Glück

Das Glücksperiment

Autor: Martina Ostermeier |
Foto: Birgit Lang (Illustration)
Eigentlich ist unsere Autorin ein Glückskind. Trotzdem wollte sie wissen: Wie viel Glück kann ich haben? Und wie lässt es sich optimieren? Eine Feldstudie in Sachen Glück - beim Lachyoga, im Glücksunterricht und beim Kuschelprofi.

Der Hahahahahaha-Effekt

Ich starte meine Versuchsanordnung mit einem Witz, von dem ich noch nicht weiß, wie ernst er gemeint ist: ein Lachyoga-Seminar. Das bedeutet: lachen – einfach so, ohne jeden Grund. Ich habe viel Gutes darüber gelesen: Es soll Stress abbauen, die Leistungsfähigkeit verbessern und das Immunsystem stärken.

Affe Lautsprecher Kommunikation

 

„Hallo, ich bin Gisela Dombrowsky“, begrüßt uns die Seminarleiterin und schiebt gleich das erste „Hahahahaha“ hinterher. Dieses gewollte Lachen werde ich an diesem Tag noch häufiger hören – und selbst mitlachen. Gerade denke ich nur: „Haha? Aha.“ Wir sitzen zu acht im Kreis. Da ist zum Beispiel Annika, Yogalehrerin und wie ich neu in der Lachgemeinde. Gilla hingegen hat Lachyoga schon vor längerer Zeit für sich entdeckt. Am liebsten würde die Grundschulrektorin selbst gleich einen Lachclub eröffnen.

Gisela – wir duzen uns hier alle – war Bankkauffrau, bevor sie Lachyoga-Seminare organisierte. Und mit ihrer randlosen Brille und dem kurzen, sorgfältig frisierten Haar wirkt sie durchaus seriös. Lange Jahre war sie sehr zufrieden mit ihrer Arbeit, bei der jedoch der Stress immer mehr zunahm, während der Spaß immer weniger wurde. Vor sieben Jahren zog sie einen Schlussstrich und wagte mit Mitte 50 noch mal etwas vollkommen Neues. So ist Gisela nun seit 2006 Gesundheitscoach und qualifizierte Lachyoga-Trainerin. Nach einer Atemübung, die unser Lungenvolumen vergrößert, erzählt sie uns von Dr. Madan Kataria, einem indischen Arzt, der das Lachyoga 1995 entwickelte. Die entscheidende Erkenntnis: Es ist nicht wichtig, ob wir echt oder gespielt lachen. Beides entspannt uns oder lässt uns sogar Schmerz vergessen. Schade nur, dass wir diese Chance so selten nutzen. Jeder erwachsene Deutsche lacht zehn bis 15 Mal am Tag; Kinder immerhin noch 300 bis 400 Mal.

Und das ist auch die nächste Übung: „Kopf abschalten und so unbefangen sein wie ein kleines Kind“, fordert uns Gisela auf – wir sollen uns jetzt zum „Schimpansen“ machen. Sie springt durch den Raum wie ein Affe, trommelt sich auf die Brust und kratzt sich am Kopf – begleitet von einem Dauerlachen. Gilla, Axel und Barbara als erfahrene Lachyogis steigen sofort mit ein. Doch so albern das auch aussieht, wird nach nur wenigen Minuten aus meinem gespielten Lachen ein echtes. Als Gisela die Übung mit mehrmaligem „Hoho-hahaha“ beendet, tun mir nicht nur zum ersten Mal an diesem Tag meine Gesichtsmuskeln weh, sondern ich fühle mich auch seltsam gelöst.

Meinen persönlichen Höhepunkt erlebe ich nach der Mittagspause beim sogenannten Aloha-Lachen. Wir stehen im Kreis, laufen und bücken uns dabei; anschließend führen wir die Arme mit einem „Alooooo…“ in die Höhe und lassen sie mit einem schüttelnden Lachen wieder fallen: „…hahahah“. Und noch mal: „Alooooo-hahahah“. Ich lache und lache und kann gar nicht aufhören. Während mir die Tränen über die Wangen laufen, stelle ich staunend fest, wie sich innerhalb weniger Stunden eine unglaubliche Vertrautheit zwischen uns Lachyogis entwickelt hat. Zum Schluss liegen wir Kopf an Kopf im Lachstern zusammen. Langsam steigt das Lachen in uns auf, bis es in Wellen durch den Raum schwappt. Bei der Entspannungsübung danach wird mir ganz warm, mein ganzer Körper kribbelt. Ein schönes Gefühl.

„Die Freude muss noch obendrauf“

Beim Lachyoga habe ich erfahren, dass Erwachsene viel seltener lachen als Kinder. Kein Wunder, vergeht doch vielen bereits in der Schule das Lachen. An der Gemeinschaftsgrundschule Oberforstbach bei Aachen wollte man das nicht länger hinnehmen und setzte eine „Glücksstunde“ auf den Stundenplan.

Glück Taucher Herzen

 

Unterrichtet werden die Kinder von der Tanz- und Ausdruckstherapeutin Katja Reuter. „Es geht vor allem darum, Körper und Gefühle wahrzunehmen“, erklärt sie mir. Wie ein kleiner Junge, der mal im Unterricht beschrieb, was Liebe bedeutet: Der Junge streichelte ihr über den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange: „Das ist, wenn kleine Herzen durch die Luft fliegen.“ Die Fähigkeit, positive Gefühle zu beschreiben, ist nicht selbstverständlich.

„Oft fallen uns nur negative Dinge ein“, so Reuter. „Gelingt es uns aber, an das Positive zu denken, sind wir auch bereit für Neues.“ Nach und nach treffen die Viertklässler ein. Katja Reuter macht Musik an. Gemeinsam springen wir vor und zurück, klatschen in die Hände und wippen im Rhythmus der Musik. Bei unserer nächsten Aktion ist Konzentration gefragt. Die Kinder nennen es das Klötzespiel, Katja Reuter den Willensturm. Dafür legt sie zunächst eine Reihe von Karten auf den Teppich, auf denen Fähigkeiten wie Neugier, Mut oder Selbstbewusstsein stehen.

Jetzt verteilen die Mädchen und Jungen sieben Klötze auf dem Boden und ordnen sie den Eigenschaften zu, die sie besonders wichtig finden. Dann nimmt jeder von uns das Schnurende eines großen Netzes in die Hand, in dessen Mitte ein Haken hängt. Mit diesem „Kran“ sollen wir nun einen Turm bauen. Das heißt: Haken in die Schlitze der Klötze einfädeln, Klötze anheben, aufeinanderstapeln. Ich bin skeptisch. Doch die Schüler scheinen schon erfahrenere Turmbauer zu sein als ich. Schritt für Schritt bauen wir unseren Willensturm. Ist es Zufall, dass es bei der „Lust“ auf einmal ganz einfach geht? Gemeinsam schaffen wir tatsächlich auch den siebten und letzten Klotz.

Wir sind uns einig: „Die Freude muss noch obendrauf.“ Auf der Fahrt nach Hause denke ich an meinen Sohn, der nächstes Jahr in die Schule kommt. Ich wünschte mir, dass auch er in den Genuss eines solchen Glücksunterrichts käme. Bei dem es nicht nur um Leistung geht, sondern vor allem um seine Persönlichkeit.


Das Glück ist zum Greifen nah

Auf Kuschelpartys bin erst bei meiner Recherche aufmerksam geworden. Menschen, die sich einfach so zum Streicheln treffen? Davon habe ich noch nie gehört. Erst mal muss ich lachen. Dann rufe ich Shanti E. Morawa an. Er hat früher einmal als Personalentwickler für große Unternehmen gearbeitet, heute ist er in der Erwachsenenbildung aktiv. Seit 2005 lädt er zu Kuschelpartys ins Kölner Veranstaltungszentrum Tor 28 ein.

Herr Morowa, ist Kuscheln nicht etwas sehr Privates?

In unserer Kultur glauben das viele Menschen. Berührungen in der Öffentlichkeit sind tabu, vor allem unter Männern. Die Kuschelpartys schaffen einen Raum für körperliche Nähe – ohne dass dabei Grenzen überschritten werden.

Das klingt esoterisch. Haben Kuschelpartys etwas mit Religion zu tun?

Nein, für mich sind Kuschelpartys eher ein ethisches Konzept. Es geht ganz praktisch darum, Menschen dabei zu unterstützen, glücklich zu werden.

Finger Glück Computer

 

Kuschelpartys machen glücklich?

Na klar. Auf vielen verschiedenen Ebenen sogar. Mit kleinen, spielerischen Übungen schaffen wir etwa Vertrautheit. Ich ermutige die Anwesenden, bewusst Ja oder Nein zu einer Berührung zu sagen. Dabei geht es um Respekt. Außerdem wissen wir, dass bei liebevollen Berührungen der Körper das Hormon Oxytocin ausschüttet und so dafür sorgt, dass wir uns entspannen. Gleichzeitig produzieren wir weniger Cortisol, das als sogenanntes Stresshormon bekannt ist. Auf Kuschelpartys bin ich erst bei meinen Recherchen aufmerksam geworden. Menschen, die sich einfach so zum Streicheln treffen? Davon hatte ich noch nie gehört. Erst mal muss ich lachen. Dann rufe ich Shanti E. Morawa an. Er hat früher einmal als Personalentwickler für große Unternehmen gearbeitet, heute ist er in der Erwachsenenbildung aktiv. Seit 2005 lädt er zu Kuschelpartys ins Kölner Veranstaltungszentrum Tor 28 ein.

Aber das bekommt man doch auch beim privaten Kuscheln.

Was Sie bei uns finden werden: Ist die Stimmung in einer Gruppe von Vertrauen geprägt, steigert sich das Vertrauen auch zwischen den einzelnen Mitgliedern. Dadurch bilden sich neue, kleinere Gruppen. Bei unseren Kuschelpartys finden immer wieder Menschen zueinander, die sich außerhalb der Veranstaltung wiedertreffen – sei es, um gemeinsam zu wandern oder Rad zu fahren. Diese neuen Beziehungen und das gemeinsame Tun fördern ebenfalls unser Glück.

Was für Menschen kommen denn zu den Kuschelpartys?

Von alleinerziehenden Müttern und jungen Studenten über Ärzte und Therapeuten bis zu Unternehmensberatern und Bankern begegnen mir die unterschiedlichsten Menschen. Und auch altersmäßig ist alles dabei: Es kommen 18-Jährige genauso wie 80-Jährige.

Sie haben früher als Personalentwickler gearbeitet. Wären Kuschelpartys nicht auch dazu geeignet, das Klima in Unternehmen verbessern?

Nein. In Unternehmen gibt es formelle und informelle Hierarchien. Sie sind notwendig, damit der Betrieb funktioniert. Direkte körperliche Berührungen zwischen den Angestellten würden dieses System durcheinanderbringen. Das Glück in Unternehmen liegt an ganz anderer Stelle.

Nämlich? 

Mitarbeiter fühlen sich in einem Unternehmen wohl, wenn die Vorgesetzten ihre Arbeit schätzen und ihre Ideen ernst nehmen. Das schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre. Teamgeist lässt sich aber natürlich auch mit spielerischen Übungen stärken. Dafür braucht man aber immer ein Medium zwischen den Personen, etwa ein Seil, ein Netz oder ein paar Jonglierbälle.

Leichtfüßig in die Schwerstarbeit

Wochenende, die Sonne scheint: Ich liege im Gartenstuhl und denke über mein Experiment nach. Ich habe viel gelacht, hoch gestapelt im Glücksunterricht und mich über öffentliches Kuscheln unterhalten. Neben mir im Gras türmen sich die zahlreichen Glücksratgeber, die ich im Zuge meiner Recherche gelesen habe. „Werden Sie ein Bodybuilder des Glücks“, steht da.

Und manchmal scheint das Streben nach dem Glück Schwerstarbeit zu sein. Für glückliche Momente sollte ich zum Beispiel in andere Hobbys reinschnuppern. Puh, genau das habe ich ja vor Kurzem versucht. Immer mehr Menschen, die ich kenne, scheinen mit großer Leidenschaft klettern zu gehen. Da wollte ich diesem Sport auch noch einmal eine Chance geben – nach meinen ersten erfolglosen Versuchen vor mehr als zehn Jahren. Doch weiter als in den Sportladen kam ich nicht: Fünf Paar Schuhe habe ich anprobiert, und fünf Paar Schuhe haben einfach nur gedrückt. Und auch wenn ich weiß, dass Kletterschuhe nicht bequem sind, fand ich sie einfach nur unbequem! Dann bleibe ich lieber beim Yoga, das mache ich schon seit Jahren – und zwar barfuß.

Und nach meinem Experiment habe ich genug von schlauen Ratschlägen. Ich stehe auf und gehe an den See. Als ich auf das Wasser hinausschaue, denke ich an einen Satz, den mir Katja Reuter im Glücksunterricht mit auf den Weg gegeben hat: „Schon die Beschäftigung mit Glück macht glücklich.“