Anstand

Grenzwertig – von der Halbwertszeit des Anstands

Autor: Prof. Michael Corsten
Jeder Mensch verfügt über ein eigenes Wertesystem. Trotzdem verstoßen wir immer wieder dagegen. Gerade in Unternehmen. Warum eigentlich?

Meistens bemühen wir uns ja, nach Prinzipien zu handeln, die wir für richtig halten. Wie genau diese Regel im Einzelfall lautet, darüber mögen wir mit anderen häufig uneins sein. Aber für uns selbst glauben wir fast immer, den entsprechenden Grundsatz zu kennen. Gleichzeitig aber handeln wir regelmäßig gegen genau diese Überzeugungen. Gerade in Unternehmen scheint es immer wieder zu solchen moralischen Fehltritten Einzelner zu kommen. Wenn etwa Ingenieure in Top-Positionen mit technischen Kniffen gesetzliche Regeln aushebeln. Oder wenn Spitzenmanager Aufträge nur durch Bestechung an Land ziehen.

Warum Menschen ihre Überzeugungen verraten

Selbstverständlich verfügt jede dieser Personen über einen moralischen Kompass und würde Betrug in anderen Fällen wahrscheinlich verurteilen. Und so drängt sich die Frage auf: Wie kann es sein, dass Menschen in Unternehmen ihre Werte verraten? Oder anders formuliert: Wie wird aus dem rechtschaffenen Techniker ein Manipulator? Eine bekannte und durchaus zutreffende Antwort argumentiert mit sozialen Dynamiken, die sich jeweils auf ihre eigene Art entfalten.

Wer nutzt nicht „1000 ganz legale Steuertricks“?

Nehmen wir ein Beispiel aus unserem Alltag: Selbstverständlich halten wir uns für ehrlich und aufrichtig. Aber auch gegenüber dem Finanzamt? Wird da nicht mit „1000 ganz legalen Steuertricks“ gearbeitet? Wenn viele bei der Steuer mogeln – und vielleicht sogar anderen davon erzählen – dann schafft das sicher Nachahmer. Aber warum erinnert sich hier niemand an seine eigenen Regeln? Wahrscheinlich auch, weil das Finanzamt keinen guten Ruf hat und kaum jemand positive Werte mit Steuern verbindet. Dabei soll das Geld ja grundsätzlich vor allem dem Gemeinwohl zugutekommen. Vergleichbare Dynamiken können sich auch in der Wirtschaft entwickeln: Wenn führende Mitarbeiter eines Unternehmens mit strengen Umweltschutzauflagen hadern, könnte die Bereitschaft einzelner Angestellter steigen, diese Regeln zu umgehen.

"Wir erlauben uns Ausnahmen von unseren Regeln, wenn andere Werte ins Spiel kommen."

Prof. Michael Corsten

Aus soziologischen Studien wissen wir, dass wir nicht nur andere nachahmen, sondern auch sozialmoralische Landkarten in unseren Köpfen zeichnen. Und auf denen wiederum gibt es Orte, Gruppen oder Institutionen, deren moralischen Wert wir als gering betrachten.  Wir erlauben uns Ausnahmen von unseren Regeln, wenn andere, vielleicht stärkere Werte ins Spiel kommen. Wenn jemand etwa seine Versicherung betrügt, mag das purer Egoismus sein. Manchmal erscheint es den Handelnden aber auch moralisch gerechtfertigt: Wenn Unternehmen gegen Normen verstoßen, entschuldigen sie dies häufig  mit der Auflagenflut des deutschen Rechtssystems.

Anstand ist nicht schwarz oder weiß – es gibt Schattierungen

Ein anderer Mechanismus der Grenzübertretung besteht darin, dass Menschen manchmal die Möglichkeit fehlt, die Werte und Prinzipien einzuhalten, von denen sie eigentlich überzeugt sind. Sicher wissen Ingenieure in der Regel, wie sie Produkte umweltschonender machen können. Aber bauen sie wirklich noch eine energiesparende Wärmepumpe in eine Waschmaschine, wenn das die Kosten der Produktion erhöht und den Verkaufsstart gefährdet? Kann sich der Ingenieur in dieser Lage frei entscheiden, oder hängt sein Handeln dann nicht auch mit den betrieblich vorherrschenden sozialmoralischen Landkarten zusammen? So existieren in Fragen des Anstands nicht einfach nur Schwarz und Weiß, sondern jede Menge Schattierungen. Ob wir aber unsere eigenen moralischen Grenzen überschreiten, hängt selten von individuellen Fehlentscheidungen ab, sondern fast immer von sozialen Prozessen. Fehltritte einzelner Mitarbeiter lassen sich nie isoliert erklären, sondern nur unter Berücksichtigung der sozialmoralischen Landkarten, die innerhalb eines Betriebs handlungsleitend wirken.


 

DSC05254-1_Michael_Corsten_Soziologe_Uni_Hildesheim_Foto_Isa_Lange-sProf. Michael Corsten leitet den Fachbereich Sozial- und Erziehungswissenschaften an der Universität Hildesheim. In seinem Beitrag geht er der Frage nach, warum Menschen in ihrem Berufsleben oft so handeln, wie sie es in ihrem privaten Alltag niemals tolerieren würden. Nicht einmal bei sich selbst.