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Das Eckige passt nicht ins Runde

Autor: Wolfgang Kierdorf |
Foto: Zeichnung: Julian Rentzsch
Unternehmen in der Demografiefalle: Nachwuchskräfte sind rar. Doch statt aussichtslos um Talente zu kämpfen, rät Wolfgang Kierdorf: Nutzen Sie das Potenzial im eigenen Unternehmen!

Es herrscht Krieg: der „War for Talent“. In Deutschland wachsen immer weniger junge Talente nach, gleichzeitig verlieren wir jedes Jahr topausgebildete Fachkräfte an Unternehmen im Ausland. Die Zahl der verfügbaren Fachkräfte ist inzwischen in einigen Branchen so gering, dass selbst Einsteiger Spitzengehälter verlangen können. Aber siegt im „War for Talent“ wirklich das Unternehmen, das die höchsten Gehälter zahlt?

Je anspruchsvoller und vielfältiger eine Stelle ist, desto unwahrscheinlicher ist es, hierfür den perfekten Kandidaten zu finden. In eine „runde“ Stelle soll dann ein „eckiger“ Mitarbeiter passen. Natürlich bekommen wir dort Mitarbeiter irgendwie mit Ach und Krach hineingepresst, dabei gehen aber die Ecken verloren! Und wie soll ein Mensch langfristig glücklich sein, wenn man ihm die Ecken, also Teile seiner Persönlichkeit, abschneidet?

Deshalb meine Maxime: Versuchen wir nicht „eckige“ Mitarbeiter in „runde“ Stellen zu pressen, sondern finden wir echte Talente im eigenen Betrieb und schneidern diesen einen Job nach Maß! Verliert ein Unternehmen ein Talent, so geht nicht nur das bereits getätigte Investment – also Ausbildung, Einarbeitung et cetera – verloren, sondern vor allem das abgewanderte Potenzial. Warum sollte man sich teuer Talente von außen einkaufen, wenn man diese bereits im Unternehmen hat?

Ein Talent nicht zu fördern heißt, den Wert des Unternehmens systematisch zu zerstören

Ein unentdecktes Talent im Unternehmen ist nicht nur „totes Kapital“ oder eine „verschwendete Ressource“, sondern vor allem ein Mensch, der vielleicht gerade in seinem Job „vor sich hin stirbt“ und demnächst kündigt. Ein Talent nicht zu fördern bedeutet also nicht, den Status quo zu erhalten, sondern ein Unternehmen und dessen Werte systematisch zu zerstören.

Allerdings ist es damit, ein Talent zu finden oder zu halten, noch nicht getan. Jedes Talent, egal ob Sportler, Künstler oder Mitarbeiter in einem Unternehmen, benötigt einen Coach. Den meisten Menschen wurde es nie erlaubt, sich frei zu entfalten. Aufgabe von Führungskräften ist es, den nötigen Freiraum zu schaffen und den talentierten Mitarbeiter zu ermutigen. Schieben Sie ihn regelmäßig mit neuen Aufgaben aus seiner Komfortzone. Finden Sie heraus, was er wirklich gut kann und was nicht. Fördern Sie sein Talent, und helfen Sie ihm, seine Schwächen zu überwinden. Häufig sind es nur eine oder zwei Eigenschaften, die einen Menschen davon abhalten, etwas wirklich Großartiges zu leisten.

Dabei Talenten nicht die Ecken nehmen

Machen Sie Ihren talentierten Mitarbeitern jeden Tag klar, wie wichtig ihr Beitrag ist und wie viel Verantwortung sie für das Unternehmen und seinen Fortbestand tragen. Man verlässt nichts, wofür man Sorge trägt. Aber bei all dem gilt: Nehmen Sie Talenten nicht ihre Ecken. Menschen, denen man ihre Ecken nimmt, sind verkrüppelt. Sie sind mies gelaunt, leisten schlechte Arbeit und bekommen Bore- oder Burnouts. Lassen Sie das Eckige eckig sein und das Runde rund. Schaffen Sie Jobs für Mitarbeiter und nicht Mitarbeiter für Jobs!


Wolfgang Kierdorf, Jahrgang 1973, gründete bereits vor seinem Abschluss in Wirtschaftsinformatik drei Firmen. Später beriet Kierdorf Unternehmen wie IBM, ThyssenKrupp Information Services oder die METRO Group. Seit Ende 2009 betreibt er die Unternehmensberatung The Black Swan. In diesem Jahr war Kierdorf zu Gast bei der internationalen Haniel-Führungskräftetagung, die unter dem Motto stand: Act as an Entrepreneur.

Guter Rat: Sehen Sie das Video-Interview mit Wolfgang Kierdorf zum Potenzial älterer Mitarbeiter: