Anstand

Von Menschen und Mäusen

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Michael Hudler
Die Meldungen über Korruption und Betrug häufen sich. Markt und Moral scheinen zunehmend unvereinbar. Warum Whistleblower auch keine Lösung sind und welche Vorbildfunktion Topmanager haben, erklären Alexander Brink, Professor für Unternehmensethik, und Haniel-Vorstandsvorsitzender Stephan Gemkow.

Warum reicht es für anständiges Unternehmertum nicht aus, Arbeitsplätze zu schaffen und Steuern zu zahlen?

[STEPHAN GEMKOW] Es gibt in unserem Kulturkreis eine moralische – eine christliche – Verpflichtung, sich in einer bestimmten Form zu verhalten. Aber selbst wenn man das ausblendet, gilt: Wer langfristig unternehmerisch tätig sein will, kommt ohne Werte und Moral nicht aus. Das ist eine Zeitachsenbetrachtung: Als Haniel gegründet wurde, hat man zum Beispiel Mitarbeiterwohnungen gebaut – um den Mitarbeitern etwas Gutes zu tun. Aber natürlich auch, um die Fluktuation zu mindern und durch kurze Wege sicherzustellen, dass die Mitarbeiter auch wirklich zur Produktion da sind. Für mich sind Wirtschaft und Moral kein Widerspruch, sondern es geht darum, beide Seiten zu verknüpfen.

[ALEXANDER BRINK] Es gibt eine gegenläufige Meinung, die besagt, dass Ökonomie eher das Böse ist und die Ethik hier korrigierend eingreifen muss, um die Gesellschaft vor den Schäden der Wirtschaft zu schützen. Wenn wir Wirtschaftsethik aber ernsthaft betreiben wollen, heißt das für mich, Hand in Hand mit den Unternehmen beide Seiten zu vereinen. Es geht darum, sich die Wertschöpfungskette genau anzugucken und zu schauen, wie man da soziale und ökologische Standards integriert.

 

Theorie und Praxis: Alexander Brink und Stephan Gemkow halten beide nur wenig von Vorschriften für anständiges Verhalten. Wichtiger sei es, anständiges Verhalten zu leben.

Theorie und Praxis: Alexander Brink und Stephan Gemkow halten beide nur wenig von Vorschriften für anständiges Verhalten. Wichtiger sei es, anständiges Verhalten zu leben.

Das scheint aber an vielen Stellen nicht zu funktionieren. Woran liegt es, wenn Unternehmen an diesem Anspruch scheitern?

 

[BRINK] Wir haben dazu eine große Studie mit 180 Unternehmen gemacht und vier erfolgskritische Punkte identifiziert. Der erste ist die Messbarkeit. Es gibt Schwierigkeit bei der Entwicklung von Messgrößen, um vor allem soziale Aspekte zu integrieren. Dann haben wir das Thema Wertschöpfungskette, die die meisten Unternehmen rückwärtsgewandt betrachten, statt sich vorwärtsgewandt damit zu beschäftigen, wie sie ihre Produktion gut gestalten können. Der dritte Punkt ist die Unternehmenskultur, also die Frage, wie man eine Organisation schafft, in der sich alle Mitarbeiter diesen Themen verpflichtet fühlen. Und schließlich der „Tone from the Top“ – wird Anstand von der Konzernspitze wirklich vorgelebt?

Alexander Brink

„CR und Nachhaltigkeit kennen wir ja schon sehr lange. Wir nannten es nur soziale Marktwirtschaft.“

Alexander Brink

Gibt es Unternehmen, die alle Punkte gut umsetzen?

[BRINK] Kein Unternehmen kann alles gleich gut. Es gibt Firmen aus der Textilbranche, die sind Vorreiter bei der Implementierung von Sozialstandards. Andere Unternehmen machen sehr viel im Bereich der Mitarbeiterorientierung. Das ist aber völlig im Einklang mit dem, was zum Beispiel die Europäische Union fordert: Die Unternehmen müssen definieren, was in ihrem Geschäftsmodell wesentlich ist. Nicht jedes Unternehmen kann für alles verantwortlich sein – wir dürfen die Wirtschaft nicht überfrachten. Wobei man schon sagen kann, dass Familienunternehmen einen Vorsprung haben, weil sie wie Haniel anständiges Verhalten sozusagen über Jahrhunderte trainiert haben.

Raum für Ideen: Die Haniel Akademie bietet Managern und Führungskräften die Möglichkeit zur Weiterbildung.

Raum für Ideen: Die Haniel Akademie bietet Managern und Führungskräften die Möglichkeit zur Weiterbildung.

Nun kann aber nicht jedes Unternehmen 260 Jahre alt werden …

[GEMKOW] Es verbietet ja auch niemand dem CEO eines Dax-Konzerns einen Tone from the Top zu äußern, der Leitlinie für verantwortungsvolles Handeln ist. Schwierig wird es dann, wenn man als kapitalmarktorientiertes Unternehmen Shareholder hat, die diese langfristige Perspektive nicht mittragen. In Deutschland gibt es Artikel 14 Grundgesetz, der sagt: Eigentum verpflichtet. Wenn also ein Eigentümer oder Aktionär eines Unternehmens Forderungen an das Management stellt, dann ist das legitim – wenn er auch die Verpflichtung aus diesem Eigentum mitträgt. Das kommt aber oft sehr schnell an Grenzen, wenn Hedgefonds aus sehr kurzfristigen Erwägungen heraus überfallartig irgendwelche Forderungen an das Management herantragen. Wenn ich mich daran ausrichte, müsste ich einen permanenten Zickzackkurs fahren und könnte nach innen keinen Tone of the Top pflegen, der den Leuten Orientierung bietet. Aber man kann es auch so sehen: Als Vorstand einer Aktiengesellschaft habe ich einen geschützten Raum und damit alle Möglichkeiten, eine Kultur nach innen zu prägen. Weil keiner der anonymen Eigentümer tief in das Unternehmen eindringt. Insofern ist die Gesellschaftsform keine Ausrede für mangelnde Governance und moralische Haltung.

[BRINK] Es ist in diesem Zusammenhang ganz interessant, dass wir in Deutschland Anfang der 1990er-Jahren die Shareholder-Value-Orientierung aus den USA übernommen haben, weil die Amerikaner uns gesagt haben: Ihr vernachlässigt eure Anteilseigner. Und jetzt, 25 Jahre später, diskutieren wir über Nachhaltigkeit und CR. Dabei haben wir das als soziale Marktwirtschaft eigentlich immer gelebt, und wahrscheinlich gibt es deshalb bei uns so viele gesunde Unternehmen.

[GEMKOW] Wobei man sich schon die Frage stellen muss, ob das so bleibt. Alle Welt redet jetzt über die vierte industrielle Revolution, den digitalen Wandel. Eine Entwicklung, die mit atemberaubender Geschwindigkeit abläuft und die relativ wenig Rücksicht nimmt auf Aspekte unternehmerischer Verantwortung. Ich war neulich beim Weltwirtschaftsforum in Davos und habe viele Amerikaner getroffen, die vor Enthusiasmus überschäumen. Aber letztlich basieren Geschäftsmodelle wie Uber und Airbnb auf Arbeitsverhältnissen, in denen sich die Mitarbeiter selbst um ihre Gesundheitsversorgung und Rentenversicherung kümmern müssen. Diese Entwicklung sehe ich kritisch. Nicht zuletzt, weil diese Unternehmen in einer globalisierten Welt Kapital auf sich ziehen, das anderen Firmen zu einer balancierten Entwicklung fehlt.

[BRINK] Das ist in der Tat ein Problem, und es ist schon interessant, dass viele Unternehmen aus dem digitalen Bereich unsensibel auf Skandale reagieren, gerade im Luxusbereich. Ich glaube, dass hier auch eine Verantwortung auf die Anspruchsgruppen zurückfällt. Etwa auf die Investoren – aber de facto liegt der Anteil an ethischen Investments unter zehn Prozent weltweit. Auch auf die Kunden, die letztlich ein Produkt kaufen oder eben nicht kaufen. Auch die Mitarbeiter haben eine Verantwortungspflicht gegenüber der Organisation.

 

Stephan Gemkow

„Jeder Mitarbeiter sollte sagen können: So geht es nicht weiter, da mache ich nicht mehr mit.“

Stephan Gemkow

Können Sie also verstehen, wenn Mitarbeiter zu Whistleblowern werden?

Mehr Licht: In der Haniel Akademie soll positives Verhalten vermittelt werden

Mehr Licht: In der Haniel Akademie soll positives Verhalten vermittelt werden

[GEMKOW] Für mich ist das die zweitbeste Lösung. Das ist das Ventil, wenn nichts mehr geht. Eigentlich sollte jeder Mitarbeiter die Möglichkeit, aber auch das Rückgrat, haben zu sagen: Das können wir nicht machen, und ich werde diesen Weg nicht mitgehen. Die wenigsten Fehlentwicklungen werden doch über Whistleblower-Hotlines aufgedeckt, oft wird das aber genutzt, um jemandem eins auszuwischen.

[BRINK] Die Probleme müssen intern benannt und gelöst werden. Von externem Whistleblowing hat doch am Ende niemand was. Die Whistleblower finden in der Regel keine neue Stelle, und das Unternehmen ist beschädigt. Außerdem ist ein Unternehmen, bei dem in der Whistleblower-Hotline viele Meldungen eingehen, nicht automatisch unanständig. Es kann auch ein Signal dafür sein, dass die Frühwarnsysteme sehr gut funktionieren.

Brink erzählt, dass Topmanager in den USA verpflichtet seien, einen Eid auf die Unternehmenszahlen zu schwören – angelehnt an den hippokratischen Eid. Er hält dies jedoch für wirkungslos, da es anders als in der Medizin keine geregelte Ausbildung für Manager gebe. Gemkow führt den Bilanzeid an, den er auch in Deutschland unterschreiben müsse – in all seiner „Absurdität“. Denn letztlich seien die Berichtssysteme zu komplex, als dass eine einzelne Person für einen Fehler im kleinsten Detail verantwortlich gemacht werden könne.

Sind solche Eide nicht sogar ein hilfloses Mittel, weil man letztlich anerkennen muss, dass der Markt unmoralisch macht? Darauf weisen zumindest Untersuchungen wie das Mäuseexperiment des Wirtschaftsprofessors Armin Falk hin.

[BRINK] Menschliches Verhalten lässt sich in solchen Laborsituationen natürlich nur begrenzt simulieren. Aber es ist in der Tat so, dass Menschen in wirtschaftlichen Kontexten anders agieren – und zwar nicht moralischer. Deshalb sollten Manager deutlich machen, dass es in den Märkten eben nicht um ein Haifischbecken geht, sondern darum, gesunde, wachsende Unternehmen zu schaffen.

[GEMKOW] Wobei man sich schon Gedanken darüber machen muss, ob eine solche Werthaltung nicht schon sehr viel früher vermittelt werden muss. Da lässt sich leider feststellen, dass die Familie diese Aufgabe nicht mehr so stark wahrnimmt, wie sie das noch vor 30 Jahren getan hat. Die Schule kann dies schon allein aus ökonomischen Gründen nicht auffangen. Im Endeffekt entlassen wir also Menschen in die Arbeitswelt, die völlig unbeleckt sind von Entscheidungen des Gewissens. Die sich noch nie erproben konnten und somit keine Orientierung besitzen.

[BRINK] Aristoteles sagt dazu: „Wir werden tugendhaft, indem wir tugendhaft handeln.“ Das kann über ein freiwilliges soziales Jahr sein, ehrenamtliches Engagement oder den Seitenwechsel aus dem Unternehmen heraus. Das sind Erfahrungen, die keine Unternehmensberatung durch Change-Management-Prozesse in die Köpfe hineinbekommt. Deshalb sollte man sich Leute ins Unternehmen holen, die nicht den ganz glatten Lebenslauf haben, sondern sich bewähren mussten.


Das Mäuseexperiment von Armin Falk

Im Jahr 2012 veranstalteten der Bonner Ökonom Armin Falk und seine Bamberger Kollegin Nora Szech ein Experiment mit rund 1.000 Studenten: Sie sollten sich zwischen Geld und dem Leben einer Maus entscheiden. Dabei gab es zwei Versuchsanordnungen. Während die einen schlicht die Wahl hatten zwischen Moral und Mammon, wurden die anderen in eine Verhandlungs­situation versetzt: Als Verkäufer konnten sie versuchen, einen möglichst hohen Preis zu erzielen, bevor die Maus getötet wurde. Das Ergebnis: In der persönlichen Entscheidung schenkten 55 Prozent der Teilnehmer „ihrer“ Maus das Leben, im ökonomischen Kontext waren es nur noch 25 Prozent.


Das heißt, wir brauchen ein verpflichtendes soziales Jahr für jeden, der Manager werden möchte?

[GEMKOW] Nicht nur für die Manager. Für jeden.

[BRINK] Das oberste Prinzip ist immer Freiwilligkeit. Sie können niemanden zwingen, sich verantwortungsvoll zu verhalten. Wer das nicht will, der soll es nicht machen – ich hätte ihn dann aber auch nicht gerne in meiner Organisation.

Gemkow führt an, dass viele Menschen durchaus persönliche Wertvorstellungen hätten. Wenn diese aber mit dem Wertverständnis im Unternehmen kollidierten, komme es zu Ausweichverhalten. In einigen Unternehmen gebe es daher offizielle Verlautbarungen – und auf der anderen Seite „Giftschränke“ mit Dokumenten, von denen niemand wissen darf. Hierfür spielen laut Gemkow fehlgeleitete Bonussysteme ebenso eine Rolle wie die Angst vor Skandalisierung durch die Medien. Hier bestehe zunehmend die Tendenz, Einzelpersonen an den Pranger zu stellen, ohne Behauptungen fundiert zu prüfen. Brink erwidert, dass auch die Medien ein wichtiger Akteur in der Wirtschaftswelt seien und sich anständig zu verhalten hätten. Allerdings gebe es dort oft noch nicht die entsprechenden Richtlinien und Governance-Strukturen.

Wissen, wo man steht: Im Haniel-Archiv ist festgehalten, wie sich anständiges Unternehmertum niederschlägt: etwa in der finanziellen Unterstützung der Familien von Haniel-Arbeitern, die 1870 in den Krieg zogen.

Wissen, wo man steht: Im Haniel-Archiv ist festgehalten, wie sich anständiges Unternehmertum niederschlägt: etwa in der finanziellen Unterstützung der Familien von Haniel-Arbeitern, die 1870 in den Krieg zogen.

Was bedeutet das konkret? Hätten die Medien nicht über die Manipulationen bei VW berichten dürfen?

[GEMKOW] Doch, natürlich. Ich stelle mir aber die Frage: Ist es wirklich nur ein VW-Thema, oder ist es ein Industriethema? Ich kann mir hypothetisch Situationen vorstellen, in denen die Politik etwas verlangt – und die Technologie ist einfach noch nicht so weit. Was macht ein Unternehmen denn dann? Ein Unternehmen, das vielleicht Verantwortung für 500.000 Mitarbeiter hat und bei Nichterfüllen dieser Ziele großen Schaden erleidet. Wie fällt die Güterabwägung dann aus? In diesem Zusammenhang finde ich es ganz interessant, dass es sich bei VW um ein sehr stark mitbestimmtes Unternehmen handelt, das in hohem Maße staatlichem Einfluss unterliegt. Und viele Probleme, die wir in der Wirtschaft hatten, sind zuerst und massiv in Staatsunternehmen aufgetreten. Denken wir an die Landesbanken – wo der Staat, der für andere die Regeln setzt, selbst nicht in der Lage war, sie einzuhalten.

 

Alexander Brink

„Das oberste Prinzip ist Freiwilligkeit.“

Alexander Brink

Was wäre hier denn für Sie der Idealzustand?

[BRINK] Grundsätzlich darf es keinen – auch keinen empfundenen – Widerspruch geben zwischen Ethik und Wirtschaft. In einer perfekten Welt sind alle Unternehmen Sozialunternehmen, das heißt, sie bieten Produkte und Dienstleistungen an, die der Gesellschaft etwas bringen. Und das in sauberen Wertschöpfungsketten und mit Mitarbeitern, die nicht in der Diskrepanz zwischen persönlichen und Unternehmenswerten leben müssen. Trotzdem braucht es Korrektive, also Medien, NGOs und Governance-Strukturen, um diese Themen im Blick zu behalten.

[GEMKOW] Es muss in einer Gesellschaft einen Konsens über Werte geben. Damit würde bestimmtes Verhalten aufgewertet und anderes entwertet. Davon sind wir noch ein Stück weit entfernt. Aber Perfektion ist immer Fiktion.


Dr. Dr. Alexander Brink (Jahrgang 1970) ist Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Bayreuth sowie Direktor des Zentrums für Wirtschaftsethik in Berlin. Die von ihm mitbegründete concern GmbH berät Unternehmen bei ihrer CSR-Strategie. Zudem ist Brink Herausgeber der „Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik“. Vor seiner wissenschaftlichen Karriere hat er 14 Jahre in einem Pflegeberuf gearbeitet und zudem Stationen im Bereich Controlling, Finanzen und Vertrieb absolviert. www.unternehmensethik.org

Stephan Gemkow (Jahrgang 1960) ist seit 2012 Vorsitzender des Haniel-Vorstands.  Davor arbeitete der Diplom-Kaufmann seit 1990 in verschiedenen Führungspositionen im Lufthansa-Konzern, davon sechs Jahre als Finanzvorstand. Gemkow ist Aufsichtsratsvorsitzender der TAKKT AG und Mitglied im Aufsichtsrat der Evonik Industries AG sowie im Board of Directors der JetBlue Airways Corporation, New York.