Glück

Mit Konfuzius in der Telefonkonferenz

Autor: Ralf Husmann |
Foto: Frank von Grafenstein (Illustration)
Nichts hat sich so rasant gewandelt wie unsere Arbeit. Statt Feierabend suchen wir Sinn und Synergien.

Genauso wenig wie Verheiratete bei „Ehe“ spontan an „Spaß“ denken, denken Angestellte bei „Büro“ in erster Linie an „Glück“. Das Glück ist immer woanders. Kafka arbeitete tagsüber in einer Versicherung – mehr muss man über Glück und Büro nicht wissen, auch wenn wir angeblich im Zeitalter des emotionalen Kapitalismus leben. Das heißt aber letztlich nichts anderes, als dass uns per Coaching, Meeting und Powerpointing eingebläut wird, nicht nur Erfolg zu haben, sondern dabei auch noch zu lächeln. Natürlich muss man zugeben, dass sich das Büro in den letzten Jahren erstaunlich gewandelt hat.

Ämter heißen heute Agenturen, Chefs verschwinden in flachen Hierarchien, und die meisten Manager sind durch Weiterbildungen mittlerweile kleine Psychologen geworden, die auf ihre Angestellten eingehen. Meist allerdings so, wie der Ökobauer eben auch auf seine Schweine eingeht und Massentierhaltung ablehnt. Glückliche Schweine schmecken besser, lassen sich teurer verkaufen und bringen mehr Ertrag. Letztlich ist es nur ein neuer Name für die alte Leier. Der Hausmeister heißt heute Facility Manager, ist aber nach wie vor dafür zuständig, Klopapier nachzufüllen. Die Urform des beliebten Projektmanagements ist im Ersten Weltkrieg entwickelt worden. Weit kann es mit dem Glück im Büro nicht her sein.

Ja, Büro macht nach wie vor schlechte Laune, da sind sich nach Feierabend alle einig. Früher wegen „der miesen Kollegen“ oder „der vielen Arbeit“, heute wegen Mobbing und Burnout. Auf Englisch klingt das alte Elend viel moderner. Früher brachte man sich Arbeit mit nach Hause, heute heißt das Home-Office. Hippe junge Menschen arbeiten gar nicht mehr im Büro, sondern im Park, am Strand oder auf einem Boot. Das suggerieren uns die Computer- und Telekommunikationsindustrie. Wir haben einfach kein Privatleben mehr, weil uns der Job dank moderner Technik nun einfach überall nervt. Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit löst sich langsam auf. Das Zauberwort heißt hier „lebenslanges Lernen“. Zu meiner Zeit versprachen einem die Lehrer noch auf Latein, dass man in der Schule nicht für die Schule, sondern fürs Leben lerne, was im Umkehrschluss hieß, irgendwann war man durch mit dem Quatsch. Heute ist kein Ende in Sicht.

Aber Büro ist nicht nur negativ. Es gibt auch Gründe, an das Glück im Büro zu glauben! Über ein Drittel aller Liebesbeziehungen beginnen hier! Die Grenze zwischen Mobbing und Büroflirt verläuft oft fließend. Was mit den Kollegen anzufangen gibt auch dem bereits erwähnten Satz „Ich hab mir Arbeit mit nach Hause genommen“ eine neue, positive Bedeutung.

Doch es muss ja nicht gleich das große Glück sein, das uns das Leben im Büro schöner macht. Manchmal können Sie selbst für das kleine Glück sorgen. Backen Sie für die Kollegen einen Kuchen, legen Sie Parfum auf, wenn Sie eine Frau sind, oder, wenn Sie ein Mann sind, halten Sie in Meetings einfach mal den Mund. Sie werden sehen, wie die Kollegen sich freuen! Und das ist zumindest ein Anfang.

Oder machen Sie zwischendurch mal eine kleine Zeitreise in ein Büro der Neunzigerjahre! Kippen Sie einfach alle eingehenden E-Mails ungelesen in den Papierkorb, und warten Sie ab, ob das irgendwem auffällt. Zur Not schicken Sie ein Fax. Nehmen Sie den Akku aus dem Handy! Sie sind heute mal verrückt und nur auf dem Festnetz zu erreichen. Ja, Sie googeln einen ganzen Tag lang einfach nichts! Was Sie nicht wissen, wissen Sie nicht. Sie sind 24 Stunden mal nicht flexibel. Sie werden sehen, wie gut das tut. Wir haben doch 1993 auch nicht auf Bäumen gelebt. Das geht schon. Das Glück liegt in den kleinen Dingen, sagt Konfuzius, und der hatte noch nicht mal ein Büro.


Ralf Husmann (+1964), Chefautor und Poduzent u. a. von „Die Harald Schmidt Show“, „De. Psycho“ und „Stromberg“. Daneben schreibt er Bücher, aktuell den Roman „Vorsicht vor Leuten“ und den nicht ganz ernst gemeinten Ratgeber „Die Kiste der Beziehung – wenn Paare auspacken“.