Alter

Pflege zum Glück

Autor: Martina Ostermeier |
Foto: Mareike Foecking
Nach dem Tod seiner Frau braucht Heinz Schiruska Hilfe. Diese bekommt er von seinem Sohn Wolfgang, dem Ex-Chef der Haniel-IT-Abteilung. Eine Chance für beide.

Bis vor Kurzem war es noch Heinz Schiruska, der sich gekümmert hat – um seine Frau. In den letzten Monaten ihres Lebens war „Mutti“, wie Schiruska und sein Sohn Wolfgang sagen, ein Schatten ihrer selbst: Sie lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, aß und trank immer weniger, ins Bett musste Heinz Schiruska sie fast tragen. Er, der selbst vor sechs Jahren einen Schlaganfall hatte. Mehr als 60 Jahre haben sie miteinander verbracht. Im Januar ist Schiruskas Frau gestorben. „Unsere Eltern wollten keine Hilfe. Auch wenn ich Bauchschmerzen hatte: Da bin ich nicht dazwischengekommen“, erzählt Wolfgang Schiruska.

Vater und Sohn sitzen gemeinsam im Wohnzimmer. Früher passierte das selten, seit Januar fast täglich. Der Sohn weiß, dass er seinen Vater nicht alleinlassen kann. „Das wäre nicht gut gewesen nach dem schweren Verlust. Da hab ich gedacht: Fahr ich halt mal vorbei.“ So einfach ist das für ihn. Die 45 Kilometer, die zwischen seinem Hof in Sonsbeck und dem Elternhaus liegen, spielen da keine große Rolle. Auch nicht, wenn auf dem „Wittenbergshof“ und den zugehörigen vier Hektar Land mal alles liegen bleibt, die Wiesen einen Tag später gemäht oder die Zäune nicht repariert werden.

Dabei hatte Wolfgang Schiruska sich so auf das Landleben gefreut. Bis 2011 leitete er die IT-Abteilung bei Haniel; 30 Jahre war er im Unternehmen. Der Abschied in den Vorruhestand gab ihm die Möglichkeit, sich ganz dem Hof zu widmen, den er vor mehr als zehn Jahren gekauft hatte. Vom Landleben hatte er bereits als Kind geträumt. Jetzt ist es ein bisschen anders gekommen, aber der Vorruhestand ist nach wie vor ein Glücksfall für ihn: „Würde ich noch arbeiten wie früher, wäre an das, was ich heute hier mache, gar nicht zu denken.“ Nach der Beerdigung sagte Wolfgang Schiruska zu seinem Vater: „Jetzt schauen wir, dass du wieder in Schwung kommst, und dann fahren wir gemeinsam nach Südtirol.

Wolfgang Schiruska: „Unser Verhältnis ist nicht selbstverständlich“

Viele Male war Heinz Schiruska mit seiner Frau dort gewesen. Noch einmal nach Südtirol zu reisen schien ihm unvorstellbar. Doch nun hatte sein Sohn genau das zum Ziel erklärt. Auf dem Weg dorthin musste allerdings einiges erledigt werden. Denn während sich Heinz um seine Frau gekümmert hatte, hatte er sich selbst vergessen. Wolfgang Schiruska ließ seinen Vater vom Arzt durchchecken, ging mit ihm zum Optiker und von dort zum Augenarzt, der die Augen operierte. Statt 30 Prozent hat Heinz Schiruska nun wieder 100 Prozent Sehkraft. „Auf einmal ging der Vorhang auf“, erzählt er. Und zu seinem Sohn gewandt: „Daran bist du Schuld. Du hast mich dahin geschleppt.“ Beide lachen.

Null Problemo: Trotz seines Schlaganfalls kann Heinz Schiruska ein weitgehend unabhängiges Leben führen.

Null Problemo: Trotz seines Schlaganfalls kann Heinz Schiruska ein weitgehend unabhängiges Leben führen.

Es ist nicht so, dass Heinz Schiruska ganz alleine nicht zurechtkäme. Er kann morgens selbstständig aufstehen, sich waschen und rasieren, auch den Garten macht er noch. Aber der Schlaganfall hat Spuren hinterlassen. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war seine Erinnerung fast ganz weg. Inzwischen ist zwar vieles wieder da, trotzdem hat er Schwierigkeiten, etwa mit dem Zeitgefühl und der Orientierung. Das Gute: Der 86-Jährige weiß sich zu helfen. Einmal wollte er nur zur Tankstelle um die Ecke, doch er verfuhr sich. Statt zu verzweifeln, klingelte er jedoch an irgendeiner Haustür und ließ sich ein Taxi kommen. Er nannte dem Fahrer seine Adresse und fuhr ihm dann einfach hinterher.

 

Trotzdem ist sein Sohn froh, dass sie das Auto inzwischen verkauft haben. Seit er für seinen Vater da ist, fühlt er sich verantwortlich. Kann er zwei Tage hintereinander mal nicht kommen, merkt er: Es fehlt ihm das Gespräch mit seinem Vater, der auch sagt: „Wenn du mit niemandem mehr sprechen kannst, wirst du blöd.“

„Wenn er sich nicht so um mich kümmern würde …“

Heinz Schiruska weiß, dass der sich auf seinen Sohn zu 100 Prozent verlassen kann. Dass er ihn fast jeden Tag abholt und etwas mit ihm unternimmt. Die beiden gehen viel spazieren, setzen sich in „ihre Stammkneipe“ ein Café mit gutem Cappuccino und hausgemachten Kuchen. „Wenn er sich nicht so um mich kümmern würde…“ Ja, was dann? „Seit er mit mir laufen geht, ist eigentlich nichts schlechter geworden.“ Vielmehr kommt Heinz Schiruska wieder so gut in Schwung, dass Vater und Sohn sich im September tatsächlich ins Auto setzen und einfach nach Südtirol fahren. Mit dabei ist „Lotti“, die 84-jährige Schwiegermutter von Wolfgang Schiruska. „Eine nette, lustige Person“, wie er sagt. Schon früher ist Lotti mit Heinz Schiruska und seiner Frau nach Südtirol gefahren. Und irgendwie gehört Lotti immer noch zur Familie, auch wenn Tochter und Schwiegersohn inzwischen getrennt voneinander leben. „Schwiegermutter bleibt Schwiegermutter“, für Wolfgang Schiruska ist das eine klare Sache. Und als Heinz ihren Namen hört, fällt ihm wieder ein, dass sie erst gestern angerufen hat. „Die will immer meine Stimme hören“, sagt er und lacht in sich hinein.

Sie wanderten fünf Stunden durch die Dolomiten

In Südtirol gingen Lotti, Wolfgang und Heinz jeden Morgen um sieben Uhr schwimmen. „Ich wusste erst nicht, ob ich das überhaupt noch kann“, erzählt Heinz Schiruska. Doch sie wanderten auch durch die Dolomiten, manchmal sogar fünf Stunden an einem Tag. „Es war wunderbar“, sagt Wolfgang Schiruska. Das Schönste für seinen Vater: „Die gewaltige Aussicht oben, eine kräftige Brotzeit und die Gesellschaft Gleichgesinnter.“ Gesellschaft ist das, was Heinz Schiruska Kraft gibt, ihn nicht lebensmüde werden lässt. Sein Sohn hat verstanden, wie wichtig das ist. Er sorgt dafür, dass sein Vater nicht in Lethargie verfällt. „Das ist nix Besonderes“, meint er. Nur eines gibt er zu: „Das Vertrauen zwischen uns, das ist nicht selbstverständlich.“


Immer mehr Kinder betreuen ihre Eltern im Alter

Dabei können viele Fragen und Schwierigkeiten auftauchen. Wie vereinbare ich die Betreuung mit meinem Berufsleben? Was mache ich, wenn meine Eltern fremde Hilfe nicht akzeptieren? Haniel möchte seine Mitarbeiter in solch schwierigen Situationen unterstützen. Deshalb arbeitet das Unternehmen mit dem Pme Familienservice zusammen und übernimmt die Kosten für die Beratung. Auch Wolfgang Schiruska hat dieses Angebot wahrgenommen. „Sie haben mir Mut gemacht und viele Tipps gegeben. Oft sind das Kleinigkeiten, die aber sehr hilfreich sind. Zum Beispiel, wie man den Überblick über die Tabletteneinnahme behält: Ganz einfach mit Boxen, die für jeden Tag und jede Tageszeit ein Fach haben.“