Anstand

Werteposition: Anstand – legitime Erwartung oder Feigenblatt?

Foto: Bettina Engel-Albustin
Stephan Gemkow und Franz Markus Haniel beziehen Stellung zum Heftthema.

Warum ist Anstand Ihrer Meinung nach in der Wirtschaft eine wichtige Kategorie?

[FRANZ MARKUS HANIEL] Weil Anstand eine kritische Erwartungshaltung aller Beteiligten beschreibt. Und das im Übrigen nicht nur im unternehmerischen Kontext, sondern generell im Umgang zwischen Menschen.

[STEPHAN GEMKOW] Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Anstand für mich die Grundlage von Vertrauen ist. Ohne Vertrauen funktioniert kein menschliches Miteinander – schon gar nicht in der Wirtschaft. Man kann schlichtweg nicht alles rechtlich regeln. Sonst würde man sich nur auf die Spitzfindigkeiten konzentrieren, die das Recht hergibt, und versuchen, sich individuelle Vorteile zu beschaffen. Damit würden eine Menge sinnvoller Transaktionen und Verträge scheitern, die ansonsten sehr wertschöpfend sein könnten.

Stephan Gemkow

„Unanständiges Handeln mag kurzfristige Vorteile bringen, aber selten langfristige.“

Stephan Gemkow

Was verstehen Sie dann unter Compliance?

[GEMKOW] Compliance bedeutet Kontrolle, man versucht, etwas zu messen, zu dokumentieren, Fehlverhalten festzustellen. Anstand ist hingegen ein innerer Kompass, der Orientierung schafft. Ich glaube, wenn der innere Kompass funktioniert, dann braucht es keine Compliance-Systeme. Aber so ist die Welt nun mal.

HANIEL: Compliance führt ja nicht automatisch zu Anstand. Unser Familienkodex ist daher auch eine Art Regelwerk und insofern vergleichbar. Denn es ist nicht alles erlaubt, was nicht verboten ist.

Woher kommt es dann, dass der Anstand in Unternehmen nachzulassen scheint?

[GEMKOW] Man darf sich nicht irremachen lassen: Es gibt allein in Deutschland hunderttausende Unternehmen, und nur bei wenigen kommt Fehlverhalten vor – auch wenn die Beispiele manchmal sehr prominent sind. Daraus würde ich aber keinen Trend ableiten wollen. Wir haben in der Wirtschaft viel mit Bonus-Malus-Systemen und dergleichen zu tun. Ziel ist es, Menschen zu motivieren, sich in einer bestimmten Art und Weise zu verhalten. Wenn solche Systeme nicht wirklich sinnvoll aufgebaut und gesellschaftlich passend sind, dann führt das unter Umständen zu Fehlverhalten.

[HANIEL] Im Wirtschaftsleben geht es in den Augen vieler Menschen um Gewinnen und Verlieren. Und es gibt Menschen, die auch unfaire Mittel ergreifen, um zu den Gewinnern zu gehören. Das spielt in einem sehr kompetitiven wirtschaftlichen Umfeld durchaus eine Rolle und mag für manch einen Anreiz sein, das eigene Wertesystem über den Haufen zu werfen.

[GEMKOW] Da haben Sie sicher recht. Das hat aber auch etwas mit der Verschiebung der Märkte zu tun: In unserer globalisierten Wirtschaft wächst alles enger zusammen, und Unternehmen müssen sich weltweit als überlegen zeigen. Andererseits sind aber die Rahmenbedingungen nicht global, sondern national oder sogar lokal unterschiedlich. Wo dies für das Unternehmen einen Nachteil hat, mag man versucht sein, es durch Unfairness auszugleichen.

Franz Markus Haniel

„Die Kultur des Anstands wurde bei Haniel über Jahrhunderte eingeübt.“

Franz Markus Haniel

Wie kann man solchem Verhalten entgegenwirken?

[GEMKOW] Letztlich wohl nur durch eine Unternehmenskultur, die unanständiges Handeln ganz klar sanktioniert. Ich sage mal spöttisch, durch Liebesentzug: Wenn man Verhalten feststellt, das nicht den Erwartungen entspricht, sollte man das zum Gesprächsthema machen. Es braucht nicht immer Paragrafen, man kann ein Unternehmen auch nur über Werte führen.

Ist Haniel in diesem Sinne ein anständiges Unternehmen?

[HANIEL] Haniel hat eine Kultur des Anstands, die über Jahrhunderte eingeübt wurde. Und die sich an allgemein akzeptierten Werten festmacht, wie den des Ehrbaren Kaufmanns. Da jeder im Unternehmen dieses Wertesystem kennt und dazu stehen muss, ist auch klar, dass man den Finger hebt, wenn zuwidergehandelt wird. Das ist ein großes internes Korrektiv, das auch für die Familie Haniel gilt, denn das Wertesystem ist Teil unseres Selbstverständnisses und damit auch unserer Erziehung. Aber mit weit über 1200 Familienmitgliedern sind wir auch ein Querschnitt der Gesellschaft. Und bei aller Intention und einem sehr hohen Maßstab ist nicht immer absolut sicher, dass wir das konsequent umsetzen. Das ist anders in einem Unternehmen: Als Vorstandsvorsitzender müssen Sie Abweichungen sofort ahnden. Ich kann Abweichungen in einer Familie nicht ahnden, von denen erfahre ich vielleicht auch gar nicht.

[GEMKOW] Wir sehen ja auch nur den Ausschnitt der Handlungen, die sich auf das Unternehmensziel beziehen. Da lässt sich gut feststellen, ob sich Mitarbeiter wertekonform verhalten.

Wie findet man denn diese anständigen Mitarbeiter?

[HANIEL] Indem man konsequent nach ihnen sucht und sie fördert. Anstand ist auch eine Frage der Erziehung und der Ausbildung. Menschen mit einem weniger klaren moralischen Koordinatensystem können in einem Unternehmen wie Haniel aber vom Verhalten anderer lernen.

[GEMKOW] Ich bin eher dafür, gleich die richtigen Leute einzustellen. Ein Grundgerüst müssen die Mitarbeiter und Führungskräfte schon mitbringen, sonst kriegt man das nachträglich nicht hin. Auf allen Ebenen sollte klar sein: Durch unanständiges Handeln mag es kurzfristige Vorteile geben, aber selten langfristige. Wenn man aber seinen Job als Unternehmer richtig versteht, dann kann es letztlich nur um nachhaltige Zielerreichung gehen.