Alter

Alle unter einem Dach

Autor: Liane Rapp |
Foto: Illustration: Hedi Lusser
Seniorenheim oder Mehrgenerationen-Haus? Unsere Gesellschaft muss sich Gedanken machen, wie sie mit Millionen Pflegebedürftigen umgehen will. Ideen und Kreativität sind gefragt – gerade in strukturschwachen Städten wie Duisburg.

Ambulant vor stationär“ lautet das Gebot der Stunde, egal mit welchem Pflegeexperten man sich unterhält. Also der Pflege zu Hause den Vorzug zu geben vor dem Umzug in ein Pflegeheim. Denn allein in Nordrhein-Westfalen gibt es heute schon 548 000 Pflegebedürftige, 2050 wird sich die Zahl verdoppelt haben. Sie alle in Seniorenheimen unterzubringen – das ist weder finanziell machbar noch gesellschaftlich erstrebenswert. Aber wie sollen diese Menschen zu Hause gepflegt werden, wenn wie im Duisburger Stadtteil Bruckhausen bis dato keine einzige barrierefreie Wohnung zur Verfügung steht?

Edeltraud Klabuhn leitet das Stadtteilbüro der „Entwicklungsgesellschaft Duisburg“ und ist seit 14 Jahren vor Ort: „Jetzt haben wir endlich Investoren für entsprechende Projekte gefunden. Mit dem Bau der ersten 20 barrierefreien Einheiten wird im März 2015 begonnen.“ Hier, wo der Migrationsanteil 89 Prozent beträgt, gestaltet sich die Quartiersarbeit besonders schwierig. Gerade hat Klabuhn das städtebauliche Projekt „ambulant vor stationär“ in den Moscheen vorgestellt. Etwa den Umbau des Gemeindehauses der Evangelischen Kirchengemeinde als Quartiersstützpunkt, wo es Beratungs- und Unterhaltungsangebote geben soll. Daneben entsteht gerade die neue Stadtteilküche. Hier sollen auch Ältere, die nicht mehr selbst kochen, mittags zusammen mit anderen essen können. „Das schmeckt einfach besser“, sagt Edeltraud Klabuhn lächelnd.

Und auch an dem neuen Park des Projekts „Grüngürtel Duisburg-Nord“ wird gebaut – er soll 2016 eröffnet werden. Duisburgs Sozialdezernent Reinhold Spaniel erläutert die grundsätzliche Politik der Stadtverwaltung so: „Wir wollen in erster Linie bestehenden Wohnraum für Ältere nutzbar machen. Deshalb fördern wir etwa Projekte wie ‚Wohnen ohne Barrieren‘ und Seniorenwohngruppen. In Walsum ist ein Mehrgenerationen-Spielplatz entstanden – auch das ist eine Möglichkeit, die Generationen wieder anzunähern. Unser Wegweiser ‚Älter werden in Duisburg‘ enthält eine Vielzahl entsprechender Informationen und wird rege nachgefragt.“

Zusammen leben

Um zu sehen, wie altersgerechtes Leben im Quartier aussehen kann, lohnt ein Blick in die Nachbarschaft: Auf den Claudius-Höfen in Bochum, die 2013 vom NRW-Wirtschaftsministerium als „Ort des Fortschritts“ ausgezeichnet wurden, leben Senioren und Studenten sowie Familien, Menschen mit und ohne Behinderung, zusammen. Es gibt ein Gemeinschaftshaus, eine Kapelle, ein Hotel, Restaurants, eine Tiefgarage, Läden und einen Marktplatz. Leiterin dieses rund 10 000 Quadratmeter großen, innerstädtischen Mehrgenerationen-Projekts war die Architektin Sibylle Stiehler aus Dresden: „Hier wurde die Vision des Matthias-Claudius-Sozialwerks Bochum verwirklicht, wie die Gesellschaft im Zeitalter der Individualisierung und Pluralisierung integriert werden kann, wie zukünftiges Leben im urbanen Ballungsraum eine neue Qualität erhält.“ Die Claudius-Höfe setzen vor allem auf ein Miteinander der Generationen – wirklich pflegebedürftig ist hier indes niemand. Doch wie müssen Wohnformen gestaltet sein, die etwa auch Demenzkranken ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglichen könnten? Eine Antwort auf diese Frage geben die sogenannten „Demenzdörfer“.

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Vogelfrei: Mobilität und Selbstständigkeit im Alter wollen Projekte wie die „Entwicklungsgesellschaft Duisburg“ fördern

„De Hogeweyk“ heißt das berühmteste Beispiel, das in der Nähe von Amsterdam liegt und zur Pilgerstätte für Pflegeexperten aus aller Welt geworden ist. Der ganze Gebäudekomplex ist modern – viel Glas, viele Beete, vor allem: fröhliche Farben. „Wir wollen hier kein Ghetto, keine Anstalt, sondern ein Dorf, eine Stätte, wo Demenzkranke leben, sich wohlfühlen und doch noch Kontakt zur Außenwelt haben können“, erklärt Yvonne van Amerongen. Nach dem Tod ihres Vaters hob sie dieses weltweit einmalige Projekt aus der Taufe: „Ich habe mich damals gefragt: Wie würde ein Pflegeheim aussehen, in das ich ihn gern gebracht hätte?

Petra Schnüll, Pflegedienstleiterin „Wir erfahren viel positive Resonanz“

Solche Fragen stellt sich Haus- und Pflegedienstleiterin Petra Schnüll von Zeit zu Zeit auch. Sie und ihre 55 Mitarbeiter vom Malteserstift St. Nikolaus in Duisburg-Ruhrort kümmern sich liebevoll um die 80 Bewohner des Senioren- und Pflegeheims, darunter zwölf Schlaganfallpatienten und 28 Demenzerkrankte. „Wir erfahren viel positive Resonanz“, erzählt die 54-Jährige, „und können durch Transparenz, Vertrauen und auch die sehr guten Beurteilungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherer punkten.“

Beheimatet ist das Malteserstift im Horstmann Haus, das der gleichnamige Zweig der Familie Haniel 2006 anlässlich des 250-jährigen Firmenjubiläums gespendet hatte. „Wir profitieren von der wunderbaren, lichtdurchfluteten Architektur des Hauses. Auch Bewohner, die nicht mehr allein in das Foyer gelangen, bekommen von den oberen Fluren mit, was passiert“, sagt Schnüll und ergänzt: „Das ermöglicht ein schönes Gemeinschaftsgefühl.“ Der ganze Stadtteil ist eingeladen, im Café auf ein Stück Kuchen vorbeizukommen, am gemeinschaftlichen Singen oder an gemütlichen Nachmittagen mit Miss-Marple-Filmen teilzunehmen.

Zudem gibt es einen Austausch mit der städtischen Kita, in der behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam spielen und lernen. Durch gläserne Bullaugen sind Seniorenheim und Kindergarten direkt miteinander verbunden. „Feste wie Nikolaus und Ostern oder auch im Sommer feiern wir gemeinsam“, erzählt Schnüll, „manchmal lesen die Senioren den Kindern vor, oder die Kleinen bringen unseren Bewohnern ein Geburtstagsständchen.“

Jung hilft Alt

In die Welt hinaustrompeten: Generationsübergreifende Projekte finden sich überall in Duisburg-Ruhrort und Umgebung

In die Welt hinaustrompeten: Generationsübergreifende Projekte finden sich überall in Duisburg-Ruhrort und Umgebung

Unterstützt wird das Seniorenstift auch vom Jugendtreff „Ruhrorter Hafenkids“, das Haniel 2009 ins Leben rief und seitdem finanziert. Hier verbringen etwa die Oberstufenschülerinnen Tanja Bineck und Tanja Eisermann, beide 17, ihre Freizeit. Bei Schwester Verena, die im Horstmann Haus als Seelsorgerin arbeitet, machten sie vor Kurzem ihren „Rollstuhl-Führerschein“.

Nur Dank der beiden Tanjas konnten so zwei hilfsbedürftige Bewohner an der alljährlichen Fronleichnams-Prozession in Ruhrort teilnehmen. Rückblickend meinen die beiden: „Das war eine tolle Erfahrung für uns, und nach anfänglicher Zurückhaltung haben wir auch alle viel miteinander gelacht.“ Ehrenamtliches Engagement ist das eine – doch was eine alternde Gesellschaft vor allem braucht, sind speziell ausgebildete Fachkräfte: Schon jetzt sind über 5,3 Millionen Menschen in Deutschland im Gesundheitswesen beschäftigt.

Es sind jedoch nicht nur Pflegekräfte, die gute Chancen am Arbeitsmarkt haben. Besonders gefragt sind auch „Kaufleute im Gesundheitswesen“, die dafür sorgen sollen, dass sich Pflegeeinrichtungen wirtschaftlich rechnen. Ausgebildet werden diese Experten zum Beispiel am Kaufmännischen Berufskolleg Walther Rathenau in Duisburg-Hamborn. Bildungsgangleiter Jan Lerch sieht ein großes Potenzial für diesen Berufszweig: „Die Chancen, in den Betrieben übernommen zu werden, liegen bei unseren Abgängern bei rund 90 Prozent. Sie werden etwa in Krankenhäusern, Rehazentren, Sanitätshäusern, Arztpraxen und Pflegeheimen gebraucht.“ Vielleicht sind es auch diese jungen Menschen aus Duisburg, die der Kritik am bestehenden Pflegesystem in Deutschland langfristig etwas entgegensetzen können. Und so könnten sie auch etwas dazu beitragen, die Generationen zu verbinden.


Weiterführende Links

Landesbüro altengerechte Quartiere
In Bochum unterstützt das Landesbüro den Wissenstransfer und die Vernetzung aller Beteiligter. Es bietet Beratung für lokale Akteure und stellt Informationen zur Verfügung.
www.aq-nrw.de

Best Practice NRW
Auf der Website des zuständigen NRW-Ministeriums finden sich Best-Practice-Beispiele.
www.mgepa.nrw.de

Nachbarschaftshilfe und soziale Dienstleistungen
Näheres zum Programm „Nachbarschaftshilfe und soziale Dienstleistungen“ des BMFSFJ:
www.nachbarschaften.seniorenbueros.org
www.serviceportal-zuhause-im-alter.de
www.seniorenbueros.org

Lebenswerte und zukunftsfähige Städte für alle
Der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e. V. betreibt eine Dialogplattform für integrierte Stadtentwicklung und Wohnen, deren Leitmotiv „lebenswerte und zukunftsfähige Städte für alle“ ist.
www.deutscher-verband.org