Anstand

Der Zweck und die Heiligung der Mittel

Kann aus ethisch fragwürdigem Verhalten am Ende Gutes entstehen? Natürlich nicht, sagen die einen. Zumindest nichts von moralischer Bedeutung. Anderen ist das Motiv völlig egal – Hauptsache das Ergebnis passt. Was stimmt denn nun?

Kann aus schlechten Absichten am Ende etwas Gutes entstehen, Herr Knoepfler?

Das kommt auf die Perspektive an. Aus Sicht der Pflichtethik, wie sie etwa Immanuel Kant vertrat, könnte daraus zumindest nichts von moralischer Bedeutung entstehen. Im Gegensatz dazu spielen für den sogenannten Konsequentialismus die ursprünglichen Motive einer Tat keine Rolle. Er bewertet ausschließlich das Ergebnis.

Wenn ein Unternehmer seinen Mitarbeitern einen extrem hohen Mindestlohn zahlt, wäre es also egal, wenn er dies aus unlauteren Motiven täte?

Grundsätzlich ja. Trotzdem könnten Konsequentialisten die Entscheidung verurteilen, da sie nicht nur die unmittelbaren Folgen bewerten. So könnten sie zu dem Schluss kommen, dass die Angestellten zwar profitieren, die Gesellschaft aber verliert – etwa, weil ihr Steuerabgaben des Unternehmens entgehen. Damit wäre die Entscheidung aus ihrer Sicht ethisch jedenfalls nicht einwandfrei.

Inwiefern ist es im Interesse von Unternehmen, ethisch korrekt zu handeln?

Weil es sie vor manchen Skandalen schützen würde. Um überzogene Vorschriften einzelner Länder einzuhalten, greifen einige Unternehmen etwa zu illegalen Tricks. Fliegen diese auf, kann das ihre Existenz gefährden. Würden sie ethisch korrekt handeln, indem sie zum Beispiel offen angeben, dass die Regeln zu streng sind, und sich vielleicht sogar zeitweise vom entsprechenden Markt zurückziehen, könnte das nicht passieren.

Entsteht denn – umgekehrt gefragt – aus guten Absichten automatisch Gutes?

Nein. Zum Beispiel steckten hinter der Einführung von Bio-Diesel ehrenwerte Ziele. In Brasilien führte es aber dazu, dass der Anbau von Energiepflanzen große Teile der Lebensmittelpflanzen verdrängte und die Preise für Nahrung explodierten. Deswegen fordern etwa Ordnungsethiker klare, transparente, überprüfbare Regeln für Unternehmen – völlig unabhängig davon, was ihre Motive auch sein mögen.


Niko-aktuellProf. Nikolaus Knoepfler, Leiter des Lehrstuhls für angewandte Ethik an der Universität Jena