Glück

„Glücksgefühle sind nur ein angenehmer Nebeneffekt“

Autor: Manfred Spitzer
Ein Trick der Evolution: Der Hirnforscher Manfred Spitzer über chemische Prozesse, Lernen als Grundlage für Glück und die Frage, wofür man Geld ausgeben sollte, wenn man sich davon gute Laune erhofft.

Herr Spitzer, was passiert in unserem Gehirn, wenn wir glücklich sind?

Da muss man zuerst einmal unterscheiden: Es gibt den längerfristigen Zustand der Zufriedenheit, und dann gibt es kürzere Momente mit inneren Glücksgefühlen. Dies geht einher mit der Aktivierung bestimmter Hirnareale. Das hat man herausgefunden, als man Tieren die Möglichkeit gab, das Gehirn selbst zu stimulieren und Glückszustände herbeizuführen. Das führte dazu, dass die Tiere dies bis zu 2000 Mal in einer Stunde taten und so lange weiterführten, bis sie tot umfielen. Sie aßen und tranken nichts mehr vor lauter Glück.

Welches Zentrum steuert denn die Glücksgefühle?

Das wichtigste ist der Nucleus accumbens, ein kirschgroßer Knubbel, der tief in unserem Gehirn liegt. Wenn er aktiviert wird, produzieren die Zellen Endorphine und transportieren sie ins Frontalhirn, was uns – salopp formuliert – Spaß macht. Zusätzlich laufen Lernprozesse besonders schnell ab, wenn dieses Zentrum aktiviert ist. Es wird aktiv, wenn sich etwas Positives ereignet, das der Mensch noch nicht kennt. Es handelt sich also um eine Art Lernturbo, bei dem Glücksgefühle ein netter Nebeneffekt sind.

Wir versuchen also, immer wieder Neues zu erlernen, weil wir dieses Glücksgefühl spüren wollen?

Das Gehirn ist ja so gebaut, dass es stets lernt. Wenn ein kleines Kind versucht zu stehen und immer wieder hinfällt, schickt das Gehirn irgendwann so viele Detailimpulse an die verschiedenen Muskeln, bis es klappt. Wir brauchen die Wiederholung, um etwas zu lernen. Die Ausnahme: wenn etwas besonders Schlechtes passiert wie die Hand auf der heißen Herdplatte oder etwas sehr Positives wie das Auffinden sehr reichhaltiger Nahrungsquellen. Danach streben wir immer wieder.

Und dieses Streben kann wie bei den Tieren in Sucht umschlagen?

Es ist ja von vornherein nichts anderes als Sucht. Wir versuchen immer wieder, unseren Normalzustand auszutricksen und zu erhöhen. Wenn wir etwas essen, steigt unser Glückspegel um 50 Prozent an, beim Sex um 100 Prozent. Bei Drogen können das sogar 3000 bis 4000 Prozent sein. Was im Umkehrschluss leider auch heißt, dass den Süchtigen am Ende außer diesen Glücksmomenten alles egal ist.

Können wir das Glückszentrum manipulieren?

Sehr leicht sogar. Wenn Studenten in einem Fragebogen antworten, wie glücklich ihr gesamtes Leben verlaufen ist, urteilen sie viel positiver, wenn man dafür sorgt, dass sie auf dem Weg ins Labor zehn Cent gefunden haben. Man hat auch mal die Glücksgefühle von Lottogewinnern mit denen von querschnittsgelähmten Unfallopfern verglichen. Die im Rollstuhl waren schlecht dran, die Millionäre besser. Das Unglaubliche ist aber Folgendes: Nach einem Jahr befanden sich alle auf dem gleichen Level. Der Mechanismus ist nämlich der: Wenn man eine Million Euro gewinnt, ist vieles andere, was einem bislang Glücksgefühle verschaffte, nicht mehr wichtig. Und als Querschnittsgelähmter freut man sich riesig über kleinere Dinge.

Geld macht also nicht glücklich?

Ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen macht schon glücklich. In einer Studie fand man aber heraus, wofür man Geld ausgeben muss, damit es einen glücklich macht: Man muss es für andere ausgeben. So hat man in einer Firma Angestellte befragt, was sie mit ihren Boni gemacht haben. Wer sich von dem Geld selbst etwas gekauft hatte, war zwei Monate später nicht glücklicher als vorher. Wer es aber gespendet oder jemand anderem gegeben hatte, war danach viel glücklicher als vorher.