Anstand

Zu schön, um wahr zu sein?

Autor: Christoph Koch
Der US-Firmenchef Dan Price versprach, jedem Mitarbeiter 70.000 Dollar im Jahr zu bezahlen. Dafür wurde er gefeiert — bis der Ärger begann. Seitdem stehen sich zwei konkurrierende Deutungsmuster gegenüber: bester Boss der USA oder gerissenes Schlitzohr?

Man kann die Geschichte von Dan Price auf zwei Arten erzählen. Dem Mann, der in seiner Firma den Mindestlohn von 70.000 Dollar im Jahr einführte und die USA in Aufruhr versetzte. Die erste beginnt mit einem Spaziergang.

Dan Price, 31, CEO der in Seattle ansässigen Firma Gravity, ging Ende März 2015 mit seiner guten Freundin Valerie spazieren. Diese erzählte ihm von einer Mieterhöhung um 200 Dollar, die ihr zu schaffen machte. „Sie arbeitete 50 Stunden die Woche und verdiente trotzdem nur 40.000 Dollar pro Jahr“ erinnerte sich Price später an die Unterhaltung. „Sie musste nebenher Hausmeisterjobs machen, um über die Runden zu kommen.“ Er dachte noch über die Situation seiner Freundin nach, als ihm dämmerte: Ein Drittel seiner Angestellten verdiente weniger als Valerie. Also beschloss er, etwas zu unternehmen. Am 13. April verkündete er vor seiner Belegschaft und einigen Reportern einen ehrgeizigen Plan: Er würde das Mindestgehalt bei Gravity in den nächsten drei Jahren schrittweise auf  70.000 Dollar anheben und gleichzeitig sein eigenes CEO-Gehalt mit sofortiger Wirkung von 1,1 Millionen auf 70.000 reduzieren.

„Ich habe es nicht für die Likes und Tweets getan, sondern für mein Team.“

Dan Price

„Ich weiß, dass die meisten Leute von der Hand in den Mund leben“, sagte er. „Warum muss ich also zehnmal so viel verdienen, wie ich brauche, und ihr nicht?“ Für mehr als die Hälfte seiner 130 Mitarbeiter bedeutete diese Neuregelung eine Gehaltserhöhung, für 30 von ihnen verdoppelte sich der Lohn. Das Geschäft von Gravity ist die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen, vor allem für kleinere Geschäfte. Denen verspricht Gravity niedrige Gebühren und besseren Service als die großen Anbieter – ein großer Teil der Gravity-Mitarbeiter ist im technischen Kundendienst tätig.

In dieser Variante der Geschichte ist Dan Price ein moderner Robin Hood. Einer, der den Armen gibt und von den Reichen nimmt – und bei sich selbst anfängt. Um die rund 1,8 Millionen Dollar auszugleichen, die der Mindestlohn Gravity kosten würde, reduzierte Price nicht nur sein eigenes Gehalt. Er verkaufte nach eigenen Angaben auch seine Firmenanteile, belieh seine Rentenvorsorge und nahm Hypotheken auf seine beiden Häuser auf.

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Das Medienecho auf so viel Selbstlosigkeit war gigantisch: Über 500 Millionen Mal wurde die Geschichte auf Social-Media-Kanälen geteilt, das Video des Senders NBC News, der neben der New York Times bei der Verkündung anwesend war, wurde zum meistgeteilten in der Geschichte des Nachrichtensenders. Hollywoodagenten und Fernsehtalkshows umgarnten den CEO, der mit seinen langen Haaren, Sieben-Tage-Bart und einem gewinnenden Lächeln aussieht wie eine Mischung aus Brad Pitt und Jesus. Price handelte einen hoch dotierten Buchvertrag aus.

Ein moralischer Akt, kein Marketing-Trick

Bei Gravity gingen allein in der ersten Woche 4.500 neue Bewerbungen ein – ebenso wie eine Anfrage der Harvard Business School, die die Auswirkungen des Experiments untersuchen wollte. Die Neukundenanfragen stiegen von rund 30 pro Monat auf 2000, doch Price betonte immer wieder, der Mindestlohn sei ein moralischer Akt – keine Geschäftsentscheidung, kein Marketingstunt: „Ich habe das nicht für die Likes und Tweets getan. Ich habe es getan, weil es das Richtige ist – für mein Team und meine Kunden. Bei seinen zahlreichen Fernsehauftritten erzählte Price auch, eine Studie des Wirtschaftsforschers und Nobelpreisträgers Daniel Kahneman habe ihn inspiriert: Dieser hatte herausgefunden, dass mehr Einkommen zu einer höheren Lebenszufriedenheit führt – allerdings nur bis zu einer Grenze von rund 75 .00 Dollar pro Jahr. Danach verschwindet der Effekt nahezu.


Dan Price - Liebling der Mitarbeiter und der Medien

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Ein Mindestlohn von 70.000 Dollar? Unfassbar! Die Geschichte klingt schön. Fast zu schön, um wahr zu sein. War sie wohl auch. Das ahnte anfangs natürlich …

Foto: Getty Images

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… niemand. Dan Price und seine Firma galten als Inkarnation des American Dream. Tausende buhlten um einen Job beim besten Boss der USA. Der lächelte derweil …

Foto: dpa picture-alliance

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… von den Titelseiten zahlreicher Magazine. Dan Price gefiel sich in der Rolle des modernen Robin Hood und ließ sich mit großer Bereitschaft ablichten. Auch beim …

Foto: Daniel Berman

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… kollektiven Planking im Kreise der Mitarbeiter. Gemeinsam Sport treiben, gemeinsam arbeiten, gemeinsam einen Traum jagen …

Foto: Nathanael Turner

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… und ganz offen über alles sprechen. Seit das Image des Superhelden massiv an Strahlkraft einbüßte, hat sich Dan Prices Kommunikationsbereitschaft signifikant reduziert. Heute schweigt der beste Boss der USA Medien gegenüber beharrlich.

Foto: Nathanael Turner

Der Bruder ist der Buhmann, sonnenklar

Diese erste Variante der Geschichte ist aber nicht nur die, in der Price sich selbstlos für das Glück seiner Mitarbeiter einsetzt. Es ist auch die Variante, in der Price alles riskiert. In der er ein Stück weit das Opfer ist, ein sympathischer Underdog, dem man die Daumen drückt. Denn sein eigener Bruder, Lucas Price, mit dem Dan die Firma 2004 gegründet hatte und der seit 2008 noch 30 Prozent der Firmenanteile hielt, verklagte ihn. Dan Price habe sich selbst bereichert, so der Vorwurf. Er habe sich in den vergangenen Jahren ein viel zu hohes CEO-Gehalt ausbezahlt. Für die meisten Beobachter war die Sache schnell klar, und der fünf Jahre ältere Bruder Lucas stand als Buhmann fest: Er habe Angst, dass zu viel von Gravitys Gewinnen durch die Lohnerhöhung statt in seine Dividende in Mitarbeitergehälter wandere, hieß es. Eventuell wolle er auch den Druck auf seinen Bruder Dan erhöhen, die Firma zu verkaufen, solange diese im Rampenlicht stehe, um so den maximalen Wert für den eigenen Anteil zu erzielen.

Dan Price, der gemeinsam mit Lucas und drei weiteren Geschwistern in einem traditionellen evangelikalen Elternhaus im ländlichen Idaho aufwuchs, verbrachte seine Jugend in einer christlichen Rockband namens Straightforword. Durch Konzerte in Bars und Cafés erfuhr er von den teilweise horrenden Gebühren, die Kleinunternehmer für Kreditkartenzahlungen abführen mussten – die Idee für Gravity war geboren. Auch auf die Klage seines Bruders reagierte Dan Price mit geradezu christlichem Gleichmut: „Wir stehen mit der Firma sehr gut da – und das ist auch Lucas’ Verdienst“, sagte er zum Beispiel dem Magazin Inc in einem Interview. „Ich werde Lucas nichts von dem, was er bekommt, neiden und alles tun, damit er bekommt, was ihm zusteht. Solange es nicht dazu führt, dass ich die Preise für unsere Kunden anheben muss, ihnen einen schlechteren Service bieten oder meine Angestellten schlechter bezahlen muss.“

Plötzlich wird die Geschichte dubios

Da die Klage am 24. April 2015 eingereicht wurde, also genau elf Tage nach dem Verkünden des 70.000-Dollar-Mindestgehalts, schien klar, dass sie als missgünstige Reaktion auf den generösen Akt von Dan Price erfolgt war. Doch Anfang Dezember kamen mehrere Dinge ans Licht, die dafür sorgten, dass es nun auch noch eine zweite Variante gibt, die Geschichte von Dan Price zu erzählen. In dieser zweiten Variante ist er nicht mehr der strahlende, selbstlose Held. Sondern jemand, der sich selbst bereichert und anschließend versucht, die eigene Gier zu vertuschen. Denn obwohl die Klage erst elf Tage nachdem Dan Price zum Medienliebling geworden war, eingereicht wurde, beweisen Gerichtsunterlagen, dass sie ihm bereits am 16. März – also rund einen Monat vor seinem spektakulären Auftritt – zugestellt worden war. Was wie eine Petitesse wirken mag, kehrt bei genauerer Betrachtung die Kausalkette aus Ursache und Wirkung um: Plötzlich ist nicht mehr die Klage von Bruder Lucas die verbitterte Reaktion auf drohende Verluste. Sondern die Anhebung der Mitarbeitergehälter, also eine öffentlichkeitswirksame Art, Selbstlosigkeit zu zeigen, ist die Reaktion auf eine Klage, die Dan Price im Kern vorwirft, sich selbst über Jahre hinweg unrechtmäßig bereichert zu haben.

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In dieser Variante der Geschichte fand der Spaziergang mit Dans Freundin Valerie statt, als der CEO schon zwei Wochen lang wusste, dass er sich bald vor Gericht gegen den Vorwurf werde verteidigen müssen, sein Gehalt mit 1,1 Millionen viel zu hoch angesetzt zu haben. Keine schlechte Strategie, sich vorher schnell noch als Wohltäter in Szene zu setzen, der auf rund 95 Prozent seines Salärs verzichtet, um seinen Mitarbeitern Gutes zu tun.

Um herauszufinden, welche der beiden Varianten von Price’ Geschichte der Wahrheit näher kommt, hilft es nachzusehen, ob er mit 1,1 Millionen Jahresgehalt tatsächlich so massiv überbezahlt war, wie es die Klage seines Bruders behauptet. Das Magazin Bloomberg Businessweek hat einmal nachgerechnet: Das großzügigste Viertel aller Firmen, die einen ähnlichen Nettoumsatz machen wie Gravity (rund 16 Millionen Dollar im Jahr 2014, bei einem Gewinn von 2,2 Millionen) bezahlt ihren CEOs im Schnitt 373.000 Dollar pro Jahr. Das großzügigste Viertel aller Firmen, die dieselbe Anzahl von Mitarbeitern haben wie Gravity, bezahlt ihren CEOs im Schnitt 470.000 Dollar pro Jahr. Und der CEO von JetPay, einem Konkurrenten von Gravity mit etwa derselben Menge an verarbeiteten Zahlungen verdiente 2014 355.000 Dollar.

Bester Boss Amerikas – oder übles Schlitzohr?

Ebenfalls im Dezember kam heraus, dass auch die Geschichte mit den Hypotheken, die Price auf seine beiden Häuser aufgenommen hat, um die Gehaltserhöhungen zu finanzieren, Lücken hat. Während die Medien sie regelmäßig als Beweis für Price’ Hingabe und Einsatz anführten, finden sich in den Grundbucheinträgen beider Häuser keinerlei Hinweise, dass diese beliehen wurden.

Dan Price hat der 
Debatte über Einkommensungleichheit ein Gesicht gegeben.

Seitdem ist es still um Dan Price geworden. Über seine Motive für eine zweifellos gute Tat spricht er nicht mehr. Vielleicht möchte er nicht mehr nach der Höhe seines Gehalts gefragt werden – und ob er wirklich glaubt, es sei angemessen gewesen, sich selbst mehr als das Dreifache von dem zu bezahlen, was die Chefs vergleichbarer Unternehmen verdienen. Wenn sich der Gravity-CEO jetzt noch öffentlich äußert, bleiben diese Fragen ebenso außen vor wie die Klage oder die Frage nach den Hypotheken. Sicher ist, dass sich im Mai dieses Jahres die beiden Price-Brüder vor Gericht gegenüberstehen. Dann könnte sich zeigen, welche der beiden Varianten der Geschichte näher an der Wahrheit liegt. Ob er tatsächlich „der beste Boss Amerikas“ ist, wie manche Schlagzeile behauptete. Oder nur ein Schlitzohr, das verstanden hat, dass Angriff die beste Verteidigung ist.

Wenn es Menschen gibt, denen das vermutlich egal ist, dann denjenigen Gravity-Mitarbeitern, deren Gehalt sukzessive auf 70.000 Dollar aufgestockt wird. Und die dann endlich nicht mehr zur Untermiete bei Freunden wohnen, die Gründung einer Familie aufschieben oder nachts in einem Nebenjob arbeiten, um über die Runden zu kommen. Dan Price hat der Debatte über den Mindestlohn neuen Schwung gegeben.

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Er hat die immer zahlreicher werdenden „Working Poor“ ebenso ins Rampenlicht gerückt wie die Frage, warum trotz permanenter Produktivätssteigerungen an so vielen Orten die Gehälter seit Jahren stagnieren, warum der Graben zwischen Arm und Reich immer größer wird. Dan Price, der Strahlemann in Skinny Jeans, hat dieser Debatte ein Gesicht gegeben, eine inspirierende Storyline, die sich um den ganzen Globus verbreitet hat.

Sogar aus einer Textilfabrik in Vietnam meldeten sich euphorische Arbeiter und berichteten von einer Lohnerhöhung, die ihr Chef bewilligt hatte, nachdem er von Dan Price und dessen Experiment gehört hatte. Auch bei Gravity sieht es rund ein halbes Jahr nach Price’ denkwürdigem Auftritt gut aus: Der Umsatz wächst schneller als je zuvor, der Gewinn hat sich verdoppelt, die Kundentreue ist so hoch wie nie.

Dan Price schreibt derweil sein Buch, für das er einen Vorschuss von einer halben Million Dollar bekommen hat. Angeblich ist er mit dem Schreiben schon fast fertig. Auf die Frage, wie er bei all dem Rummel so schnell so viel zu Papier bringen könne, antwortete er in einem Interview, das ginge leicht, weil er im Gegensatz zu Journalisten ja vor allem über sich selbst schreibe: „Sie müssen beim Schreiben ja auch noch recherchieren und Fakten checken.“ Keine Antwort gab Dan Price auf die Frage, ob denn bei der ganzen Aufregung nicht egal ist, welche Motive jemanden antreiben, wenn am Ende etwas Gutes dabei herauskommt?