Anstand

Das Opfer des Helfens

Autor: Peter Breuer
Wie aus Spott Häme wurde – über Gutmenschen und Anstand. Eine Begriffsklärung anlässlich der Verleihung des "Unworts des Jahres 2015".

Eine Beleidigung war das Wort „Gutmensch“ schon immer. Als es erstmals auftauchte, gegen Mitte der Neunzigerjahre, wurde der Begriff allerdings noch anders verstanden. Im Gefühl, sich nach vielen verlorenen Wahlen in einer Symbolpolitik mit zu viel Pathos zu verlieren, galten die Gutmenschen in der Sozialdemokratie in den eigenen Reihen als blauäugige Fortschrittsbremsen. Damals diente das Label noch dazu, sich von einer zur Schau getragenen Weltverbesserung abzugrenzen. Es war ein Seitenhieb gegen die „Turnbeutelvergesser“ und „Parkhausblinker“, die mit ihrem Engagement in der Krötenretter-Gruppe oder ihren ausgefeilten makrobiotischen Ernährungsgewohnheiten missionierten, ohne dabei an das große Ganze zu denken.

Reißschwenk ins Hämische

Allerdings war es ein mildes Witzeln verglichen mit dem Reißschwenk ins Hämische, den die Bedeutung des Wortes „Gutmensch“ 20 Jahre später nahm: Der Gutmensch wurde vom Spottwort zum verbalen Brandsatz, der sich heute aggressiv gegen die richtet, die in der Flüchtlingskrise Hilfe organisieren, Zeltstädte aufbauen und Deutschkurse geben. So pauschal und unreflektiert, wie Flüchtlinge manchmal als potenzielle Kriminelle verurteilt werden, so grob werden die Helfer als „Bahnhofsklatscher“ bezeichnet, die mit ihrer gefährlichen Willkommenskultur dem Verfall unserer Gesellschaft Vorschub leisten. Als „versiffte Gutmenschen“ werden sie beschimpft. In den Diskussionen auf Facebook ist das Wort zum Totschlagargument für all jene geworden, die es wie ein sprachliches Herbizid über alles kübeln, was blühen könnte.

„Wer andere als Gutmenschen beschimpft, fühlt sich vom Anstand an sich bedroht.“

Peter Breuer

Sprache ist lebendig und verändert sich. Die Bedeutungsänderungen von einzelnen Wörtern sind jedoch auch wie Vorzeichen einer Notenschrift, mit der die Änderung der Tonart einer ganzen Gesellschaft angezeigt wird. Wenn die Mitmenschlichkeit von Flüchtlingshelfern, die ihr Engagement ohne laute öffentliche Anerkennung und ehrenamtlich leisten, durch die zynische Benennung „Gutmenschen“ abgewertet wird, wenden sich die Benutzer des Wortes damit auch demonstrativ von Empathie und Anstand ab.

Die Wut der Opfer speist sich aus Selbstmitleid

Möglicherweise haben sich die Rollen also verkehrt. Denn abgesehen von den wenigen prominenten Publizisten, die das Wort mit Kalkül aussäen, sehen sich die hartherzigen Gutmensch-Sager selbst gar nicht in der überlegenen Position von Pragmatikern. Sie erheben sich nicht über die Naivität von anderen, sondern fühlen sich vom Anstand an sich bedroht. Ihr Part ist der des gefühlten Opfers, dessen Wut sich aus Selbstmitleid speist. Es sind Zukurzgekommene, die denen, die all ihre Habe verloren haben und mit wenig Gepäck in ein fremdes Land reisen, jede Zuwendung und Aufmerksamkeit neiden. Ihr „Gutmenschen!“ gilt nicht einmal dem vermeintlichen Pharisäertum von Hilfeleistenden, es richtet sich ganz direkt gegen die Helfenden und das Tun an sich. Und so jammern sie über Moralkeulen und Denkverbote – nur selbst etwas zu tun, das käme ihnen niemals in den Sinn.

 


pbaktuell-Kopie-2Peter Breuer ist Kommunikationsdesigner. Seit 1992 arbeitet er als Werbetexter. Neben seiner Arbeit für Agenturen publiziert er in verschiedenen Medien über die Mechanismen von Sprache, Werbung, Medien und Internet – was ihm den Ruf eines „Twittergottes“ eingebracht hat.