Familie

Sie küssten und sie schlugen sich

Autor: André Bosse |
Foto: Rosa Felten (Illustration)
Die Familie prägt uns im Guten wie im Schlechten. Hier lieben, lachen und spielen wir. Und streiten uns bis aufs Blut. Familie ist Drama. Eine Spurensuche

Große Geschichtenerzähler wissen seit jeher, wo sich die bedeutsamsten Tragödien abspielen: in der Familie. Siehe Bibel, Altes Testament, erstes Buch Mose: Abraham ist 100, seine Frau Sara 90 – und endlich schenkt Gott dem Paar noch den lang ersehnten Sohn. Wow, denkt man. Aber jetzt geht es erst richtig los: Gott trägt Abraham auf, seinen Sohn zu opfern. Der Vater gehorcht, erhebt sein Messer, da schickt Gott in letzter Sekunde einen Engel, der den Mord verhindert. Sara, die nicht fassen kann, dass ihr Mann die Sache durchgezogen hätte, stirbt am Schock.

Es gibt unzählige Familientragödien, in der Literatur und Oper, im Theater und Kino. Shakespeare erfindet die Macbeths, Thomas Mann lässt die Buddenbrooks leiden. Filmemacher wie Lars von Trier in „Das Fest“ oder Michael Haneke in „Das weiße Band“ erkunden familiäre Verdrängungen und Grausamkeiten. Wo das Trauerspiel seine Kraft entfaltet, ist die Komödie bekanntlich nicht fern: In Loriots „Pappa ante Portas“ ist der Vater im Ruhestand und damit nicht mehr nur am Feierabend zu Hause, sondern eben: ständig. „Ich wohne hier!“, sagt er zu seiner Frau. „Aber doch nicht jetzt!“, entgegnet diese. Schöne Familiengeschichten gibt es natürlich auch, im Film „Toni Erdmann“ zum Beispiel: Tochter und Vater leben in zwei Welten, er ist ein Kauz, sie eine Top-Unternehmensberaterin. Erst, als er sich mit Perücke und falschen Zähnen in ihr Leben schleicht und sie bis aufs Blut provoziert, findet sie zu sich und die beiden zueinander.

Die Familie ist eine der Bühnen des Lebens. Und sie funktioniert wie ein Verstärkerraum: Alle Emotionen erfahren wir hier zehnmal so stark. Wer echtes Glück sehen will, sollte noch einmal die alten Alben mit den Bildern der schönsten Familienurlaube hervorkramen. Wer im Kino schluchzt, wenn das Happy End zu Herzen geht, der weint daheim auf dem Sofa hemmungslos. Wer einen Tag lang schlecht gelaunt bei der Arbeit verbringt, der knallt zu Hause mit den Türen. Und wehe, es rufen dann noch die Schwiegereltern an, um endlich zu erfahren, wie man das kommende Familienfest zu planen gedenke.

In der Familie liegen die Nerven blank. Irgendwie kann man es sich dort ja leisten. Gleichzeitig ist sie der Ort, an dem viele Menschen noch selbstverloren, befreiend und laut lachen. An dem sie miteinander spielen und sich gegenseitig vertrauen. Und an dem sie bedingungslose Liebe erfahren und den Mut haben, auf die Frage, wie es einem denn gehe, auch mal zu antworten: Nicht so gut. „In der Familie bröckelt unsere Fassade“, erklärt die Familienpsychologin Julia Dreseler. „Hier zeigen wir uns, wie wir wirklich sind.“

Wunderbar, denkt man, schließlich sucht der Mensch ja ständig nach Authentizität. Im Familienkreis bekommt er sie, ohne dafür meditieren zu müssen oder einen Achtsamkeitscoach einzustellen. Jedoch erzeugt diese Authentizität auf der familiären Bühne auch einen dunklen Raum, der Geheimnisse und im schlimmsten Fall abscheuliche Verbrechen ermöglicht. Im Privaten kann das Undenkbare Realität werden, denn die Hemmschwellen sind niedrig, und die Untat scheint verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert leitet eine Studie zu den Erfahrungen der Deutschen mit sexueller, körperlicher oder emotionaler Gewalt. Die Ergebnisse seiner Umfrage: Fast 14 Prozent geben an, in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erfahren zu haben, mehr als zwölf Prozent berichten von körperlicher Misshandlung, rund 19 Prozent von emotionaler Misshandlung. „Bei allen Misshandlungsformen ist die Familie der zentrale Ort, an dem dieses Leid geschieht“, sagt Fegert.

Wie kriegt man alle Bedürfnisse unter einen Hut?

Familie ist also der Ort, an dem sich Liebe und Leid verdichten. Dabei ist es gar nicht leicht zu verstehen, was Familie überhaupt ist, denn unser Bild von ihr verändert sich ständig. „In der agrarischen Gesellschaft war sie in erster
Linie eine Wirtschaftsgemeinschaft“, sagt Petra Buhr, die an der Uni Bremen über die Historie der Familie forscht. Familie und Arbeitsplatz waren nicht getrennt; Kinder besaßen vor allem eine materielle Bedeutung als Arbeitskraft. Erst mit der Industrialisierung entwickelte sich die Familie zum privaten Rückzugsraum, und in Arbeiterhaushalten fanden – zunächst aus
finanzieller Notwendigkeit – auch Frauen den Weg in den Beruf. „Mit zunehmendem Wohlstand und sozialer Absicherung trat die emotionale Bindung der Partner untereinander und der Eltern an ihre Kinder in den Vordergrund“, berichtet die Soziologin.

Es folgten die 68er und die Bildungsexpansion der Siebzigerjahre: Die Frauen eroberten sich den Anspruch auf eine eigene soziale und ökonomische Existenz abseits der Familie, diese verlor ihre Alleinstellung. Buhr: „Familie und Kinder sind längst in Konkurrenz zu anderen Lebensformen getreten.“ Was aber nicht heißt, dass die Familie gesellschaftlich an Relevanz verloren hat: Noch immer gibt es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland mehr als 11,5 Millionen Eltern-Kind-Gemeinschaften – also Haushalte mit mindestens einem Elternteil und einem Kind. Und noch immer geht es in diesen Familien alles andere als langweilig zu.

Selbst die gute alte und vermeintlich übersichtliche Kernfamilie mit zwei Elternteilen und ein bis drei Kindern ist ein kompliziertes soziales Gebilde. Es wird einem beim Zuhören ganz schwindelig, wenn die Familienpsychologin Julia Dreseler aufzählt, mit wie vielen grundlegenden Fragen man im Familienkontext täglich konfrontiert wird: Die Eltern erziehen die Kinder, vermitteln Werte, füllen Rollenbilder mit Leben. Hinzu kommen die Erwartungen von außen, nicht zuletzt von den Großeltern. Auch die Finanzen müssen geregelt, die Arbeiten aufgeteilt werden: Wann gibt’s das neue Auto, wer macht den Garten, warum ist der Keller immer noch nicht aufgeräumt, und wer hat das Parkett zerkratzt – in jeder dieser Fragen steckt Konfliktpotenzial. Man lernt aber auch sehr viel: über sich, über die anderen. „Und darüber, wie es gelingen kann, die Bedürfnisse aller miteinander zu vereinbaren“, sagt Julia Dreseler.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Familie kein Konstrukt ist wie ein Team auf dem Fußballplatz oder im Job. „Sie ist, egal in welcher Zusammensetzung wir sie kennenlernen, unsere allererste Erfahrung, in ihr wird der Ursprung für unsere Position in der Welt gelegt“, sagt Cordula Stratmann, Komikerin, Schauspielerin und Familientherapeutin. Bereits vor ihrer TV-Karriere arbeitete sie in einer Familienberatungsstelle – heute ist sie wieder in diesem Bereich tätig, ihre Leidenschaft für die therapeutische Arbeit war nie weg. „In der Familie machen wir die ersten Erfahrungen von Angenommensein, Geliebtwerden oder auch von Mangel“, sagt sie. Bis der Mensch als Erwachsener hoffentlich begreife, dass er seinen Anerkennungshunger auch selbst stillen kann, fühle man sich als heranwachsender Mensch angewiesen auf diese „Nahrung“ durch die Eltern oder diejenigen, die ersatzweise diese Aufgabe übernehmen. „So kommt es, dass schlecht genährte Seelen häufiger von Neid und Gegeneinander-Fantasien geplagt sind als gut genährte.“

Die Sehnsucht nach dem Idyll

Prägend ist die Familie schon deshalb, weil der junge Mensch alle Kommunikationsmuster, die er in seinen familiären Beziehungen erlernt, später auch in anderen Kontexten anwendet. Wird stumm weggeguckt oder trotzig mit den Türen geknallt? „Das sind die Reflexe, die wir in unserem Werkzeugkasten mit nach außen nehmen“, so Cordula Stratmann. Nun komme es darauf an, was der Mensch daraus mache: „Die einen leiden angestrengt und halten am Erlernten fest. Die anderen nutzen schmerzhafte Prägungen als Erfahrungsschatz für ein friedvolles Leben.“

Familie formt und nährt uns, sie darf uns aber nicht lähmen. Denn man kann die Prägung bearbeiten. Und das sollte man tun, sagt Cordula Stratmann: „Da es sich bekanntlich in jeder Familie um Menschen mit Macken handelt, gilt eh die Erkenntnis, dass man da nie ganz ohne Änderungsbedarf herauskommt.“ Trotzdem gibt es das große Bestreben, das Miteinander in der Familie zu harmonisieren. Die Werbung erzeugt Bilder von Familien als Ort der absoluten Glückseligkeit, auch in den sozialen Netzwerken postet ständig jemand, wie prima der Urlaub läuft, wie gewinnbringend die Elternzeit ist, wie fabelhaft es ist, sonntags um acht Uhr morgens das Kind zum Fußballspiel zu begleiten. Wir wissen, das sind häufig nur Halbwahrheiten. Aber insgeheim sehnen wir uns doch nach einem solchen Idyll.

Aber geht das? Oder ist die Erwartung übertrieben? Wie kann ein erfülltes Familienleben in einer pluralistischen und durchindividualisierten Gesellschaft wie dieser funktionieren? Die Familientherapeutin und Bestsellerautorin Iben Dissing Sandahl kommt aus Dänemark, einem Land, das seit Jahren in den Glücklichkeitsrankings vorderste Plätze belegt. Was wohl auch an „Hygge“ liegt, diesem Lebenskonzept, bei dem es auf zwei Dinge ankommt: Man tut alles dafür, dass man es selbst nett hat. Achtet aber auch darauf, dass es die anderen mindestens genauso nett haben.

Für Sandahl ist klar, dass die Familie auch heute noch ein bedeutsamer Faktor für das Glücksgefühl jedes Einzelnen ist. In ihren Büchern überträgt sie nun die Hygge-Philosophie auf das Familienleben, was gar nicht einfach ist, denn woher soll ich wissen, was gut für mich und meine Kinder ist? „Für viele Mütter und Väter ist der Begriff der elterlichen Verantwortung heute unklar“, sagt sie. Die Welt erscheine den Menschen zugleich offen und bedrohlich. So entstehe Angst, die dazu führe, „dass wir unsere Kinder zu sehr behüten, zugleich aber notwendige Konflikte vermeiden, um den familiären Frieden nicht zu stören“. Dadurch wird Harmonie zum Selbstzweck – mit der Folge, dass Kindern eine klare elterliche Führung fehlt.

Doch Führung ist in einer Familie so unabdingbar wie in einem Unternehmen. „Kein Kind verfügt über den Erfahrungsschatz, den wir für unsere Entscheidungen brauchen, und deshalb ist es absolut folgerichtig, dass zu Beginn nahezu alle Entscheidungen den Eltern obliegen“, erklärt Cordula Stratmann – und findet es dementsprechend falsch, wenn Eltern ihr zwei Jahre altes Kind derart ernst nehmen, dass es selbst entscheiden soll, ob es klug ist, im Winter auf Socken das Haus zu verlassen. „Wer ein Kind zu früh in Entscheidungen verwickelt, beschädigt sein Ich-Gefühl und weckt in ihm Allmachtsfantasien, die es ihm später schwer machen, eine gesunde Selbsteinschätzung zu finden.“

Wobei, Abraham hätte seinen Sohn schon fragen sollen, was er davon hält, einen Opfertod zu sterben. Laut Bibel war Isaak nämlich bereits 37. Und der Vater 100 Jahre älter. Es ist anzunehmen, dass diese Geschichte im Alten Testament etwas überzogen erzählt wird. Aber, das kommt bekanntlich in den besten Familien vor.