Frauen

Im Oma Mama Tochter Land

Autor: Andreas Hilmer |
Foto: Steffen Honzera
Sie verdienen ihr eigenes Geld und vererben einander Ihren Grund. Andere Aufgaben erledigt ein Quotenmann für sie. Bei den Minangkabau im Westen Sumatras haben die Frauen ganz schön die Hosen an. Wir haben in eines der letzten Matriarchate – zwei Männer geschickt.

Es gibt Reis auf Sumatra. Viel Reis. Und er macht satt. Und er macht reich. Vor allem das weibliche Geschlecht. „Seht nur, alle diese Felder gehören unseren Frauen“, ruft Lhambo, unser Begleiter, fassungslos, als wir eine Landstraße nahe der Provinzstadt Bukit Tinggi herunterfahren. Er will uns zu den wohlhabenden Frauen Sumatras führen und erklärt schon mal, was er davon hält: „Wir Männer ernten den Reis und arbeiten für die Frauen, oft mitten in der prallen Sonne. Dort hinten schleppen einige Männer sogar Steine – wir dürfen uns aber kein eigenes Haus bauen! Das zu sehen macht mich irgendwie total traurig!“

Lhambo – 31 Jahre alt, gut genährt, Manchester-United-T-Shirt, Militärhose, Turnschuhe, Spiegelsonnenbrille: ein vorzeigbarer Macho – schüttelt immer wieder ungläubig den kahlen Kopf: „Sagt doch selbst: Wenn durch eine uralte Regel alles die Frauen erben und wir Männer schuften und schuften, aber arm bleiben – ist das gerecht?“ Wir sind unterwegs zum Volk der Minangkabau. Ein Volk, das in weiblicher Linie vererbt: Man erkennt das am Wehklagen der Männer!

Es regnet kurz und heftig hier, im Distrikt Kamang. Der Reis blüht. Zwei Ernten im Jahr. Ein Feld – ein Vermögen. 100 Familien leben im Distrikt, knapp 500 Menschen, durch Geburt und Hochzeit eingeteilt in drei mächtige Clans mit jeweils einem weiblichen Sippenvorstand. Und der wird abgeschirmt. Deshalb warten wir auf unseren Kontaktmann. Eine ältere Frau, langer Batikrock, fein besticktes T-Shirt und Flipflops, kommt auf uns zu, als sich herumgesprochen hat, dass wir uns für ihre Kultur interessieren: „Es geht bei uns vor allem um den Boden. Wir Frauen besitzen das Familienland, und das dürfen wir nie verkaufen“, erklärt sie das System. „Frauen bestimmen bei uns aber nicht alles. Ihnen wird nur eine privilegierte, geschützte Position eingeräumt, dann kann sich die Gesellschaft besser entwickeln. Männer würden zu oft streiten.“ Sie strahlt uns an. Wir sollten aber ein andermal wiederkommen, einlassen könne sie uns gerade nicht, ihr Mann arbeite auf dem Feld der Mutter.

Nach westlicher Lesart ist es ein lupenreines Matriarchat. Frauen führen. So heißt es auch in einschlägiger Literatur über die Minangkabau von Westsumatra. Eine amerikanische Ethnologin hat jahrelang in der Region geforscht. Auf 267 Seiten beschreibt sie den Alltag: „matrilinear, matrilokal und Kreuz-Basen-Vettern-Heirat“. Für Nicht-Ethnologen: Wer erbt das Land, wer zieht zu wem ins Haus, und wie wird geheiratet? Zentrale Fragen. Und alles eben immer mit Gefälle zur Seite der Mutter. „Frauen sind der Anfang“, sagt man uns beim Tee, beim Tanken, beim Kaufmann an der Ecke. Vieles hier werde in „Päpata-Petiti“ abgesprochen, einer uralten Geheimsprache. Es ist die Sprache der Versöhnung der Frauen. Richtig erklären kann man und will man sie nicht. Unser Wagen rollt über eine rostige Eisenbrücke, es geht durch malerische Dörfer: Frauen sitzen gemütlich auf Bänken herum. Frauen stehen lachend zusammen. Frauen fahren mit nagelneuen Motorrollern umher. „Ba“, ruft uns eine Dame zu, „Bu“ rufen wir zurück: Bu, Ba, Bu! Auch bei der Grußformel unterscheidet man zwischen Männern und Frauen. Und der Mann muss bei der Hochzeit zu seiner Frau ziehen. Die Anführerin jedes Familienclans lebt dann mit ihrer ganzen Sippe weiblicher Abstammung im Ahnenhaus zusammen: die Schwestern und deren Familien, ihre Töchter samt Familien und alle Kinder. Und: einer ihrer Brüder. Eine feministische WG aus mehreren Frauengenerationen – beschützt von einem starken Mann mit dem Ehrentitel „Phengulo“. Der ist ihre rechte Hand, regelt alles, was zu regeln ist. Mit ihrem Geld. Er erzieht auch die Kinder. Die Ehemänner, Väter, kommen eher mal zu Besuch.

Der Mann pendelt quasi zwischen seiner Frau und der eigenen Mutter. Er muss beiden gut sein. „Es ist eben bei uns nicht leicht, ein Mann zu sein“, sagt unser Begleiter Lhambo, während wir in einen engen, von Palmen gesäumten Feldweg einbiegen. „Du musst drei Dinge in Balance halten: arbeiten für deine Frau, für deine Mutter immer da sein und dann noch versuchen, dir selbst was Eigenes aufzubauen – denn du erbst ja nix. Du musst quasi alles abgeben in deinem neuen Clan, in den du hineinheiratest. Es ist total unfair!“ Es scheint aber zu funktionieren.

Die Minangkabau leben gut auf der 50 Kilometer langen Hochebene: Geräumige, moderne Steinhäuser reihen sich aneinander, Autos parken daneben. Es herrscht ein fair verteilter Wohlstand. Matriarchat sieht hier aus wie Mittelstand. Wir stehen vor einer Art Holzpalast. Im Fenster tauchen Schatten auf: Frauenblicke unter schneeweißen Kopftüchern. Der Kontakt fällt auch hier nicht leicht. Fahrer, Dolmetscher, der Onkel an der Straße, der Bruder an der Tür: Es sind meist Männer für uns zuständig. Und immer gibt es großes Palaver. „Du musst wissen“, zieht uns der gestrenge Bruder der Clanchefin ins Vertrauen, „unsere Frauen sind der Schlüssel zu allem, sie haben das Geld. Wenn du einen Fremden an sie ranlässt, dann ist es, als ob du deinen Safe öffnest.“

Dann die Audienz, das Matriarchat lässt bitten. Ein Gehöft wie im Bilderbuch: das Sippenhaus auf Stelzen, vor einem Jahrhundert erbaut, mit vielen Fenstern. Altes Tropenholz, bunte Ornamente. Die Entenform zum Beispiel. „Sie bedeutet: Folge der Mutter, wie es die Enten tun“, erklärt eine kleine Frau mit Nickelbrille. Sie stellt sich als eine Tochter vor. Und im Eingang: weit geschwungene, feine Linien einer Blume. „Das Symbol für die Schönheit der Frauen“, wie eine andere Tochter erläutert. Ihr ist das obligatorische Kopftuch weit nach hinten gerutscht. Die ganze Architektur: ein Zeichen weiblicher Vormacht. Über allem fünf hohe Spitzbögen: das berühmte Dach der Minangkabau. Ein Haus wie eine Pagode; eine Dschunke in den Wolken. Die Dachform ist den Hörnern ihrer Wasserbüffel nachempfunden. Es ist ihr Markenzeichen. Die Legende sagt, ein kleiner, listiger Wasserbüffel hätte das Land gegen einen riesigen Büffel aus Java verteidigt. Mit langen, messerscharfen Hörnern.

Die alte Clanchefin, die den Ehrentitel Bundo trägt, keine ein Meter sechzig groß, im edlen geblümten Kleid, eine wärmende Stickjacke um die Schultern, reicht uns die Hand. Sie lächelt milde, als hätte sie schon oft das Frauensystem erläutert. Sie hocken im Kreis, wir werden aufmerksam gemustert. Wie viele zu ihrer Sippe gehören? Ratlosigkeit. „Da hinten ist ein Foto, zählt mal selbst nach“, lächelt sie jeden Rechercheversuch hinweg! Rechnet man eigentlich die Männer mit zum Clan? Zu wem genau gehören welche Kinder? Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag? Fragen, die sich hier nicht stellen. „Deine Fragen sind respektlos“, fährt mich Lhambo leise an. Er schwitzt. Übersetzen ist ihm plötzlich peinlich. Ihm und den anderen Männern sind solche Themen eher unangenehm. Streit liegt in der Luft. Die Höflichkeit aber siegt. Die Rolle der Frau an sich? Und wann Frauen hier was entscheiden? Minutenlang reden plötzlich alle durcheinander. „Frauen sind bei uns ja mehr als gleich! – Wenn der Mann einen guten Charakter hat und hart arbeitet, dann behandeln wir ihn auch gut! – Der Mann pflanzt den Baum, die Frau aber pflückt immer die Frucht!“ Es ist oft schwer für uns klarzumachen, dass wir auch mal die Meinung der Frauen hören wollen. Dann sagt die greise Clanchefin wenig und doch so viel: „Wir Frauen nutzen eher mal das Gefühl, die Männer meist nur ihre Kraft, um Macht auszuüben. Das sollte sich aber ergänzen.“ Fühlt ihr euch denn überlegen, stark? „Na ja, uns gehört das Land. Wenn der Mann stirbt, hätten wir Frauen ja sonst gar nichts.“ Die Jüngste, sie trägt Zahnspange, spricht ein wenig Englisch, massiert Großmutter unaufhörlich die Beine. Dann gibt es Tee und Bananen. Eine riesige Keksschachtel macht die Runde. Etwas später ist die Bundo an der zentralen Holzsäule gemütlich und in Ehren eingenickt.

 

Minang-Kabau Kultur West Sumatra

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Steinhäuser, Autos: Matriarchat sieht aus wie Mittelstand

Die 16-jährige Enkeltochter führt uns durchs Dorf. Hier die Moschee, dort der Fluss, und da hinten auf dem Feld ein Grabstein der Uroma: „Wo der Geist der Ahnen weht, will niemand das Land abkaufen, niemand bedrängt uns. Wir können es behalten“, lächelt sie. Mittagszeit. Die Äquatorsonne brennt herunter. Es gibt Ei im Büffeldarm mit Reis, eine Spezialität im Lande der Minangkabau: Serviert wird auf einem Blatt, gegessen mit der rechten, der reinen Hand. Tisch und Stühle in einer Ecke sind eher Statussymbole – gegessen wird auf dem Boden. Schließlich erklärt eine Tochter – wie zur Ehrenrettung der Männer – die wichtige Rolle des „Datuk“, des Dorfbürgermeisters: ein erfahrener, meist eloquenter und mächtiger Ehrenmann, den immer genau 40 Familien für ihre Region auswählen. Im Konsens allerdings, bis alle einig sind.

Lhambo drängt zum Aufbruch. Wir sollen noch einen besuchen, der am besten weiß, wie das kam mit den Frauen, den Feldern und der Macht: Ramli Sultan mag schon 60 sein, ein drahtiger Mann, seine weißen Zähne blitzen. Er ist Heiler, Schamane, Imam. Er schaut aus hellwachen Augen auf seine einzigartige Kultur. „Unsere Vorfahren kamen vor Jahrtausenden mit Schiffen von Ceylon, sie legten am Vulkan Merapi an, der damals so klein war wie ein Ei. Das Wasser ging – daraus entstand dann unser Land.“ Wie sanft und schön er den Schöpfungsmythos vorträgt. Und wie furchtbar er dazu raucht! Kette. Alle Männer hier rauchen – immer und überall. Er spuckt Tabak in eine Schale: Wir achten mit den Frauen den Mutterschoß, fährt er fort. „Ihre herausgehobene Position ist unser Schutz.“ Das alles gibt der „Adat“ vor, das uralte Normensystem der Minangkabau. „Das Leben einer Gesellschaft kann nur wachsen, wenn die Fruchtbarkeit, die Frau, gefördert, geschützt wird.“ Es ist also uralte Überlieferung, die das Matriarchat stützt. Diese Gesetze werden bestehen– auch gegen den eindringenden Islam.

Der nächste Tag, und wieder im Dorf: Bu, Ba; Bu, Ba! Wir sind wieder in den Bergen, am Ende der Straßen. Über uns ein aktiver Vulkan. Die freundliche Frau im Batikrock hat uns diesmal hineingebeten. Wir sitzen im Schneidersitz wieder vor einer Anführerin. Und fragen wieder Merkwürdiges: Wie passen Matriarchat und Islam zusammen? „Was soll sich da widersprechen?“ fragt die über 90-jährige Clanchefin ruhig zurück. Sie zupft ihre Wollmütze zurecht und jongliert mit einem pinkfarbenen Smartphone. Ihr mächtiger Bruder, er trägt eine Art Militärhose und beaufsichtigt die Arbeiter draußen, sei im Nebenjob sogar der Imam der Moschee. Der eine Onkel hier sei auch nicht zu seiner Frau gezogen, das ging irgendwie nicht. Und mitten im Dorf wohne gar eine Frau, die geschieden ist! Reisfelder behalten – der Ehemann wurde der Mutter zurückgegeben. Man arrangiert sich clever im Land der Minangkabaufrauen. Konsens, Streitvermeidung ist gesellschaftliches Prinzip. Das sei ja wie in einer guten Ehe, lassen wir übersetzen – da müssen alle Minangkabau herzlich lachen!

Heiraten: ein Thema für sich. Die schwierigste Entscheidung, das größte Fest. Das wollen wir erleben. Ein paar Kilometer entfernt: Die Braut ist schön und hundemüde. Seit Stunden trägt sie die fein vergoldete, einen halben Meter hohe Krone der Minangkabau. Rot ist ihre Hochzeitsfarbe, manche im Dorf sagen, es stehe auch für schwarze Magie. Die Nachbarn machen in feiner Seide ihre Aufwartung. Die Großfamilie des Bräutigams nimmt Abschied. Es sei aber die beste und beliebteste Konstellation, erfahren wir: Ein Mädchen heiratet des Mutterbruders Sohn! So wird die Familie „wieder zurückverbunden“. Es ist kein Inzest. Zwei unterschiedliche Clans knüpfen ein enges Netzwerk: „We kept the fish in the pond“, grinst der Vater mit traditioneller schwarzer Spitzkappe auf dem Kopf – der Fisch bleibt im Teich. Er wird zu ihr ziehen – und das Land bleibt in der Familie.

Alles strahlt heute. Gezuckerter Fruchtsaft wird gereicht, es gibt Büffelfleisch und Chilireis. Donuts und Gesang. Hauptakt aber ist: sich mit dem Hochzeitspaar fotografieren zu lassen. Zu viert, zu sechst – und alle. „Ich bin glücklich über so eine schöne Braut“, sagt Jojon, der 26-jährige Bräutigam. Melya, die ebenso junge Braut, balanciert auf goldbestickten Sandalen um die Plastiktische und lobt vor allem seinen guten Charakter. „Er ist ehrlich und arbeitet hart.“ Macht es denn einen Unterschied, ob Mann oder Frau anführt? Die Clanchefin stochert im Hochzeitskuchen und überlegt: „Männern geht es immer um Macht, die sie zeigen können. Frauen reicht es, wenn sie merken, dass ihre Entscheidungen gut waren!“

Heiraten? Lhambo wartet noch ab. Er traut dem Balanceakt zwischen Mann und Frau, zwischen uralter Minangkabautradition und Islam nicht recht: „Wenn ich hier heirate, dann behalte ich ja kaum mein Geld, mein Haus und mein Auto. Ich möchte den Kaffee ja nicht machen, ich will ihn lieber trinken!“ Lhambo hat momentan eine Freundin aus Java, der Nachbarinsel. Da ist ein Mann noch ein Mann.