Anstand

Managen Sie die Illegalität!

Können Unternehmen heute überhaupt ohne Regelverstöße auskommen? Oder ist der Druck – Konkurrenz, Shareholder, Gewinnvorgaben – einfach zu groß?

Ob Schmiergelder oder Manipulationssoftware: Dass Unternehmen gegen Gesetze verstoßen, überrascht kaum. Allein schon, weil die Anforderungen oft widersprüchlich sind, bilden sich in ihnen kleine Schleichwege jenseits des offiziellen Ablaufs. So zeigte eine Studie, dass im Flugzeugbau ein Gewindebohrer trotz Verbots zum Einsatz kommt. Da ein Verzicht aus Termin- und Kostendruck unmöglich ist, hat sich eine verantwortungsvolle Verwendung durchgesetzt.

Nicht jede Regelabweichung muss zu Bestrafung führen

Nur durch diese „brauchbare Illegalität“ können sich Regeln trotz ihrer Starrheit halten. Und nur indem Mitarbeiter ausbalancieren, ob sie den Strukturen entsprechend handeln oder ob sie informale Wege gehen, erreichen Unternehmen ihre schnelle Anpassungsfähigkeit. Nicht umsonst gilt der Dienst nach Vorschrift als eine der effektivsten Streikformen in Organisationen. Die Herausforderung besteht darin, die brauchbaren Illegalitäten so zu managen, dass ein Konzern nicht an ihrem Bekanntwerden zerbricht. Voraussetzung dafür ist das Zugeständnis, dass keine Organisation auf die Regelabweichungen verzichten kann und auch nicht jede sofort zu einer Bestrafung führen muss. Meistens mangelt es am Wissen, wie man in Einzelgesprächen und Beobachtungsinterviews die informalen Prozesse bewertet und für die Zukunft gestaltet. Das ist aber nötig, damit das Management signalisieren kann, welche „Ausnahmen“ akzeptiert werden und welche zu weit gehen. Letztlich scheitern Unternehmen nicht an ihren alltäglichen Regelabweichungen, sondern am unprofessionellen Management ihrer brauchbaren Illegalitäten.


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Prof. Stefan Kühl, Organisationssoziologe an der Universität Bielefeld und Autor von „Wenn die Affen den Zoo regieren. Die Tücken der flachen Hierarchien“.