Anstand

Geld?
 Und
 Moral!

Autor: Janina Groffmann
Haniel investiert nicht nur in Unternehmen, sondern auch in Finanzanlagen – und hat sich hier ebenso strenge Auflagen in Sachen Corporate Responsibility gesetzt. Bei dieser Frage sind selbst Christian Rube und Dr. Axel Gros aus der Haniel-Finanzabteilung unterschiedlicher Meinung: Sind diese Auflagen Vorteil oder Bremsklotz?

[DR. AXEL GROS] Wir reden hier über Anleihen, also Geld, das wir für zwei bis drei Jahre investieren. Das ist etwas ganz anderes als die Akquisition eines Unternehmens, wo wir unser Kapital unter Umständen für 30 Jahre oder länger einbringen, um ein Geschäftsmodell weiterzuentwickeln.

[CHRISTIAN RUBE] Das sehe ich anders. Wenn ich das Thema Corporate Responsibility ernst nehme, darf ich keinen Unterschied machen. Das ist eine Frage der Konsequenz. Im Gegenteil: Wenn ich an einem Unternehmen direkt Anteile halte, kann ich sogar Einfluss nehmen. Als reiner Fremdkapitalgeber, etwa als Inhaber einer Anleihe, stelle ich nur Geld zur Verfügung und kann nicht beeinflussen, was das Management damit macht.

[GROS] Die Frage ist: Wo ziehen wir die Grenze? Wenn ich alle Nachhaltigkeitskriterien immer zu 100 Prozent berücksichtige, gibt es kaum noch eine Chance zu investieren. Deshalb bin ich dafür, im Einzelfall abzuwägen. Beispiel Rüstung: Wir würden uns als Family-Equity-Unternehmen nicht an einem Rüstungskonzern beteiligen. Aber wo beginnt Rüstung? Darf ich auch nicht mehr in den Automobilkonzern investieren, der Tankwagen herstellt, die Panzer mit Benzin versorgen? Oder in all die Unternehmen, die Polizei und Bundeswehr in Deutschland beliefern und damit für unsere Sicherheit sorgen? Darf ich noch Staatsanleihen der Bundesrepublik kaufen, obwohl sie Großkunde von Rüstungsunternehmen ist? Irgendwo muss man einen Schnitt machen.

[RUBE] Da sind wir schon bei der Frage: Wie macht man CR messbar? Da gibt es kein einfaches Maß.

[GROS] Deshalb finde ich den Best-in-Class-Ansatz nicht schlecht: Man entscheidet sich für Finanzanlagen derjenigen, die in ihrer Branche die Besten sind – auch wenn die Branche an sich nicht unbedingt nachhaltig ist. Warum sollte ich das nicht fördern, wenn jemand versucht, sein Geschäft so gut und sauber wie möglich zu machen?

[RUBE] Das ist ein erstes Messkriterium: Denkt jemand an CR und zeigt das, indem er einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht oder zum Beispiel Mitglied im UN Global Compact ist? Zumindest haben wir da etwas, an dem wir uns schnell orientieren können. Das ist trotzdem nur ein Mindestmaß, denn ab einer bestimmten Größenordnung von Unternehmen ist das einfach Standard.

Christian Rube

„Corporate Responsi­bility lohnt sich – auch finanziell.“

Christian Rube

[GROS] Deshalb ist es gut, dass wir die Kollegen im Zweifelsfall entscheiden lassen und im Nachhinein noch mal in Ruhe gucken. Beim nächsten Mal ist man dann vorbereitet. Wir können nicht jedes Unternehmen im Vorhinein komplett durchleuchten, sonst bräuchten wir erst mal drei neue Mitarbeiter, die nichts anderes machen.

[RUBE] Ich würde mir schon wünschen, mehr Ressourcen für eine nachhaltige Investmentstrategie zu haben, zeitlich und personell. Ich bin davon überzeugt, dass es eine positive Korrelation zwischen CR und Rendite gibt. CR lohnt sich eben.

[GROS] Wenn man langfristig in Aktien, also Eigenkapital, investiert, dann ja. Aber bei Anleihen muss ich da widersprechen: Unternehmen, denen CR egal ist, haben tendenziell höhere Renditen, weil das Risiko höher eingeschätzt wird. Trotzdem ist klar, dass ich keinem Unternehmen mit einem schmutzigen Geschäftsmodell auch nur einen Euro in die Hand drücken würde, weil da mehr Rendite winkt. Aber auch hier stellt sich die Frage, wo die Grenze liegt. Beispiel VW: Was die gemacht haben, war nicht in Ordnung. Ich gehe aber davon aus, dass Schummeln nicht generell zum Geschäftsmodell gehört. Da gibt es ganz andere Unternehmen, in denen das Geschäft mit fragwürdigen Praktiken betrieben wird und hohe Risiken für Menschenleben und Umwelt eingegangen werden. Das sehe ich bei VW nicht. Als die Kurse für die Anleihen wegen der Affäre um die Softwaremanipulation fielen, haben wir investiert.

[RUBE] Das hätte ich nicht getan, denn Geschäftsgebaren spielt immer eine Rolle. Es war zu dem Zeitpunkt auch überhaupt noch nicht absehbar, wie es weitergeht.

[GROS] Aber wenn ich abwarte, ist die Gelegenheit auf hohe Renditen weg. Nach zwei, drei Stunden muss man handeln.

[RUBE] Aus Renditegesichtspunkten. Aber aus reiner CR-Sicht hätte ich „Nein“ gesagt. Die höhere Rendite könnte zulasten von CR entstanden sein.

[GROS] Vielleicht ist die Rendite auch nur entstanden, weil der Kapitalmarkt überreagiert hat? Der Graubereich ist oft sehr breit. Ein anderes Beispiel: Laut Negativliste investieren wir nicht in Drogen. Alkohol ist aber auch eine Droge, und wir halten Anleihen an Firmen, die Alkohol produzieren. In Tabakhersteller wiederum investieren wir nicht.

Dr. Axel Gros

„Wir wollen keinem Unternehmen mit einem schmutzigen Geschäfts­modell Geld in die Hand drücken.“

Dr. Axel Gros

[RUBE] Ich persönlich bin der Meinung, dass Alkohol genauso auf die Negativliste gehört wie Waffen.

[GROS] Aber Alkohol ist Teil des normalen Lebens. Selbst Tabak in einem gewissen Umfang, aber da kann man tatsächlich streiten. Dennoch ist beides gesellschaftlich akzeptiert. Da muss ich bei der Anlagestrategie eines Unternehmens die Messlatte nicht künstlich nach oben verlegen! Gutmensch ist nicht umsonst das Unwort des Jahres 2015 …

[RUBE] … CR hat per Definition nichts mit Gutmensch-Sein zu tun.

[GROS] Wenn man es übertreibt, kommt man da aber hin.

[RUBE] Ich kann gut damit leben, so gesehen zu werden. Ich finde, man muss klar sagen, was man nicht kaufen will, und das dann auch einhalten.

[GROS] Das ist aber nicht schwarz-weiß. Man muss immer den Einzelfall betrachten und sich fragen: Kann ich das vertreten? Ich kann keine Regeln machen, die alle Eventualitäten abdecken.

 


FACTS & FIGURES

Seit Herbst 2014 werden bei Haniel alle neuen Finanzanlagen zusätzlich zur klassischen Rendite- und Risikobewertung auf CR-Konformität geprüft. Orientierung bietet dabei eine Negativliste, auf der etwa Branchen wie Tabak, Glücksspiel oder Rüstung stehen. Darüber hinaus werden externe Quellen wie der UN Global Compact oder der Dow Jones Sustainability Index hinzugezogen. Die end­gültige Entscheidung obliegt aber den Mitarbeitern im Einzelfall. Ein CR-Komitee bewertet in regelmäßigen Abständen die getätigten Investitionen. So entsteht eine wachsende Unternehmensliste mit positiven und negativen Bewertungen, die bei künftigen Entscheidungen hilft.


 

[RUBE] Die haben wir bei Haniel ja auch nicht. Das meiste ist immer noch Auslegungssache. Wie gehe ich zum Beispiel mit einem Fonds um, der in Branchen investiert ist, die Haniel ausschließt: Kaufen wir diesen Fonds dann rigoros nicht?

[GROS] Es gibt zu wenige Fonds, die CR-mäßig so sauber sind, wie wir es gerne hätten. Aber wie viel Anteil ist denn zu viel?

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[RUBE] Wenn es sich aufsummiert, würden wir aus CR-Sicht sagen: „Stop!“ Wir kontrollieren sowieso regelmäßig, wie sich die Zusammensetzung verändert, um Klumpenrisiken zu vermeiden. Wenn sich der Fonds unter CR-Gesichtspunkten verschlechtert, müssen wir uns zusammensetzen und entscheiden, ob wir da aussteigen. Wenn wir unser Risikolimit bei einem bestimmten Unternehmen erreichen, sind wir sehr streng und reduzieren den Anteil. Beim Thema CR sind wir da noch etwas laxer.

[GROS] Das hat für mich eine andere Dimension: CR ist nur eine Risikokategorie von vielen, nicht aber ein Gesamtrisiko. Ein CR-Risiko kann zu einem Geschäftsrisiko werden, aber das ist in der wirtschaftlichen Risikobetrachtung schon enthalten.

[RUBE] Ich glaube, dass die Dimension von CR-Risiken noch unterschätzt wird, weil sie schlecht messbar sind und nicht sofort ins Auge fallen. Da müssen wir noch viel lernen, um ableiten zu können, welche Faktoren einen Effekt haben.

[GROS] Meines Erachtens ist ein gewisses Maß an CR auch in einer allgemeinen Risikoabschätzung drin. Zumindest in bestimmten Branchen wie zum Beispiel Textil oder Ölexploration achten Investoren stärker darauf. In anderen Bereichen zwar noch nicht so sehr, aber immer mehr Investmentgesellschaften verabschieden sich von bestimmten Themen.

[RUBE] Ich denke, mittelfristig wird es einheitliche Mindeststandards für nachhaltige Investments geben. Aber grundsätzlich ist das wohl eher eine neue Sicht auf bekannte Themen. Wir haben früher schon von uns aus Investments abgelehnt, weil sie uns nicht richtig vorkamen. Und um als Unternehmer langfristig erfolgreich zu sein, musste man sich schon immer an bestimmte Regeln halten.

[GROS] Ich befürchte, dass Firmen dann einfach versuchen, die Standards zu erfüllen: Haken dran, weiter wie bisher. Das ist mir zu einfach. Wenn wir dahin kommen, dass man sich keine Meinung mehr bildet, dann ist das Thema leider tot.


Christian Rube leitet seit Mai 2013 das Middle Office der Finanzabteilung bei Haniel. Er ist unter anderem zuständig für Creditor Relations, Financial Governance und Finanzierungsfragen.

Dr. Axel Gros ist seit 2007 Direktor der Finanzabteilung. Zuvor war er ein Jahr als Head of Treasury Group und vier Jahre als Business Analyst und Treasurer in der Haniel-Holding tätig.