Anstand

Betrüger sind teuer – unanständig teuer

Autor: Myrto-Christina Athanassiou
Ein bisschen hier, ein bisschen da. Kleinere Betrügereien lassen sich im Einzelfall leicht schönrechnen. Summiert man die Gaunereien aber, erreichen die Zahlen schwindelerregende Höhen. Erklimmen Sie hier den Gipfel der Unanständigkeit.

Mangelnder Anstand gilt manchem als Kavalierdelikt. Gemauschelt wird überall, heißt es oft und gerne als Rechtfertigung. Wer fragwürdige Deals eingeht oder dem Fiskus Steuern vorenthält, genießt in gewissen Kreisen sogar Bewunderung. Hauptsache, er lässt sich nicht erwischen. Ob sich Anstand für den Einzelnen kurzfristig immer lohnt, mag fraglich sein. Dass unanständiges Verhalten auf Dauer hohe Kosten verursacht, ist indes gut belegt: Wirtschaftsdelikte können ganze Volkswirtschaften in Turbulenzen stürzen. Erst recht, wenn die Allgemeinheit die finanziellen Folgen zu tragen hat.

Individualisierung der Gewinne

Unschuldige Kollegen verlieren ihren Job, weil ein kleiner Kreis an Delinquenten eine Firma an den Rand der Pleite führt – oder darüber hinaus. Wegen hoher Strafzahlungen fehlt das Geld für dringend benötigte Investitionen. Oder ein einzelner Täter bringt ein Unternehmen derart in Misskredit, dass die Einnahmen einbrechen oder gänzlich versiegen. Am Ende leiden in den allermeisten Fällen diejenigen, die ohne Schuld sind. Individualisierung der Gewinne, Vergemeinschaftung der Kosten: So heißt das Phänomen, das am Ende das Vertrauen aller in privatwirtschaftliche ebenso wie staatliche Institutionen erodieren lässt.

Die Kosten der Unanständigkeit

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Strafen fürs Mauscheln

Wettbewerbswidrige Absprachen zwischen Unternehmen ahndet das Bundeskartellamt immer strenger.

Christoph Kienzle (Illustration)

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Betrügerische Pleiten

Deutschland, deine Wirtschaftskriminellen: Die höchsten Schäden entstehen durch betrügerische Insolvenzen.

Christoph Kienzle (Illustration)

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… Milliarden Euro Bußgelder

werden die systemrelevanten Banken der Welt bis Ende 2016 gezahlt haben – für Verstöße etwa gegen Handelsembargos, Referenzsatzregeln, Geldwäschegesetze, Beratungsgrundsätze und Beihilfe zur Steuerhinterziehung.

Christoph Kienzle (Illustration)

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Wettbewerb mit allen Mitteln

Nur bei einem Drittel der Fälle von Wirtschafts­kriminalität handelt es sich um Wett­bewerbs­delikte wie Produktfälschungen oder Verstöße gegen Patent- und Markenrechte. Sie verursachen allerdings mit Abstand die höchsten Kosten für Unternehmen.

Christoph Kienzle (Illustration)

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Geschenke mit Hintergedanken

Schmiergeldzahlungen schaden nicht nur der Konkurrenz: Der gesamtwirtschaft­liche Schaden von Korruption war 2014 in Deutschland so hoch wie seit Langem nicht – europaweit liegt der Schaden übrigens bei 120 Milliarden Euro – jedes Jahr.

Christoph Kienzle (Illustration)

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Neues aushacken

Die goldenen Zeiten scheinen vorbei zu sein: Cybercrime-Delikte wie der Diebstahl digitaler Identitäten oder Datenspionage richteten 2014 in Deutschland Schäden in Höhe von knapp 40 Millionen Euro an – 2011 waren es noch über 70 Millionen.

Christoph Kienzle (Illustration)

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Westliche Werte?

Die mit Abstand höchsten Schäden durch Steuerhinterziehung entstehen in Europa.

Christoph Kienzle (Illustration)

Vergemeinschaftung der Kosten

Warum soll ich ehrlich sein, wenn man die Großen laufen lässt, sie – wenn überhaupt – nur milde bestraft? Überschreitet die Zahl der Menschen, die sich in einem Gemeinwesen diese Frage stellen, eine kritische Größe, so ist Gefahr im Verzug. Fehlt dann auch noch das Korrektiv, das schwerwiegende Verstöße angemessen ahndet, fühlt sich bald keiner mehr an die Regeln des anständigen Miteinanders gebunden. Gilt nur noch das Recht des Stärksten, Frechsten, Skrupellosesten, schadet das allen. Wirtschaft ohne Anstand endet im Chaos. Keine gute Nachricht – auch nicht für die Unanständigen.

Große Skandale und ihre Folgen

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Enron

Der größte Bilanzbetrug der US-Geschichte: Aktionäre, Banken und Pensionsfonds verlieren 55 Milliarden Euro, 20 000 Mitarbeiter ihre Jobs und viele davon ihre Altersvorsorge.

Christoph Kienzle (Illustration)

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Volkswagen

Bis zu 82 Milliarden Euro Strafe für die Manipulationen an Dieselmotoren drohen VW allein in den USA. 6,7 Milliarden Euro hat das Unternehmen bislang für Nachbesserungen an den Fahrzeugen zurückgelegt, die mit der manipulierten Software ausgestattet sind. 20 Milliarden Euro an Bankkrediten hat sich der Konzern gesichert, um die finanziellen Folgen des Manipulationsskandals abfedern zu können.

Christoph Kienzle (Illustration)

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Siemens

733 Millionen Euro muss Siemens allein in den USA dafür zahlen, dass das Unternehmen in den Jahren 2000 bis 2006 unter anderem Regierungsver­treter mit hohen Beträgen bestochen hat. Ähnliche Vergehen in Europa kosteten Siemens bislang 600 Millionen Euro Strafe.

Christoph Kienzle (Illustration)

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BP

19 Milliarden Euro muss British Petroleum insgesamt für die Schäden zahlen, die 2010 die Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko verursacht hat. Bei der Umweltkatastrophe waren 319 Millionen Barrel Öl ins Meer geflossen. Die US-Behörden sahen es als erwiesen an, dass BP die Katastrophe durch mangelnde Sicherheitsvor­kehrungen verschuldet hat.

Christoph Kienzle (Illustration)