Frauen

Mensch, Hirsch!

Autor: Joseph von Westphalen |
Foto: Frank von Grafenstein (Illustration)
Im Großen und Ganzen hat die Evolution ja vieles richtig gemacht, vor allem: Sie hat dem Mann das Geweih erspart. Man(n) stelle es sich bloß vor.

Sie hatte früher beim Frühstück immer mit ihm reden wollen und fand sein Zeitungslesen ätzend männlich. Jetzt liest sie auch – mehr als er und gründlicher. Sie liest ihm manchmal etwas vor, was er übersehen hätte. Das mag er gern. „Hier“, sagt sie, „hör mal: Restgröße Mann. Er schmiert in der Schule ab, er wird gewalttätig und bandscheibenkrank, und dann stirbt er auch schon recht bald. Der Mann, eine evolutionäre Sackgasse? Ein Unfall der Geschichte?“

Stammten sicher von einem Mann, diese albernen Fragen. Besser allerdings als das ständige originalweibliche Quotengezeter. Er zündet sich eine Zigarette an. „So ist es“, sagt er, „ihr Frauen seid fitter, zäher, klüger, ihr lebt länger, euer mütterlicher Selbsterhaltungstrieb ist gut ausgebildet – ich bin ziemlich sicher, dass ihr rechtzeitig ein Artenschutzgesetz macht, wenn es mit uns Männern dahingeht. „Vor allem nichts ernst nehmen“, höhnt die Ehefrau.

„Was die Evolution betrifft, hätte es schlimmer kommen können“, sagt er in seine Sportseite und erklärt: Wenn die Menschheit nicht von den Primaten abstammen würde, sondern von den Hirschen oder Elchen, müssten die Herren schwere Geweihe tragen. „Ist doch toll, dass wir euch nicht mit solchem angeberischen Kopfschmuck auf die Nerven gehen.“

Sie gähnt. Typisch. Wie oft wird man als Mann der Fantasielosigkeit geziehen. Kaum aber lässt man den im martialischen Berufsleben angeblich verkümmerten Imaginationskräften freien Lauf, ist man der ermüdende Spinner. Das lässt sich der Mann von Welt nicht bieten, und er führt zur Strafe für ihr Desinteresse seine Evolutionsüberlegungen weiter aus: Was sich die Natur bei Geweihen der Hirsche gedacht hat, ist rätselhaft und auch traurig. Ganz schön plump manchmal, die tolle Schöpfung. Gegen das Geweih ist sogar die Erfindung der Faustfeuerwaffe, mit der nicht selten Rivalen niedergestreckt werden, einigermaßen vernünftig. Man muss nicht mit einem Gerät herumlaufen, das das Gewicht eines Kühlergrills hat, nur um eventuelle Nebenbuhler einzuschüchtern und in die Flucht zu schlagen.

Ein paar kleine, teuflische, im Bedarfsfall aus der Stirn wachsende Gämsenhörnchen, wie sie die Faune und der bocksfüßige Gott Pan tragen, wären allerdings manchmal ganz praktisch, um beim Zusammenkommen mit begehrten Frauen Paarungsgelüste anzumelden. Vielleicht aber wäre die Deutlichkeit doch zu derb, zu primitiv, zu griechisch, zu antik. Wenn Hörner deutlich von der Erregung künden würden, wäre der schöne Satz von Mae West nicht gesprochen worden: „Is that a gun in your pocket, or are you just glad to see me?“

Sie macht ein Gesicht, als würde sie denken: I’m not amused. Klar: Erektionswitzchen, durchaus derbe und bevorzugt solche über mangelndes männliches Stehvermögen, machen moderne Frauen untereinander liebend gern. Kommt aber ein Mann, und sei es der eigene, auf diese Auswüchse der Sexualität zu sprechen, ist er sofort ein Phallokrat. Die Frage, ob die Hirschkuh intelligenter ist als der mit dem lästigen Geweih herumröhrende Pascha, kann vorläufig nicht beantwortet werden. „Gut an den Geweihen und gerecht wäre es“, sagt sie, „dass die übelsten Großkapitalisten die kapitalsten Geweihe tragen müssten. Als simpler Zwölfender hat man noch keine Chance, die Chefetage zu betreten. 18 bis 24 Enden muss ein ordentliches Vorstandsgeweih schon haben. Der Preis für Macht und Millionengehalt.“ „Wie sähe es auf meinem Kopf aus?“, fragt er. Sie starrt ihn prüfend an und gibt keine Antwort.