Familie

Entdecke die Wirklichkeiten

Autor: Dirk Böttcher und Lea-Marie Kenzler |
Foto: Simon Landrein (Illustration)
Kurt Tucholsky war sich sicher: „Es gibt kein deutsches Normalgehirn, das bei dem Gedanken ‚Schweden‘ andere als angenehme, freundliche, gute Gedanken hätte.“ Heute scheint das immer noch so zu sein, etwa wenn es um Familienpolitik geht. Zu Recht?

„Man spürt hier sehr schnell, dass etwa die Männer in die Kinderbetreuung viel stärker involviert sind, in der Gesellschaft herrscht wirklich ein starkes Commitment“, sagt Rense Nieuwenhuis. Der gebürtige Holländer zog vor einigen Jahren für seine Professorenstelle nach Schweden. Heute führt er am Swedish Institute for Social Research an der Universität Stockholm nationale Vergleiche zu sozialer Ungleichheit, Genderfragen und Familienpolitik durch. „Ich beobachte zum Beispiel Kriterien wie den Anteil der Frauen im Topmanagement großer Konzerne, den Anteil der Vollzeitbeschäftigungen bei Frauen oder die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen – in allen Parametern liegt Schweden deutlich vor Deutschland. Auch der finale Indikator, die Geburtenrate, ist bei schwedischen Frauen höher als bei Frauen in Deutschland.“

Als einen der wichtigsten Gründe hinter diesen Werten nennt der Wissenschaftler das Thema Kinderbetreuung. „Schwedische Familien haben nicht nur ein Recht auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Geburtstag, sondern auch darauf, dass dieser in ihrer Nähe angeboten wird und bezahlbar ist.“ Ein Kindergartenplatz kostet nicht mehr als 140 Euro im Monat, inklusive Verpflegung. Der Standard ist laut Nieuwenhuis überall im Land auf dem gleichen qualitativ hohen Niveau, Ungleichheit durch das Einkommen der Eltern wird bei den Kindern auf diese Weise nahezu aufgehoben.


 


Durchschnittliche Geburten
pro Frau in Schweden: 1,9
pro Frau in Deutschland: 1,6
Anteil Teilzeitstellen bei weiblichen Beschäftigten
in Schweden 2016: 13,8 %
in Deutschland 2016: 22,1 %
Erwerbstätigenquote der Frauen
in Schweden 2016: 79,2 % (Platz 1 in EU)
in Deutschland 2016: 74,5 % (Platz 2 in EU)
Gender Pay Gap
in schwedischen Unternehmen: 11,8 %
in deutschen Unternehmen: 24 %

Nettoprozentsatz des Familieneinkommens, das für die Vollzeit-Kinderbetreuung ausgegeben wird:

in Schweden: 4,4
in Deutschland: 9,7
in Großbritannien: 33,8

Anteil der unter dreijährigen Kinder, die 2016 teilweise oder ganztags in institutionellen Einrichtungen betreut wurden:

in Deutschland 32 %
in Schweden: 51 %
in Island: 100 %

Bezahlte „Elternzeit“, die maximal für jedes Kind gewährt wird:

in Schweden: 480 Tage
in Deutschland: 420 Tage

Anteil von weiblich besetzten Führungspositionen

in schwedischen börsennotierten Unternehmen, 2016: 33 %
in deutschen Unternehmen, 2017: 29 %
Anteil weiblicher Vorstandsmitglieder in
Dax-Unternehmen, 2017: 13 %

Anteil von Frauen

im schwedischen Parlament: 44 %
in nationalen Parlamenten im EU-Durchschnitt: 28 %


Nordische Pioniere

Gleichwohl, auch in Schweden ist nicht alles rosig. So verzeichnet das Land durch verschiedene Faktoren wie die Zunahme der Migration einen Anstieg der wirtschaftlichen Ungleichheit. Ebenso gibt es in kaum einem anderen Land Europas derart viele Single-Haushalte und -Eltern wie in Schweden. „Aber“, so Nieuwenhuis, „im Umgang damit ist man dann auch wieder vielen anderen Ländern voraus.“ In der Gesellschaft und im Rechtssystem wird zum Beispiel vornehmlich das im Verhältnis 50 zu 50 geteilte Sorgerecht im „Wechselmodell“ präferiert. Fast 40 Prozent der schwedischen Scheidungskinder leben derzeit abwechselnd bei Mutter und Vater. In Deutschland liegt dieser Wert nur bei 15 Prozent. Für Nieuwenhuis hat dieses Modell Vorteile, da beide Elternteile dadurch die Möglichkeit haben, weiter ihrem Beruf nachzugehen und die Kinder zugleich enge Bindungen zu Mutter und Vater aufbauen.

Nieuwenhuis hebt die lange Tradition der Familienpolitik hervor: „Immerhin werden hier seit den Sechzigerjahren die Themen Familie, Kinderbetreuung oder Gleichberechtigung von Frau und Mann intensiv diskutiert und in eine moderne Familiengesetzgebung überführt.“ Auch andere skandinavische Gesellschaften haben das Thema Familie sehr viel früher als vergleichbar entwickelte Länder auf die politische Agenda gesetzt. Ein gutes Beispiel ist die Elternzeit für Väter, wie ein Blick nach Norwegen zeigt.

 

Elin Kvants von der Universität für Wissenschaft und Technik in Trondheim erforscht seit einem Vierteljahrhundert die Rolle der Väter in der norwegischen Gesellschaft. Genauso lange existiert dort die „Quota“, die Elternzeit auch für Väter, die Norwegen 1993 einführte. Schweden erließ bereits 1974 ein entsprechendes Gesetz. In Deutschland hatten bis 1986 nur erwerbstätige Mütter Anspruch auf das maximal sechs Monate gewährte Mutterschaftsurlaubsgeld. Dann räumte das sogenannte Erziehungsgeld erstmals beiden Elternteilen zunächst für zehn und ab 1988 für zwölf Monate einen Anspruch auf eine bezahlte Erziehungsauszeit ein. Vor Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 nahmen aber nur 3,5 Prozent der Väter dieses Angebot wahr. Dagegen stieg der Anteil der Väter, die hierzulande die nun geltende Elternzeit nehmen, auf mehr als ein Drittel. Ein Grund wird die Heraufsetzung der monatlichen Leistung von 300 auf maximal 1800 Euro sein.

In Norwegen erhalten Väter in der 15-wöchigen Elternzeit 100 Prozent ihres Lohnes vom Staat weiterbezahlt. „Die einstige Ausnahme, dass Väter für die Betreuung der Kinder zu Hause bleiben, ist zur neuen Normalität geworden“, berichtet Elin Kvande. „90 Prozent der Väter nehmen diese Auszeit an. Sie wird sogar als ein Recht eingefordert. Das Modell, doppelte Karriere, doppeltes Einkommen und doppelte Betreuung, hat sich durchgesetzt. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung, Studien zeigen zum Beispiel, dass Väter und Kinder durch diese gemeinsame Zeit festere Bindungen aufbauen, ein weiterer positiver Effekt ist, dass Frauen dadurch eher wieder ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen können.“

Glückliche Steuerzahler

Sogar unter den Topmanagern nehme die Bereitschaft zu, sich um die Betreuung der Kinder zu kümmern und dafür einige Zeit aus dem Beruf auszuscheiden. „Ich glaube, dass es wichtig ist, wenn der Staat Regelungen vorgibt“, sagt Elin Kvande. „Nur so erreicht man schnelle Veränderungen, weil etwa die jungen Väter nicht mit ihren Vorgesetzten diskutieren müssen, ob sie gehen können. Sie tun es einfach – und das Unternehmen hat die Kosten dafür nicht zu tragen.“

Nun könnte man einwerfen, dass es einem Land wie Norwegen mit seinen Öl-Milliarden eben auch leichter als anderen, weniger von ihren natürlichen Ressourcen verwöhnten Staaten fallen wird, sich einen derart opulenten Wohlfahrtsstaat zu leisten. Ein Argument, auf das Elin Kvande nur gewartet zu haben scheint: „Schauen Sie doch nur auf Island oder Schweden, die haben kein Öl und leisten sich trotzdem einen Staat, der Familien unterstützt und die Gleichberechtigung von Frau und Mann fördert.“ Die Basis für diese Wohltaten sind die Steuern. „Die Menschen sind bereit, dafür einen hohen Anteil ihres Einkommens abzugeben, weil sie Vertrauen in den Staat haben. Sie wissen, sie kriegen etwas zurück.“ In Skandinavien würde man überdies selten von den Kosten der Familienpolitik reden, sondern von Investitionen – und die scheinen sich zu lohnen. Berufstätige Frauen steigern das Bruttosozialprodukt, eine funktionierende staatlich subventionierte Kinderbetreuung ist nach dieser Logik nichts anderes als eine kluge Investition in das Wirtschaftswachstum.

Halbe Wahrheiten

Es gibt aber auch im Vorzeige-Norden Abweichler: Dänemark etwa schaffte die Vaterzeit wieder ab, offiziell, weil sich der Staat nicht in die Belange der Familie einmischen will. Entsprechend niedrig liegt in Dänemark der Anteil der Väter, die sich um die Erziehung der Kinder kümmern.

Auch die Ökonomin Anita Nyberg von der Universität Stockholm schränkt die nordische Musterschülerrolle etwas ein: „Zwar diskutiert die Regierung gerade, die Elternzeit für Väter von drei auf fünf Monate zu erhöhen, zur Wahrheit in Schweden gehört aber auch, dass die Männer zwar größtenteils die drei so genannten Vatermonate in Anspruch nehmen, die Frauen aber eben auch die verbleibenden 13 Monate zu Hause bleiben. Damit übernehmen die Männer immer noch weniger als ein Drittel der gesamten Elternzeit, außerdem sind die Frauen nach den Vätermonaten meist allein mit den Kindern, während die Väter in ihrer Auszeit die Frauen an ihrer Seite haben.“ Ebenso sei auch in einem modernen Land wie Schweden gesellschaftlich keineswegs akzeptiert, würde etwa die Mutter nur eine dreimonatige Auszeit nehmen und dann wieder arbeiten.

 

Das Ziel der Politik seit den Sechzigerjahren, dass mehr Frauen arbeiten gehen und mehr Männer sich um die Kinder kümmern können, betrachtet Nyberg als erreicht, wenn auch mit einem Beigeschmack: „Es gibt das Paradox, dass die Gleichberechtigung ausgerechnet dann am besten funktioniert, wenn Paare in Scheidung leben. Die 50-zu-50-Aufteilung der Kindeserziehung erlaubt es beiden Elternteilen, sich neben dem Kind auch auf die Arbeit zu konzentrieren.“

Zu tun gebe es aber auch in Schweden weiterhin noch reichlich. Ein großes Thema sei zum Beispiel die Besetzung von Führungspositionen. „Statistisch gesehen, sind Frauen mittlerweile häufig besser ausgebildet als Männer. Nur erlangen trotzdem immer noch zu wenige Frauen auch Positionen im Topmanagement“, sagt Nyberg.

Dass sich auch ein Land wie Schweden auf den erreichten Erfolgen nicht ausruhen darf, zeigte der aktuelle Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums. Seit 2006 war Schweden darin nie schlechter als Platz vier. Zuletzt aber rutschte man erstmals auf den fünften Platz ab, hinter Island, Norwegen, Finnland – und Ruanda.