Alter

Dieser Mann weiß zu viel

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Michael Hudler
Wenn Michael Geibel in Rente geht, geht mit ihm auch sein gesamtes Wissen. Sein Arbeitgeber CWS-boco hat dem 67-jährigen IT-Profi deshalb einen Kollegen zur Seite gestellt. Dessen Auftrag: Beobachte und lerne!

Eine Großwäscherei in Wiesbaden. Gerade setzt Michael Geibel an, das neue IT-System zu erklären, mit dem am neuen Standort einige Kilometer weiter demnächst gearbeitet werden soll – doch er kommt nicht dazu, seinen ersten Satz zu Ende zu sprechen. Unvermittelt tritt ein Kollege hinzu, mit dem Handy in der Hand. „Michael, du musst bitte helfen. Es gibt irgendein Problem mit SAP, zwei Benutzer können sich nicht anmelden.“ Geibel übernimmt das Gespräch und verlässt mit schnellen Schritten den Betrieb. Etwa zehn Minuten später ist er wieder da. „Problem gelöst“, sagt er nüchtern.

Michael Geibel weiß immer Rat. Seit 15 Jahren arbeitet er bei CWS-boco und kennt die ITSysteme dort wie kein Anderer – und genau das ist sowohl Segen als auch Problem. Geibel ist 67 Jahre alt, also seit zwei Jahren offiziell in Rente, arbeitet aber immer noch vier Tage die Woche. Ein Glücksfall für das Unternehmen. Und trotzdem: Irgendwann ist Schluss. Doch wie sein Wissen erhalten? „Am Anfang war der Plan, ein paar Meetings zu machen, in denen ich den Kollegen erzähle, was ich so weiß und mache“, erläutert Geibel. „Das hat natürlich nicht funktioniert. Schließlich haben die Projekte und ich auch, da bleibt kaum Zeit. Außerdem sind solche Gespräche viel zu abstrakt.“ Vor einem Jahr hat sein Arbeitgeber deshalb Matthias Kolmer eingestellt. Er ist Geibels Schatten, wie sie es selber nennen. Das heißt: Statt in der Theorie mit Geibel über seine Arbeit zu sprechen, ist er in der Praxis mit dabei. „Ich bin sehr dankbar, dass sich Herr Geibel mir so geöffnet hat. Es war schon ungewiss, ob dieses Tandem gut funktioniert, da muss es auch menschlich passen“, sagt Kolmer.

Nicht zuletzt deshalb hat sich das Unternehmen wohl entschieden, mit dem 54-Jährigen keinen Youngster zu holen, sondern einen erfahrenen IT-Berater. Auch so sind die beiden ein ungleiches Gespann: Geibel, klein, sportlich gekleidet in dunkler Jeans und himmelblauem Hemd, wirkt fast asketisch neben dem deutlich größeren Kolmer im Anzug mit silberner Krawattennadel. Während Kolmer eher zu den Vielrednern gehört, wägt Geibel jedes Wort sorgfältig ab, er spricht leise, wirkt fast schüchtern. Trotzdem ist er es, der den Ton angibt. „Es ist eine unglaublich spannende Aufgabe, von Herrn Geibel lernen zu dürfen“, sagt Kolmer und ist sich bewusst, dass er seinen Kollegen nie wird ersetzen können. „Die Schuhe dieses kleinen Herrn sind mir mindestens zwei Nummern zu groß.“

 

Lernen von dem Alten: Matthias Kolmers Job besteht darin, Michael Geibel zu folgen, zu beobachten und auf diese Weise so viel von seinem Wissen aufzunehmen und zu konservieren, dass es nicht verloren geht, wenn Geibel in Pension geht.

Michael Geibel: „Ich bringe die Dinge halt gerne zu Ende“

 

Weil es für eine Person nicht möglich ist, 15 Jahre Wissen und Erfahrung aufzusaugen, gibt es noch zwei weitere Kollegen, die ähnlich wie Kolmer eng mit Geibel zusammenarbeiten. So läuft das Unternehmen auch nicht wieder Gefahr, dass das Know-how in nur einem Kopf gespeichert ist. Dabei hätte sich Geibel in jungen Jahren selbst nicht vorstellen können, dass er mal ein Experte in IT-Fragen wird – ausgerechnet er. „Ich war damals eher grün orientiert. Da war das eher verpönt“, erinnert er sich. Geibel ist gelernter Straßenbauer, hat dann seinen Abschluss als Bauingenieur gemacht und später noch Sozialwissenschaften studiert.
„Ich hatte vor, in der Stadtentwicklung zu arbeiten, aber da gab es keine Jobs.“ Der gebürtige Hamburger sattelt um und betreibt in Essen, wo er mittlerweile mit seiner Frau und dem kleinen Sohn lebt, einen Bioladen. Doch die Familie zieht es Anfang der 1980er-Jahre zurück in die Hansestadt. Dort meldet sich Geibel beim Arbeitsamt und hat die Wahl: Umschulung zum Pharmavertreter oder zum praktischen Informatiker. „Ich bin kein Vertriebler, also habe ich mich für die IT entschieden. Das Programmieren hat mir Spaß gemacht, und ich konnte das wohl auch ganz gut.“ Das sahen auch mehrere Softwarefirmen so, bis er 1997 bei CWS-boco an Bord ging. Hier programmiert er die IT-Systeme nicht mehr selbst, sondern arbeitet mit externen Partnern zusammen. „Aber das dann im Unternehmen einzuführen, ins richtige Leben zu bringen, das macht mir auch richtig Spaß.“ Mit 63 Jahren stellt er sich zum ersten Mal die Frage: Was kommt eigentlich danach?

Nicht, dass Geibels Privatleben langweilig wäre: Er hat zwei Söhne und vier Enkelkinder, das fünfte ist unterwegs. Seine Frau, eine ehemalige Balletttänzerin, freut sich auf die Zeit, wenn ihr Mann nicht mehr arbeitet. „Aber ich bin mir nicht so ganz sicher, ob sie diese Meinung am Ende aufrechterhalten wird“, sagt Geibel. Und überhaupt findet er den Gedanken „komisch“, sich nur noch dem Privatleben zu widmen. „Man muss doch auch nach außen wirken. Etwas tun, das Eindruck hinterlässt und einen möglichst auch überdauert.“ Also fragt er in er Personalabteilung nach, ob es nicht möglich ist, länger zu arbeiten. Es ist möglich: Geibel macht einen Vertrag für zwei zusätzliche Jahre. Dann verlängert er um ein weiteres Jahr. Derzeitiger Rentenbeginn: Dezember 2015. „Ich bringe die Dinge halt gerne zu Ende“, sagt er dazu lapidar.

Denn statt es im Job etwas ruhiger anzugehen, hat Geibel in diesem Jahr noch eines der wichtigsten Projekte seiner Karriere übernommen: die Entwicklung und Einführung einer neuen Software, die die Arbeit an kleineren Wäschereistandorten erheblich vereinfachen soll. Anders als in den großen, voll automatisierten Betrieben wird dort die Berufskleidung, die CWS-boco im Mietservice anbietet, von Hand sortiert und für den Versand vorbereitet. Auch jetzt schon werden die Mitarbeiterinnen dabei vom Computer unterstützt, müssen dabei jedoch umständlich mit Maus und Tastatur hantieren und mit den Tücken eines unübersichtlichen Bildschirms kämpfen – schwierig, wenn man dabei gleichzeitig ein Kleidungsstück verpacken soll. Gemeinsam mit einer Softwarefirma hat Michael Geibel ein System entwickelt, das die Mitarbeiterinnen Schritt für Schritt durch den Prozess führt. Die Software weiß zum Beispiel, ob der gerade gescannte Blaumann zu einem neuen Kunden gehört und ob es schon einen Ablagehaufen gibt. Auch, ob die Ware gefaltet und hängend transportiert werden soll, erfährt die Mitarbeiterin auf einen Blick. Zudem kann sie auf dem Touchscreen mit einem Klick festhalten, wenn das Kleidungsstück bei der ersten Wäsche nicht ganz sauber geworden ist oder sie es in die Reparatur geben muss – das wiederum sind wichtige Daten für die Preisverhandlungen mit den Kunden.

Matthias Kolmer bewundert den älteren Kollegen für seine Kondition, möchte aber selbst mit 65 Jahren aufhören – um dann im Ausland mit seiner Frau noch mal neu anzufangen.

Normalerweise dauert eine solche IT-Umstellung Jahre. Geibel und sein Team haben im März 2014 mit den ersten Vorüberlegungen angefangen. Im Oktober geht das neue System in Wiesbaden live. „Das ist Rekord“, zeigt sich Geibels Schatten Matthias Kolmer beeindruckt. Inzwischen übernimmt er bei immer mehr Themen die Verantwortung und profitiert dabei von Geibels „Weisheit in der Führung“, wie er es nennt. Geibel selbst sieht das deutlich pragmatischer: „Ich bin froh, dass ich bestimmte Dinge Matthias überlassen konnte. Er kümmert sich ums Budget, um Hardwarebeschaffung, so bleibt mir mehr Zeit für die Umsetzung.“ Das Gespann hat noch viel zu tun. Noch am selben Abend fliegen sie gemeinsam nach Brüssel, von da aus geht es weiter nach Antwerpen, wo sie das „Smartline“ genannte System in der dortigen Wäscherei vorstellen werden. Etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt Geibel mit solchen Reisen. „Kann schon sein, dass mich das heute mehr schlaucht als früher. Aber wenn es so ist, merke ich es zumindest bislang noch nicht.“ Für die Reise nach Antwerpen müssen Kolmer und er noch den Prototyp-Rechner einpacken. Und es ist der 67-Jährige, der unter den Tisch kriecht, um die vielen Kabel auszustecken. Geibel ist topfit, läuft Marathon und bewegt sich auch im Alltag so viel wie möglich. Heute allerdings zeigt sein Schrittzähler, den er immer am Gürtel trägt, erst 5000 Schritte an – damit ist das Tagesziel nur zur Hälfte erreicht. „Na, dann machen wir heute Abend noch einen langen Spaziergang durch Antwerpen“, sagt er mit einem Lächeln in Richtung Kolmer. „Ich habe meine Turnschuhe sogar dabei“, antwortet der prompt. Das Schattendasein hat sich für ihn auch gesundheitlich ausgezahlt: 14 Kilo hat Kolmer abgenommen, seitdem er mit Geibel zusammenarbeitet.


Facts & Figures

CWS-boco ist ein führender Anbieter für Produkte zur Waschraumhygiene und textile Dienstleistungen.Damit erwirtschaftete das Unternehmen 2013 einen Umsatz von 748 Millionen Euro. Ein wachsender Markt ist der Bereich Gesundheit und Pflege, wobei zunehmend Senioreneinrichtungen eine wichtige Rolle spielen. Hier bietet CWS-boco nicht nur Berufskleidung für die Pflegemitarbeiter an und stattet die Stationen mit Bettwäsche sowie Handtüchern aus. Darüber hinaus können Bewohner auch ihre private Kleidung von CWS-boco waschen lassen.