit der kleinen Schwester gemacht. Als sie an diesem Abend wieder auf dem Sofa döst, nimmt Zijun seine rote Actionfigur und legt sie vorsichtig neben Ziyao. „Schlaf gut“, sagt Zijun halb zu der Figur, halb zu Ziyao und verschwindet in die Wohnung seiner Großeltern.