Alter

Gegen den Durchschnitt

Autor: Jakob Schrenk
Big Data kann uns länger leben lassen, aber auch in unseren Entscheidungen unfreier machen. Der Jurist Viktor Mayer-Schönberger erforscht am Oxford Internet Institute die gesellschaftlichen Folgen von Big Data.

Warum fürchten sich die Deutschen so sehr vor Big Data?

Auf der einen Seite mag hier die Erfahrung mit Diktaturen in der jüngeren Geschichte Deutschlands eine wichtige Rolle spielen. Auf der anderen Seite mögen sich da auch etwas diffusere Ängste gegenüber Technik und Wissenschaft bemerkbar machen. Und natürlich ist die deutsche Gesellschaft eher risikoscheu.

Wo kann in der Medizin Big Data hilfreich sein? 

Bisher haben wir Diagnose und Behandlung mit Blick auf den durchschnittlichen Menschen ermittelt. Wer gegen eine Erkältung ein Aspirin nimmt, nimmt eine normierte Durchschnittsdosis, die aber für den Einzelfall geradezu sicher entweder zu viel oder zu wenig ist. Mit Hilfe von Big Data wird versucht, genau die richtige Diagnose und Behandlung zu ermitteln. Wenn das klappt, werden wir damit länger und besser leben können.

Sehen Sie Gefahren der datenbasierten Medizin? 

Natürlich. Wenn wir Big Data einsetzen würden, um Menschen in ihren Entscheidungsoptionen einzuschränken und sie in ethisch höchst problematische Kategorien einzuteilen. Wir sollten den Big Data-Analysen nicht mehr Bedeutung zuschreiben als sie haben.

Muss auch die Politik handeln? 

Ja, Big Data wird unsere Sicht auf die Wirklichkeit verändern. Die Politik muss sich in die notwendige Diskussion über Rahmen und Grenzen des verantwortungsvollen Einsatzes von Big Data einbringen. Verschläft sie das, versäumt Deutschland nach dem Internet den nächsten großen Innovationsschub.


Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internet Governance und Regulierung an der Oxford University. Er lehrt auch an der Harvard University. Zuletzt erschien von ihm „Lernen mit Big Data: Die Zukunft der Bildung”.