Anstand

Die 
Gutmacherin

Autor: Janina Groffmann
Fragt man die Kollegen bei Haniel nach dem anständigsten Menschen, den sie kennen, fällt immer wieder der gleiche Name: Antje Kremer-Adams. Die Restaurantfachfrau opfert fast ihre ganze Freizeit, um anderen zu helfen.

Es ist Ende Januar. Während andere versuchen, ihre guten Vorsätze in die Tat umzusetzen, kommt Antje Kremer-Adams erst langsam zur Ruhe. Denn wieder einmal hat sie die Weihnachtszeit ganz ihren sozialen Engagements gewidmet. Doch auch jetzt legt die 1,55 Meter große Powerfrau nicht einfach die Füße hoch: In ihrem Vollzeitjob als Servicekraft bei Haniel kümmert sie sich um das Wohlergehen der Gäste bei Besprechungen, Veranstaltungen und Seminaren. Zusätzlich ist sie als Schwerbehindertenvertreterin für ihre Kollegen im Einsatz. Nach Feierabend sammelt sie dann Sachspenden für Flüchtlinge und kümmert sich um ihren Hund und die drei Katzen – alles Fundtiere.

Zwischen Marmelade und Pralinen

„Endlich habe ich auch wieder Zeit für Fortbildungen, mein Enkelkind und die Theatergruppe“, erzählt die 48-Jährige. Dabei sind die ruhigen Zeiten, wie Kremer-Adams sie nennt, bald schon wieder vorbei. Ab Mai steht sie fast durchgängig in der Küche und kocht Marmeladen. „Zur Erdbeersaison fange ich an. Dann kommen Beeren. Als Nächstes Pfirsiche, Aprikosen, Kirschen … mit dem Holunder im September höre ich auf, damit ich vier Wochen Pause habe, bevor ich mit den Pralinen loslege“, erzählt Kremer-Adams. Ob Nougat, Trüffel oder mit Latte macchiato – die süßen Naschereien sind ihre zweite große Leidenschaft. Den ganzen November über schmilzt Kremer-Adams abends nach der Arbeit Schokolade, schmeckt Füllungen ab und dekoriert die Pralinen liebevoll.

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Etwa 100 Gläser Marmelade und 2.000 Pralinen hat sie im letzten Jahr hergestellt. „Da hatte ich aber ein richtig schlechtes Gewissen, weil ich nur so wenig gemacht habe.“ Denn im Jahr davor waren es etwa 350 Gläser Marmelade und 5.000 Pralinen. Ihre Leckereien verkauft sie auf Adventsmärkten oder vor einem Gartencenter. Freunde oder Kollegen kaufen ebenfalls gern bei ihr ein. Auch, weil sie wissen, dass sie die Einnahmen an das Hospiz Sonnenschein in Rheinberg spendet.

Weihnachtsbaum oder ein Tag am Meer

Dort wird es genutzt, um Menschen ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Ob ein Weihnachtsbaum im Zimmer oder ein Tag am Meer – das Team versucht, alles möglich zu machen. „Ich finde die Arbeit enorm wichtig, die ein Hospiz leistet“, sagt Kremer-Adams: „Es ist schön zu wissen, dass dies ein Ort ist, an dem man würdevoll sterben kann.“ Sie hat auch schon mit dem Gedanken gespielt, selbst ehrenamtlich in dem Hospiz zu arbeiten, sagt aber: „Der ständige Umgang mit dem Tod – das könnte ich nicht. Deshalb trage ich eben durch die Spenden meinen Teil bei.“ Das Hospiz hat sie sorgfältig als Spendenempfänger ausgewählt. „Ich habe lange überlegt, wer das Geld bekommen soll“, erinnert sie sich. Die Idee, ihre Kochkünste für einen guten Zweck zu nutzen, kam ihr hingegen spontan. „Ich habe schon länger Marmeladen gekocht und zu Weihnachten immer Pralinen gemacht, um sie an Freunde und Bekannte zu verschenken.“ Schnell sprach sich dies im Freundes- und Kollegenkreis herum. Sie bekam immer mehr Anfragen, viele wollten ihr Geld dafür geben. Und irgendwann kam die Frage auf: Warum verkaufst du die nicht? „Ich wollte aber kein Geld damit verdienen.“ Also entschied sie sich, die Einnahmen zu spenden – fast 10.000 Euro waren es in den vergangenen vier Jahren.

„Es ist für mich eine Wohltat, wenn ich 
helfen kann.“

Antje Kremer-Adams

In jedem Euro stecken eine Menge Herzblut und Arbeit. Denn mit dem Kochen allein ist es natürlich nicht getan. Dazu kommen viele kleine Arbeiten: Marmeladengläser auskochen, Zutaten beschaffen, verpacken und dekorieren, die Verkaufsstände organisieren oder bei den Kollegen Bestellungen aufnehmen. „Über viele Arbeiten im Hintergrund denkt keiner nach. Es gehen wirklich unzählige Stunden drauf. Von Ende Mai bis Dezember bin ich mit dem Projekt beschäftigt. Weihnachtsmarktbesuch oder Shoppen ist dann halt nicht“, erzählt sie. Aber das ist es ihr wert: „Es ist für mich immer eine Wohltat, wenn ich das Geld abgegeben habe. Danach muss ich immer erst mal weinen – warum, weiß ich auch nicht“, erzählt sie und wischt sich eine Träne weg. „Als ich im letzten Jahr 4.000 Euro für das Hospiz vorbeigebracht habe, war die Leiterin überwältigt. Sie hat gesagt: ,Das ist echt ein Hammer, was Sie da leisten.‘ Und das tut einfach gut.“

Marmelade, Pralinen, Spenden – und Hilfe für Flüchtlinge

All das würde nicht funktionieren ohne die Menschen, die Kremer-Adams unterstützen. Freunde und Bekannte sammeln für sie Gläser, gestalten Etiketten und schneiden Stoffe. Der Obstbauer aus dem Ort und die Nachbarn mit dem großen Garten schenken ihr Früchte. Der Supermarkt um die Ecke überlässt ihr regelmäßig einen Korb voll Kuvertüre, Sahne und Nüsse; auch ein Patisserieversand unterstützt sie. Und als sie einmal aus Versehen zwei Verkaufstermine durcheinandergebracht hatte, übernahm eine Bekannte eine Schicht. Am wichtigsten ist jedoch ihr Mann, der ihr den Rücken frei hält: „Er weiß, dass ich da mit Herzblut dabei bin. Ludger unterstützt mich mit vielen kleinen Dingen. Zum Beispiel, indem er mit dem Hund rausgeht, den Haushalt macht oder einkaufen fährt. Sonst würde das nicht funktionieren.“ An den Verkaufstagen schleppt er ihre Kisten und bringt auch schon mal eine fehlende Sorte vorbei. Nur beim Marmeladekochen und Pralinenmachen ist sie lieber allein. „Wenn der Bauer mir ein paar Kisten Obst zukommen lässt, muss ich die sofort verarbeiten. Oft passt es anderen dann einfach zeitlich nicht. Und Pralinen mache ich lieber alleine, da hab ich meinen Rhythmus.“

„Wenn die Kleinen dann mit leuchtenden Augen ihre Tüte abholen, ist das immer das Schönste!“

Antje Kremer-Adams

All das ist schon bewundernswert genug, aber bei Kremer-Adams geht noch mehr. Im Oktober, der Pause zwischen Marmeladen- und Pralinenproduktion, sammelt sie Spenden für den Sankt-Martins-Zug. Damit werden Leckereien und ein Weckmann für die Kinder finanziert. „Wenn die Kleinen dann mit leuchtenden Augen ihre Tüte abholen, ist das immer das Schönste!“

Vor fünf Jahren hat sie außerdem das Krippenteam der St.-Michaelis-Kapelle übernommen. Mit einem Team von sechs Leuten bestellt sie Tannenbaum und Adventskranz, koordiniert die Treffen und den Aufbau der Krippe. Wie sie das alles schafft, weiß sie selbst nicht so genau. Sie macht es einfach. „Man muss nicht ständig in die Kirche gehen, um christlich zu sein, aber man muss nach rechts und links gucken, das ist viel wichtiger.“

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So geriet auch das nächste Projekt in ihr Blickfeld. Im letzten Sommer wollte sie ihr gut erhaltenes Sofa verschenken – an jemanden, der es wirklich braucht. Sie fragte ein wenig in ihrem Bekanntenkreis herum und lernte Faisal kennen, einen Flüchtling aus Aleppo in Syrien. Der 29-Jährige darf vorerst für drei Jahre in Deutschland bleiben und zog gerade aus einem Flüchtlingsheim in eine eigene Wohnung. Da passte das Sofa am Ende zwar leider nicht rein, aber durch den Kontakt lernte Kremer-Adams viel über die Situation der Flüchtlinge: Faisal hatte in Syrien Jura studiert und führte ein gutes Leben, bis ihn der Krieg zur Flucht zwang. In Deutschland hat er nichts: Sein Abschluss wird nicht anerkannt, sein Hab und Gut musste er in Syrien zurücklassen. „Die Flüchtlinge kriegen nur eine kleine Grundausstattung. Deshalb habe ich im Freundeskreis rumgefragt. Innerhalb von zehn Tagen war der Keller randvoll mit Geschirr, Kleidung, Bettwäsche und Kinderspielzeug.“ Die gesammelten Sachen spendet sie an das Flüchtlingsheim in Kamp-Lintfort. „Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer dort würde das ganzen nicht funktionieren. Wahnsinn, was die Leute da leisten.“

„Ich glaube an das Gute im Menschen, auch wenn ich schon ein paar Mal auf die Nase gefallen bin."

Antje Kremer-Adams

Mit Faisal verbindet sie seitdem eine enge Freundschaft. Sie nahm ihn zu kulturellen Events wie dem Haniel Klassik Open Air und dem Weihnachtskonzert mit, besuchte ihn an den Feiertagen und trifft ihn einfach mal so zum Quatschen. „Damit er das Gefühl hat, dass er hier nicht alleine ist. Es geht ja nicht nur ums Materielle, sondern darum zu zeigen: Du bist ein netter Kerl, und ich möchte Kontakt mit dir haben.“ Mittlerweile spricht sie mit dem Syrer fast ausschließlich deutsch. Viele Kontakte zu anderen Bundesbürgern hat er sonst nicht. Was er auf der Flucht und in seinem Heimatland erlebt hat, hat sie ihn aber nicht gefragt. „Das ist ja eine private Sache und sehr intensiv. Wenn er mir das gerne mal erzählen will, dann darf er das aber natürlich.“ Kremer-Adams will da sein für die Menschen, sich kümmern. Wenn andere sie für zu idealistisch halten, ist ihr das egal: „Ich glaube an das Gute im Menschen, auch wenn ich damit schon ein paar Mal auf die Nase gefallen bin. Solche Jungs wie Faisal haben es verdient, eine Chance zu bekommen und sich zu integrieren.“