Alter

Beim Barte der Propheten

Autor: Felix Zeltner |
Foto: Illustration: Bernd Schifferdecker
In den USA tragen Wissenschaftler und Unternehmer einen Wettbewerb aus, um das Elixier für den genetisch alterslosen, vielleicht sogar unsterblichen Menschen zu finden. Big Data im Kampf gegen den Tod.

Wenn es ums Altern geht und man ein bisschen gute Laune braucht, ruft man am besten Aubrey de Grey an. Der Londoner, ebenso umstrittener wie genialer Altersforscher, hat in Kalifornien ein Institut für das ewige Leben gegründet, SENS, die Abkürzung steht für Strategies for Engineered Negligible Senescence, also künstlich vernachlässigbare Vergreisung. „Haben Sie bestimmte Fragen, oder soll ich Ihnen einfach mal was erzählen?“ Erst mal einfach was erzählen, bitte.

„Wenn ich 90 bin“, sagt er in den Hörer, „will ich wirken wie ein junger Erwachsener. Mental und physisch. Innen und außen.“ Fünf Millionen US-Dollar gebe er jedes Jahr aus, um sich und der Menschheit das zu ermöglichen. Es sei kein einfaches Forschungsvorhaben, aber mit der Aussicht auf 300, 500 oder gar 1000 Jahre Lebenszeit einen Versuch wert.

„Wenn ich 90 Jahre alt bin, will ich wirken wie ein junger Mann – mental wie physisch“

Aubrey de Grey, Strategies for Engineered Negligible Senescence, Kalifornien

De Grey hat sieben Gebote aufgestellt, die unser Leben unheimlich lang machen sollen. Sie handeln davon, Zellverlust ebenso wie Zellwucherung aufzuhalten, Stammzellen und die ebenfalls DNA enthaltenden Mitochondrien, auch „Kraftwerke der Zellen“ genannt, zu injizieren und dadurch das Immunsystem zu stärken. Dazu kommen bessere Eiweißverbindungen zwischen den Zellen und die Zerstörung sogenannten biochemischen Abfalls, das heißt von Ablagerungen in Zellen und Zellzwischenräumen. Eine ständige Frischzellenkur also. Wer in der fernen Zukunft nach de Grey lebt, injiziert sich vielleicht täglich ein paar Proteine und Mitochondrien, wirft eine Handvoll Pillen ein, die das Gewebe auffrischen, und geht einmal im Jahr zur Stammzellenkur.

Im SENS-Labor dreht sich alles um Zellen und Daten, gearbeitet wird hauptsächlich mit Mäusen und in der Petrischale, erzählt de Grey. „Ich habe vor 14 Jahren damit angefangen. Seit zehn Jahren habe ich jetzt das Personal dazu. Es läuft ganz o. k.“ Ganz o. k. heißt, so richtig über Mäuse und Petrischalen ist de Grey bisher nicht hinausgekommen, obwohl er seine Arbeit über Vorträge und Spenden finanziert. Testmäßig ist er erst bei Gebot drei von sieben. Trotzdem hört die wissenschaftliche Welt ihm zu, Forscher strömen zu seinen Vorträgen. 

Ob man einen sogenannten Transhumanisten wie de Grey nun ernst nehmen will oder nicht – der Trend hin zum kalifornischen Heilsbringer, der seine Berufung in der Genetik sieht, ist da. Im September 2013 verkündete Google, dessen Hauptquartier nur ein paar Kilometer entfernt von de Greys Labor am Highway 101 steht, via Time Magazine sein eigenes Anti-Aging-Programm – es geht weit über eine Frischzellenkur hinaus. „Apple hat letzte Woche ein neues iPhone angekündigt; was hast du diese Woche so gemacht, Google?“, fragen die Time-Autoren rhetorisch. „Ach, wir haben eine Firma gegründet, die vielleicht eines Tages den Tod besiegt.“

Calico, kurz für California Life Company, heißt das neue Google-Start-up. Zu Beginn hatte das Projekt nur einen Angestellten: Arthur Levinson, Ex-Apple-Chairman und Biotechunternehmer von wissenschaftlichem Rang. Er scharte eine Gruppe Genetiker, Mediziner und Pharma-Experten um sich und vermeldete diesen September schließlich die erste Großtat: den Bau eines gigantischen medizinischen Forschungs- und Testlabors in der San Francisco Bay. Gemeinsam mit dem Chicagoer Pharma-Unternehmen AbbVie will Calico bis zu anderthalb Milliarden US-Dollar in die Entwicklung neuer Medikamente gegen das Altern investieren und etwaige Gewinne teilen.

Die Disruption des Gesundheitssystems beginnt heute bereits zu Hause am Computer oder am Mobilgerät

Doch den Googlern geht es um viel mehr. Aus seinen knapp 60 Milliarden Dollar Jahresumsatz investiert das Unternehmen nicht nur in die medizinische Lebensverlängerung, sondern auch in die Vergrößerung des eigenen Datenschatzes. Denn wer krank ist, der googelt, die Disruption des bestehenden Gesundheitssystems beginnt also bereits heute zu Hause am Computer oder auf dem Mobilgerät.

Wie sich aus den so gewonnenen Fach- und Amateurdaten zum menschlichen Körper Formeln für längeres Leben generieren lassen, probiert Google derzeit mit seiner „Baseline“-Studie: Unter Anleitung des Mikrobiologen Andrew Conrad sammeln rund 100 Wissenschaftler im Labor genetische und molekulare Informationen von 175 Probanden – geplant sind Tausende weitere – und untersuchen diese mithilfe der Google-Rechenpower und der vorhandenen Daten auf feinste, kleinste Krankheitsmuster. Daraus sollen sogenannte „Biomarker“ entstehen, datenbasierte Warnzeichen, die Herzinfarkte oder Krebs frühzeitig erkennen.

Die beunruhigende Tatsache, dass ein kommerziell motiviertes Suchmaschinenunternehmen zukünftig die persönlichsten aller Daten von Tausenden Menschen besitzt und mit ergoogelten und sonstwie zugänglichen Informationen über diese Menschen kreuzen kann, lässt ein drittes Mammutprojekt aus Kalifornien direkt harmlos erscheinen: die digital-genetische Arche Noah des Craig Venter.

Venter entschied 2001 das Human Genome Project, ein weltweites Rennen um die vollständige Entschlüsselung der menschlichen DNA, für sich und seine Firma, indem er sechs Milliarden Buchstaben seines eigenen genetischen Codes in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlichte; eine weltweite Sensation. Der neueste Coup des 67-jährigen Kaliforniers: Er will die bislang größte DNA-Datenbank der Welt aufbauen. Im März kündigte Venter in San Diego an, innerhalb eines Jahres das Erbgut von 40 000 Menschen mit Supercomputern zu erfassen und auch gleich Stoffwechselzellen und körpereigene Mikroorganismen mit zu analysieren. Die Daten sollen vor allem der Krebsforschung zugutekommen, letztlich aber menschliches Leben verlängern. Der Name des Labors: Human Longevity, Inc.

Craig Venter will seine DNA-Roboter so lange aufrüsten, bis sie irgendwann 100 000 Analysen im Jahr schaffen. Illumina, Hersteller der derzeit schnellsten Sequenzierungsautomaten, und andere Geldgeber unterstützen sein Projekt mit insgesamt 70 Millionen US-Dollar. „Das Genom wird den Menschen Macht geben“, so Venter: „Es ist wahrscheinlich der demokratischste Weg, Kontrolle über die eigenen medizinischen Diagnosen zu haben.“

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Betriebssystem: Während Google Daten sammelt und Craig Venter mit Superrechnern DNA-Sequenzen entschlüsseln lässt, ist De Grey über Petrischalen nicht hinausgekommen. Das Upgrade zum alterslosen Menschen steht noch aus.

In der Gegenwart bieten Roboter und Big Data nur kurze Abzweigungen vom Weg ans Lebensende. In seinem soeben erschienenen Buch „Being Mortal“ kritisiert der US-Arzt und Bestsellerautor Atul Gawande die Technologiefixierung seines eigenen Berufsstands: „Das Experiment, aus Sterblichkeit eine medizinische Erfahrung zu machen, ist erst ein paar Jahrzehnte alt. Und die Beweise sprechen dafür, dass es schiefgeht.“ Er berichtet von Begegnungen mit sterbenden Menschen und schildert, wie sie ihre letzten Tage in anonymen Institutionen verbringen, „nur für den Silberhauch eines Vorteils“. Fügsam würden sich die Alten von den Imperativen der Medizin, der Technologie und fremder Menschen kontrollieren lassen. „Früher“, so schließt Gawande, „hätten wir einen Alten gebeten, uns die Welt zu erklären. Heute fragen wir Google um Rat, und wenn wir Probleme mit dem Computer haben, fragen wir einen Teenager.“

Die akademische Welt der USA sucht seit Langem nach dem sozial und technologisch richtigen Umgang mit dem Alter. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge hat bereits 1999  ein eigenes „Age Lab“ eingerichtet. Auf seiner Website schockt das Labor mit Zahlen: In Teilen Europas gebe es bereits heute mehr Rollatoren und Rollstühle als Kinderwagen. China zähle mehr Über-60-Jährige, als Russland Einwohner hat. Und in den USA erreiche alle sieben Sekunden einer der 77 Millionen Babyboomer, also ein zwischen 1946 und 1964 geborener Amerikaner, die Rentnergrenze von 65 Jahren.

„Altern ist Extremsport – und es ist nicht gerade sexy“

Arielle Burstein, „Age Lab“, Massachusetts Institute of Technology, Cambridge

Arielle Burstein, wissenschaftliche Mitarbeiterin, erzählt am Telefon, wie im Labor Wissenschaftler gemeinsam daran arbeiten, Transport, Wohnen, medizinische Versorgung und Finanzplanung an die alternde Gesellschaft anzupassen. Die Verfolgung von Augenbewegungen beim Autofahren, die Vernetzung der Wohnung mit dem örtlichen Krankenhaus, die digitalisierte Krankenversicherung – dem MIT Age Lab geht es um das Soziale: einen durch Daten und neue Technologien gestützten würdigen Alltag am Ende des Lebens. „Altern ist Extremsport“, sagt Burstein. „Und es ist nicht gerade sexy.“ Das Höchste, was das MIT Age Lab derzeit erreichen könne, sei eine Neuausrichtung der eher rückst.ndigen Gesundheitspolitik.

Doch nicht nur in den USA, auch im alternden Europa wird die Schulmedizin in naher Zukunft der personalisierten Big-Data-Medizin gegenüberstehen. Genetische, metabolische und pharmazeutische Daten werden aber vor allem denen zu längerem Leben verhelfen, die sie sich leisten können. Und was will Aubrey de Grey, der idealistische Genetiker, erreicht haben, wenn er eines Tages stirbt? Am Telefon entsteht ein Moment des Schweigens. „Woher wissen Sie denn, dass ich sterbe?“, fragt de Grey schließlich.

„Woher wissen Sie denn, dass Sie nicht sterben?“

„Ich arbeite daran.“