Frauen

„Als Unternehmerin denke ich in Generationen“

Autor: Lisa Giesing |
Foto: Haniel Archiv
Ein Gespräch über Kaufmannsgeschick und das heutige „Frauseyn“. Eine Zeitreise: „Die Wittwe des verstorbenen Kaufmanns Haniel bittet allerunterthänigst um Überlaßung eines Niederlage Platzes am Ruhrstrohm.“ Mit diesem Gesuch hat sich Aletta Haniel, Geschäftsführerin der J. W. Haniel seel. Wittib, am 31. März 1800 an Friedrich Wilhelm III., König von Preußen, gewendet – mit Erfolg: Vor wenigen Tagen erhielt sie per königlichem Erlaß die Zustimmung, am Ruhrorther Hafen einen neuen Lagerplatz für ihre Kohlen- und Eisenwarenhandlung zu bauen.

Werthe Frau Haniel, in Ihrem Brief an den König beklagen Sie, daß Ihnen als Entrepreneurin und zudem Wittwe mit vier Kindern keine Unterstützung zu Theil wird und Neid und Misgunst Ihre Bemühungen untergraben hätten. Wie kommen Sie zu dieser Behauptung?

Vor vier Jahren wurde unser Packhauß, das von meinem Vater in Ruhrorth erbaut wurde und dem Zwekke der Waarenlagerung diente, durch einen neugebauten Damm vom Canal und damit auch vom Ruhrstrohm getrennt – ein großer Nachtheil gegenüber anderen ansäßigen Kaufleuten. Um eine neue Niederlage am Hafen zu erhalten, habe ich zunächst mehrmalig bey der Clevischen Krieges- und Domainen Cammer geklagt. Doch alle meine auf Recht und Billigkeit gegründeten Gesuche wurden abgeschlagen und ich in Gefahr versetzt, meine ganze Handlung allmählig zu verlieren. Um das Erbe meiner Kinder zu wahren, habe ich mich an die höchste Instanz gewendet. Mein Vertrauen in die bekannte Gerechtigkeitsliebe unserer Königlichen Majestät wurde nicht enttäuscht.

Nach dem Tod Ihres Mannes 1782 führten Sie den hiesigen Speditionshandel zum allgemeinen Beyfall und Nutzen weiter. Doch statt mit Wein und Kolonialwaren, wie Caffe, Zucker und Gewürzen, zu handeln, setzten Sie nun auf Kohlen und Eisenwaren – warum?

Ich mußte erkennen, daß die von meinem Manne begonnenen Gewerbe nicht mehr in die Zeit passen. Dieser Tage sind es andere Waaren, die allgemeynen Nutzen bringen: Denken Sie nur daran, was die Dampfmaschine in England für Änderungen mit sich bringt – statt mit Pferden fahren einige Wagen dort mit Kohle. Maschinen, beispielsweise Webstühle, funktionieren wie von Geisterhand. Weil Kohle als Antrieb und Brennstoff vielerorts gebraucht wird, habe ich mir eine Handlung aufgebaut.

Rund zwei Jahre später haben Sie auch die Spedition von Eisenwaren übernommen. Wie kam es dazu?

Durch einen Hinweis meines geschätzten Bruders. Gerhard war damals Kreiseinnehmer im Hüttengewerbe und berichtete mir, daß den hiesigen Hütten Spediteure fehlen. Daraufhin habe ich die verantwortlichen Herren um Geschäftsbeziehungen gebeten; aus diesen ging 1792 ein Exportgeschäft hervor: Für die Osterfelder Hütte „St. Antony“ und die Sterkrader Eisenhütte „Gute Hoffnung“ übernahm ich die Spedition von Munition, Bomben, Haubitzen und Kugeln, die an Österreicher und Franzosen verkauft werden.

Auch Helene Amalie Krupp führt im benachbarten Essen die Handlung ihres Gatten weiter. Dabei ist es doch wohl wider die Natur der Frau, sich solchen geschäftlichen Angelegenheiten zu widmen!?

Als Töchter aus Unternehmerfamilien haben wir Geschäftssinn und Kaufmannsgeschick bereits in die Wiege gelegt bekommen. Ich begleitete als junges Mädchen meinen Vater auf Geschäftsreisen und erlernte so ein Verständnis für das Kaufmannsgeschäft. Natürlich ist mein Leben als Unternehmerin auch den traurigen Umständen geschuldet, dennoch ist es mir lieber, als meine Zeit mit dem Schreiben von Romanen und Gedichten zu verthun, wie es derzeit en vogue ist.

Daß Sie eine Frau mit Tatkraft, ja sogar Muth sind, haben Sie bereits als 16-Jährige unter Beweis gestellt…

Sie spielen auf eine Begebenheit während des Siebenjährigen Krieges an: Mein Vater Jan Willem Noot, der zweite BürgerMeister von Ruhrorth, geriet in französische Gefangenschaft. Am 1. Oktober 1758 besuchte uns der Oberbefehlshaber der französischen Niederrheinarmee mit einer Gruppe von Offizieren. Diese ermunterten mich, die Freilaßung meines Vaters zu erbitten. Ich ging demnach zum Oberbefehlshaber und trug ihm meine Bitte vor. Dieser nahm meine Hand und forderte als Gegenleistung einen Kuss. Ich ließ es geschehen, und mein Vater kehrte als freyer Bürger zurück.

Damals haben Sie mit den Waffen einer Frau gekämpft! Sind diese auch heute für Ihren Geschäftserfolg von Vortheil?

Gewiß. Aber ebenso kam mir damals zugute, daß ich fließend Französisch spreche und Verhandlungsgeschick besitze. Meine Eltern haben großen Werth auf eine gute Ausbildung gelegt, beispielsweise war ich in meiner Jugend zwei Jahre im Pensionat in den Niederlanden. Auch meine Söhne erhielten bereits im zarten Knabenalter eine Ausbildung in Lesen, Schreiben und Orthographie – ebenso wie in Französisch, Musik und Tanz.

Inzwischen sind Ihre Söhne Gerhard und Franz seit vier Jahren in der J. W. Haniel seel. Wittib beschäftigt. Welche Pläne verfolgen Sie für ihre Zukunft?

Als Unternehmerin denke ich in Generationen. Ob unser Geschäft weiterhin erfolgreich ist, hängt in Zukunft vom kaufmännischen Geschick meiner Söhne ab. Deshalb habe ich sie früh an das Geschäft herangeführt und sie auch in andere Häuser geschickt, aufdaß sie neue Einblicke erhielten. Nun, da Gerhard und Franz im geschäftsfähigen Alter sind, integriere ich sie zunehmend in das Unternehmen. Besonders Franz, mit 20 Jahren mein Jüngster, besitzt einen starken Unternehmergeist und kaufmännischen Ehrgeiz. Er läßt mich auf eine gute Zukunft hoffen.


Aletta wurde 1742 in Orsoy bei Moers als zweites Kind des preußischen Zoll- und Lizentbesehers Jan Willem Noot und Johanna Catharina Erckenswicks, Tochter einer angesehenen Tuchmacherfamilie, geboren. Mit 19 Jahren heiratete sie den Duisburger Kaufmann Jacob Wilhelm Haniel. Als ihr Vater 1770 starb, stieg Aletta gemeinsam mit ihrem Ehemann ins Speditionsgeschäft ein und zog ins Ruhrorter Packhaus. Ihr Leben war geprägt von vielen Schicksalsschlägen: Von den elf Kindern starben sieben früh, nur vier erreichten das Erwachsenenalter. Als Aletta mit 40 Jahren Witwe wurde, führte sie das Unternehmen alleine weiter; erst mit 67 Jahren übergab sie das Geschäft an ihre Söhne Gerhard und Franz. 1815 starb Aletta im Alter von 73 Jahren.