Anstand

Alles, was recht ist

Autor: Jakob Schrenk
Sven Thomas verteidigt gefallene Wirtschaftslenker und andere Prominente vor Gericht – und kämpft dabei auch für seine eigene, etwas spezielle Vorstellung von Gerechtigkeit.

Wenn Sven Thomas in die Tür tritt, wird es erst einmal ein wenig dunkler im Raum. Das hat damit zu tun, dass Thomas sehr groß ist und sehr breite Schultern hat. Die grauen Haare hat er in dicken Strähnen nach hinten gekämmt. Starr liegen sie am Kopf an, wie ein Helm. Sven Thomas hat ein Lächeln, um das ihn noch das grimmigste Raubtier beneiden würde. Kaum hat er sich an den Tisch gesetzt, beginnt er auch schon zu rauchen, und zwar ohne Pause. Er verschwindet in einer Wolke aus Nikotin und Teer. Aus dem Selfmade-Nebel knarrt Sven Thomas: „Es ist ein gutes Gefühl, auf der Seite derjenigen zu stehen, die angegriffen werden.“

Symbolfiguren einer Elite ohne Moral

Sven Thomas, 68 Jahre alt, kämpft mit Vorliebe für etwas zwielichtige Menschen. Er hat Bernie Ecclestone verteidigt und Uli Hoeneß, den ehemaligen Mannesmann-Chef Klaus Esser und Thomas Middelhoff. Alle gelten als Symbolfiguren einer Elite ohne Moral und Werte, die Gesetze bricht, nicht mehr an das Wohl von Land und Unternehmen denkt, sondern sich nur noch für die Höhe des eigenen Kontostandes interessiert. Selbstverständlich widerspricht Sven Thomas diesen Urteilen und Vorurteilen. Er sagt: „Das Bedürfnis nach Sündenböcken ist in den letzten Jahren eindeutig größer geworden. Und dafür eignen sich Manager.“ Sven Thomas spricht schnell, er will keine Zeit verschwenden. Für das Jurastudium brauchte er nur sieben Semester, gleichzeitig studierte er noch Volkswirtschaft. Mit gerade einmal 32 Jahren machte er schon 1970 bei dem Prozess um die Herstatt-Pleite auf sich aufmerksam. Ein Händler der Kölner Bank hatte 600 Millionen Mark in Devisengeschäften verspekuliert.

100 Millionen US Dollar – Ecclestone war frei

Der Welt der Finanzen ist Sven Thomas bis heute treu geblieben. Im Jahr 2014 verteidigte er den Formel-1-Boss Bernie Ecclestone vor dem Landgericht München. Ecclestone hatte Gerhard Gribkowsky, damals Vorstand der BayernLB, 44 Millionen Dollar gezahlt. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatte Ecclestone Gribkowsky bestochen, damit dieser Anteile der Formel 1 an einen von Ecclestone favorisierten Investor verkauft. Ecclestone dagegen erklärte, er habe sich davor gefürchtet, von Gribkowsky wegen einer fragwürdigen Familienstiftungskonstruktion beim Finanzamt angeschwärzt zu werden; die Millionen hätten als eine Art Schweigegeld gedient. Gegen eine Zahlung von 100 Millionen Dollar wurde das Verfahren eingestellt.

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Für die Öffentlichkeit war der Fall klar: Ecclestone hatte sich freigekauft. Sven Thomas entgegnet: „Der Richter hat eingeräumt, dass die Beweise gegen Ecclestone wohl nicht ausreichten. Das Verfahren wäre auch eingestellt worden, wenn Ecclestone weniger Geld gehabt hätte. Wir wissen einfach nicht, was zwischen ihm und Gribkowsky vorgefallen ist.“ Sven Thomas atmet laut aus und produziert ein Geräusch, das sowohl belustigt als auch verächtlich klingt: „Die Wahrheit ist eben nicht immer schwarz oder weiß.“ Im Gerichtssaal verschränkt Thomas oft demonstrativ die Arme vor der Brust, wenn der Richter in den Saal tritt, wirft den Staatsanwälten Ermittlungen „wie in einem Bananenstaat vor“, schüchtert Zeugen nur mit einem Blick aus seinen kalten grauen Augen ein und wird auch einmal laut.

„Die Wahrheit ist eben nicht immer
schwarz oder weiß.“

Sven Thomas

Als junger Anwalt ging er oft ins Düsseldorfer Schauspielhaus, er sagt, dort habe er gelernt, Gestik und Mimik einzusetzen. Dort tauchte auch der Mephisto auf, mit dem Thomas von manchen verglichen wird. Und vielleicht raucht er auch deswegen so viel und mit so viel Genuss, weil es ihm gefällt, dem Zeitgeist zu widersprechen, der immer ganz genau weiß, was moralisch und gesundheitlich geboten ist.

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„Esser war sehr erfolgreich – und unschuldig“

An das so häufig postulierte Werteproblem der deutschen Wirtschaft glaubt er hingegen nicht. Vielmehr dränge sich das Strafrecht mit immer neuen Gesetzen und Vorschriften in unternehmerische Prozesse hinein, die Staatsanwälte würden viel schneller Anklage erheben, und ganz allgemein beobachte man das Verhalten von Wirtschaftslenkern mittlerweile argwöhnischer. Der ehemalige Mannesmann-Chef Klaus Esser etwa galt als korrupter Raffzahn. Esser hatte heftig gegen die feindliche Übernahme durch Vodafone gekämpft, schlussendlich ohne Erfolg. Als Abfindung erhielt Esser 60 Millionen Mark. War er bestochen worden, damit er klein beigab? Sven Thomas erreichte 2004 für Klaus Esser einen Freispruch vor dem Landgericht und sagt: „Tatsächlich war Klaus Esser nicht nur unschuldig, er war sogar sehr erfolgreich, weil er durch seinen Kampf Vodafone zu immer höheren Angeboten getrieben hat.“

Im vergangenen Jahr hat Sven Thomas den ehemaligen Karstadt-Manager Thomas Middelhoff aus der Untersuchungshaft geholt. Middelhoff wurde unter anderem wegen Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt, die Revision läuft. Sven Thomas sagt: „Middelhoff wird vorgeworfen, dass er sich manchmal mit dem Hubschrauber befördern ließ. Aber ein Spitzenmanager hat nun einmal wenig Zeit. Ich habe noch nie erlebt, wie ein Mensch in dieser Art zum Schurken gemacht wird.“

„Mir ist es wichtig, die Freiheit des Bürgers vor dem Staat zu bewahren.“

Sven Thomas

Weil Sven Thomas so viele prominente Menschen verteidigt, ist er selbst prominent geworden. Es heißt, sein Stundensatz liege bei 500 Euro und mehr. Darüber will er aber nicht reden und erzählt lieber, dass er Kleingeld sammle, zur Sparkasse Wuppertal trage und auf ein spezielles Konto einzahle. Das Sparbuch, auf dem mittlerweile 3300 Euro verzeichnet sind, ist für die Tierarztbesuche seiner beiden Hunde gedacht. „Wie jeder andere Mensch will auch ich mir eine wirtschaftliche Grundlage schaffen. Aber mir ist vor allem wichtig, die Freiheit des Bürgers vor dem staatlichen Eingriff zu bewahren.“ Dann zitiert er den Soziologen Heinrich Popitz. Dieser hat in seinem Aufsatz „Die Geltung der Normen in einem Staat“ vor über 50 Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass die Justiz schon aus Zeit- und Personalmangel gar nicht jeden Gesetzesverstoß ahnden könne. Dies sei auch gar nicht wünschenswert. Exemplarisch gesprochen: Wenn wirklich jeder Verkehrssünder wegen zu hohem Tempo oder zu dichtem Auffahren verurteilt würde, gäbe es in Deutschland eine Rebellion gegen die Straßenverkehrsordnung. Bestraft werden also immer nur Einzelne, gewissermaßen stellvertretend. Sven Thomas sagt: „Im Bereich der Wirtschaft unterliegt es im besonderen Maße dem Zufall, ob jemand angeklagt wird. Die Graubereiche sind nun einmal groß. Gerade wegen dieser Selektivität brauchen die Leute, die tatsächlich vor Gericht gebracht werden, einen besonders guten Schutz.“

Thomas selbst gilt als akribischer Arbeiter, der Ecclestone-Prozess umfasste 250 Aktenordner. Als Beweis, dass er mittlerweile kürzertrete, führt Thomas an, dass er zwar nach wie vor an Sonntagen arbeite, aber von zu Hause aus. Es ist gut möglich, dass Sven Thomas sich auch deswegen mit so viel Eifer, Verve und Sinn für Dramatik in den Kampf wirft, weil es ihm tatsächlich um etwas geht. Er will seine Klienten nicht nur vor Gericht verteidigen, sondern auch gegen die öffentliche Meinung, er will ein neues Licht auf scheinbar sicheres Wissen werfen und beweisen, dass es sich lohnt, ganz genau hinzuschauen.

 


Thomas’ Premium-Mandanten – oder Asse in seinem Spiel

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Fotos: Shutterstock, ddp images, dpa picture-alliance, action press

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Name: Bernard Charles Ecclestone
Geburtstag: 28. Oktober 1930
Körpergröße: 1,59 Meter

Position vor der Anklage: Formel-1-Boss
Kriminalitäts-Genre: Wirtschaft
Angeklagt wegen: Bestechung und Anstiftung zur Untreue in einem besonders schweren Fall
Verhandlungsort: Landgericht München
Ergebnis: Einstellung des Verfahrens nach § 153a StPO  (Zahlung von 100 Mio. Dollar, 99 Mio. an den Freistaat Bayern)
Aktuelle Position: Formel-1-Boss

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Name: Stefan Effenberg
Geburtstag: 2. August 1968
Körpergröße: 1,86 Meter

Position vor der Anklage: Fußballprofi bei Borussia Mönchengladbach
Kriminalitäts-Genre: Physische Gewalt
Angeklagt wegen: Gefährlicher Körperverletzung
Verhandlungsort: Landgericht Mönchengladbach
Ergebnis: Freispruch
Aktuelle Position DfB-Fußball-Lehrer, derzeit ohne Engegement und gültige Trainerlizenz

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Name: Thomas Middelhoff
Geburtstag: 11. Mai 1953
Körpergröße: nicht bekannt, Spitzname „Big T“ bezieht sich auf sein Ego

Position vor der Anklage: Topmanager, Arcandor-Chef
Kriminalitäts-Genre: Wirtschaft
Angeklagt wegen: Untreue in 27 Fällen, Steuerhinterziehung in drei Fällen
Verhandlungsort: Landgericht Essen
Ergebnis: Freiheitstrafe von drei Jahren, das Urteil ist seit Februar 2016 rechtskräftig
Position heute: privatinsolventer Häftling

Fotos: Shutterstock, action press

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Name: Dr. Klaus Esser
Geburtstag: 21. November 1947
Körpergröße: nicht bekannt

Position vor der Anklage: Chef der Mannesmann AG
Kriminalitäts-Genre: Wirtschaft
Angeklagt wegen: Beihilfe zur Untreue
Verhandlungsort: Landgericht Düsseldorf
Ergebnis: Freispruch*)
Position heute: Aufsichtsratschef der Koblenzer Compugroup
*) Bei der Wiederaufnahme des Verfahrens im Jahr 2006 wurde Esser nicht mehr von Sven Thomas verteidigt.

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