Alter

Das wäre ja auch zu leicht gewesen

Autor: Reinhold Schnabel |
Foto: Julian Rentzsch
Eigentlich wissen wir seit 25 Jahren, was der demografische Wandel für unser Rentensystem bedeutet. Doch die Politik versucht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Reinhold Schnabel sagt: Die Rente mit 67 ist keine Zumutung, sondern notwendig.

Demografisch gesehen, altern die Deutschen im Vergleich zu anderen Gesellschaften besonders dramatisch. Während die Lebenserwartung in allen OECD-Ländern steigt, gehört Deutschland zu den Ländern mit einer außergewöhnlich niedrigen Geburtenrate. Die gesetzliche Rentenversicherung muss daher nicht nur mit immer mehr Rentnern und einer längeren Bezugsdauer fertig werden, sondern langfristig auch noch mit einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung. Während der Anstieg der Rentenempfänger bereits seit längerer Zeit zu beobachten ist, wird das Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung jedoch erst ab 2020 zum Problem. Wir wissen bereits seit Ende der Achtzigerjahre, dass deshalb in unserem Rentenrecht die Beitragssätze auf Werte jenseits von 30 Prozent angehoben werden müssten. Daher hatte bereits die Rentenreform 1992 Abschläge bei vorgezogener Rente eingeführt und damit zur Stabilisierung der Rentenversicherung beigetragen. Dies wird aber nur schwer für die kommenden Jahrzehnte ausreichen. So führt der sogenannte demografische Faktor bei fortgesetzter Alterung dazu, dass die Renten langsamer steigen werden als die Löhne. Ein Kompromiss zwischen einer Politik des konstanten Beitragssatzes und einer Politik einer konstanten Ersatzquote.

Wir befinden uns in einer Zeit der trügerischen Ruhe der Rentenfinanzen

Zusammen mit der Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre können die Maßnahmen den Anstieg des Beitragssatzes bis zum Jahr 2030 auf 22 Prozent begrenzen und bis 2050 unter 24 Prozent halten. Die jüngsten rentenpolitischen Beschlüsse kehren jedoch diese wichtigen Weichenstellungen um, indem mit der „Rente ab 63“ eine abschlagsfreie vorgezogene Rente etabliert wird (ZDF Videolink). Hiermit wird die dringend erforderliche Erhöhung des Rentenzugangsalters verhindert. Auch die Anrechnung von Kindererziehungszeiten für Geburten vor 1992 führt auf absehbare Zeit zu einer erheblichen zusätzlichen Belastung von Beitrags- und Steuerzahlern. Es ist kein Zufall, dass diese Umkehr der Rentenpolitik in eine Zeit der trügerischen Ruhe der Rentenfinanzen fällt. Aufgrund einer kleinen Pause der demografischen Alterung erscheint die Kasse der gesetzlichen Rentenversicherung zwar gerade gut gefüllt. Mit dem unmittelbar bevorstehenden Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer – aufgrund des Rentenpakets kommt er sogar früher und abschlagsfrei auf uns zu – und dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung wird die Rentenversicherung spätestens 2020 wieder unter Druck geraten.

Die Politik sollte alles daransetzen, ein längeres Erwerbsleben zu begünstigen. Die Erhöhung der Regelaltersgrenze auf 67 ist keine Zumutung, sondern schlicht notwendig. Über das Jahr 2030 hinaus werden sogar weitere Anhebungen notwendig sein. Auch die Betriebe müssen sich auf eine längere Lebensarbeitszeit ihrer Mitarbeiter einstellen. Die Maßnahmen dürfen aber nicht erst greifen, wenn die Mitarbeiter ins Rentenalter gelangen. Denn Arbeitsschutz und Personalentwicklungspläne helfen nicht nur den älteren Mitarbeitern, sondern auch den Unternehmen. Und somit uns allen. Reinhold Schnabel ist Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen mit Schwerpunkten auf der empirischen Wirtschaftsforschung zur sozialen Sicherung und des Arbeitsmarkts. Er berät unter anderem das Bundesfamilienministerium und das Bundesfinanzministerium.


Reinhold Schnabel ist Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen mit Schwerpunkten auf der empirischen Wirtschaftsforschung zur sozialen Sicherung und des Arbeitsmarkts. Er berät unter anderem das Bundesfamilienministerium und das Bundesfinanzministerium.