Glück

Optimisten aus Verzweiflung

Autor: Kostas Kalfopoulos |
Foto: Nikos Chrisikakis
Während das gesamte Land unter den Sparmaßnahmen leidet, begreifen junge Griechen die Krise auch als Chance. Enkelfähig traf Menschen, die gezwungen wurden, ihr Leben zu verändern – und so ihr Glück fanden.

Es ist ein schwülwarmer Sommertag in Athen, als Alexandra und Lyda Dialyna überlegen, wann sie das letzte Mal sorglos glücklich waren. Der Syntagma-Platz, an dem sich die Wut der Griechen regelmäßig in Demonstrationen entlädt, liegt nur einen Spaziergang entfernt, aber in der kleinen Wohnung der beiden Schwestern ist von der Krise kaum was zu spüren. Die beiden Frauen sind Zwillinge und nur dadurch zu unterscheiden, dass Alexandra längerer Haare hat. Auch in ihren Interessen ähneln sie sich: Alexandra studierte Theaterwissenschaften, Lyda Geschichte und Archäologie in London. Und sorglos, genau, das waren sie zuletzt vor drei Jahren, sie waren im Urlaub und genossen wie ganz Griechenland ganz arglos den Sommer vor der Krise. Danach kamen die Sorgen. Seit ihren Uni-Abschlüssen haben die beiden 29-Jährigen bisher vergeblich Jobs gesucht, da ihnen eben die Krise dazwischenkam, diese nationale Notstandslage.

Manche vergleichen die Situation in Griechenland mit der eines Patienten auf der Intensivstation, andere sprechen von einer Zerreißprobe, die verhängnisvoll für das Land ausgehen könnte. Das „Sorgenkind“ der Europäischen Union hat sich zu einem Problemfall entwickelt, der das Schicksal des ganzen vereinten Europas infrage stellt. Für Griechenland bedeutet es schlicht die größte Katastrophe der Nachkriegszeit, die sich über das ganze Land so flächendeckend wie ein Waldbrand ausbreitet; sie trifft besonders die Schwächeren, die Frauen, die Jugend, aber auch die Alten. So wie den ausgebildeten Önologen Stavros Koronaios, der auf Weingütern arbeitete, bevor ihn die Krise erwischte.

Der 59-Jährige ist ein leidenschaftlicher Schwimmer, der sich persönlich wenig aus Alkohol macht. Doch den kleinen Winzern ging es bald so schlecht, dass Koronaios als Weinexperte bei allem Sportsgeist nicht dagegen ankam. Sein Einkommen schrumpfte, während er immer wieder neue Steuern bezahlen musste, um für die Schulden seines Landes aufzukommen. So wusste er schnell, dass es für Griechenland und ihn so nicht weitergehen konnte. Als er auf einer Vernissage die beiden Dialyna-Schwestern kennenlernte, zögerte er nicht lange, sich auf ein neues Terrain zu wagen: „Wäre es in meinem Job weiter so gut gelaufen wie früher, als ich 15 Stunden am Tag schuften musste, hätte ich keine Zeit für Experimente gehabt“, gesteht Koronaios. Nun produzieren sie als Künstlerkollektiv Videos, von deren Erfolg in der Kunstszene sie selbst am meisten überrascht sind. „Gerade jetzt sollte man die Initiative ergreifen“, findet Alexandra: „Wir wollen uns kreativ gegen die Krise wehren und etwas gegen die Ohnmacht unternehmen.“

Es ist bezeichnend, dass besonders die jüngeren Griechen die Krise nicht nur nach persönlichen finanziellen Gesichtspunkten beurteilen, sondern vor allem nach moralischen, wenn man an Korruption, die griechische Mentalität und die eigene Hilflosigkeit denkt. Oder kurz gesagt: Jeder weiß, dass es nicht nur um Schulden geht, sondern auch um Schuld. Seit Kurzem arbeiten Koronaios und die Dialyna-Schwestern an einer Videoinstallation mit einigen Fabeln von Äsop. Besonders die Geschichte vom Hasen und der Schildkröte hat es ihnen angetan, in der die langsame Schildkröte den schnellen Hasen zum Wettrennen auffordert und ihn sogar besiegt – nachdem er aus Überheblichkeit beschließt, ein Päuschen einzulegen, und seine Führung kurz vor Schluss verliert, da er eingeschlafen ist. Die Moral der Geschichte: Wer sich anstrengt und hart arbeitet, kann jeden Wettbewerbsnachteil wettmachen, selbst wenn die Wirtschaftsleistung jedes Jahr um sechs bis sieben Prozent zurückgeht und die Jugendarbeitslosigkeit mittlerweile zwischen 40 und 45 Prozent liegt. Und dabei ergeben sich so ungeahnte und seltsam wirkende Allianzen wie die zwischen dem Weinexperten und den beiden Schwestern. Ihnen gehe es vor allem um Werte, beteuert Lyda. Der ältere Koronaios sei ihnen eine große Hilfe, weil er in der Lage sei, genau dies jüngeren Menschen zu vermitteln. Koronaios hingegen hebt die jugendliche Kreativität von Alexandra und Lyda hervor: „Die junge Generation zeigt einen neuen Weg für unser Land auf, mit Optimismus und einem frischen Blick auf die Realität.“

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Im Fall von Jiorghos Anagnostellis bestand diese Aussicht allerdings vor allem in der wenig frischen Erkenntnis, dass sein Leben nicht so weitergehen würde, wie er es sich eigentlich vorgestellt hatte.

Der 34-Jährige sitzt im Café Babouras in der Nähe der Akropolis vor einem alten grünen Kühlschrank, im selbst gezimmerten Bücherregal stapeln sich Romane. Anagnostellis arbeitet jetzt als Gastronom; der kräftige Mann mit Vollbart und Polohemd lässt seinen Laden keine Sekunde aus den Augen. Vor der Krise arbeitete er als Architekt und merkte so als einer der ersten, was da vor sich ging: „Bereits im Sommer 2010 mussten wir unser Büro aufgeben. Für notwendige Genehmigungen zum Bauen plagte uns die griechische Bürokratie jedes Mal geschlagene neun Monate.“ Der Wechsel fiel ihm leicht: „Bei beiden Jobs sind Teamarbeit und Arbeitsteilung wichtig“, sagt er, „dabei ist es egal, ob man einen Plan entwirft oder ein Café führt“. Es gehe ja immer um Budgetfragen, Kundenberatung und Service. Obwohl das Babouras auch an diesem Nachmittag ziemlich gut gefüllt ist, schaut Anagnostellis nur vorsichtig optimistisch in die Zukunft: „Ich verfolge eher realistische Ziele, was den Betrieb sowie meine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen angeht. Solche machbaren Ziele sollten sich auch der griechische Staat und die Politiker setzen“, findet er. Die Finanzämter etwa sollten aufhören, groß angelegte Reformen zu verkünden, die sie dann doch nicht umsetzen, sondern schlicht und ergreifend einfach anfangen, effizienter zu arbeiten.

Ein Thema, das die meisten seiner Gäste bewegt: „Fast die Hälfte sind arbeitslos oder auf der Suche nach Arbeit“, erzählt Anagnostellis: „Sie fühlen sich bei uns wohl, da wir sie nicht ausbeuten, wie es in vielen anderen Lokalen in Athen der Fall ist.“ Dennoch kommen auch genügend Touristen, die Anagnostellis dringend benötigt, um den Betrieb am Laufen zu halten. Trotzdem bleibt die Krise weiterhin ein unwägbares Risiko: Bei ausländischen Lieferanten sind häufig Vorauszahlungen in bar erforderlich, was für Anagnostellis jedes Mal ein großes Problem ist. „Ob wir es schaffen werden oder nicht, hängt aber hauptsächlich von uns ab“, meint er: „Die Krise zu überwinden heißt, dass wir trotz aller Schwierigkeiten zu besseren Menschen werden und uns auf unsere eigenen Kräfte verlassen müssen – und nicht auf den Staat.“

Wie das aussehen könnte, loten auch der 39-jährige Nikos Krokos und seine drei Jahre jüngere Schwester Katerina aus.

Ihr nach ihnen benanntes Lebensmittelgeschäft sticht inmitten der eigentlich so idyllischen Plaka heraus, dem historischen Stadtteil am Hang von Akropolis. Ganz bewusst haben die beiden Geschwister den alten Antiquitätenladen ihres Vaters hier als Kontrast zu all den kitschigen Postkartenläden drum herum umgebaut. Sie verkaufen nun ausgesuchte Feinkost wie Feta, Ouzo, Wein und Wurst, die sie von kleineren Bio-Genossenschaften beziehen. Dabei fiel die Entscheidung für ein Feinkostgeschäft nicht nur wegen der vielen Touristen auf der Plaka, sondern auch, weil sie „aus Erfahrung wissen, dass solche Geschäfte einer Rezession als allerletzte zu Opfer fallen“, bilanziert Nikos Krokos sachlich. Bei aller Nüchternheit ist es aber eine doppelte Herausforderung für beide. Es geht nicht nur um das Überleben, sondern auch darum, dem verkitschten und nicht mehr zeitgemäßen Griechenlandbild ein neues und positives Image gegenüberzustellen.

„Natürlich war es für uns beide schwierig“, erzählt Nikos und schenkt einem Freund kretischen „Tsikoudia“- Schnaps in ein altes Glas ein. Sie verkaufen auch noch Antiquitäten aus dem Bestand ihres Vaters, wie altes Spielzeug und Möbel. Die größten Schwierigkeiten waren mal wieder bürokratischer Natur, „man wird ständig mit der Starrköpfigkeit der Behörden konfrontiert“, sagt Nikos: „Die Sanierungspolitik hat eigentlich nichts Positives eingebracht, dafür sind die Politiker verantwortlich, aber auch ein Teil der Bevölkerung, die das Klientelsystem bereitwillig ertragen hat.“ Jetzt müsse man daran arbeiten, das hart getroffene Land konstruktiv und mit viel Optimismus neu zu gestalten. „Es geht um unsere Würdeund unsere Existenz.“

Auf Nikos’ nüchternen Ansatz in der kitschigen Postkartenidylle reagieren die Touristen meist sehr positiv: „Da ist viel Sympathie und Solidarität mit im Spiel.“ Für die rigorosen Sparaufl agen der Troika aus EU, EZB und IWF hätte keiner von ihnen Verständnis. „Wir alle, ob Produzenten, Unternehmer oder Konsumenten, müssen umdenken und die Ärmel hochkrempeln“, appelliert Nikos an seine Landsleute: „Die Politik soll sich ändern, aber auch die Mentalität der Leute.“ Glücklich oder zufrieden könne er jedenfalls nicht sein. Auch wenn er persönlich nicht von den Gehaltskürzungen und Sparmaßnahmen betroffen sei, leide er unter der enormen Übersteuerung, die die Troika dem griechischen Staat auferlegt habe. Als viel gerühmte Überlebenskünstler haben sich die Griechen schon häufig behauptet. So unbeschwert wie im letzten Sommer vor der Krise dürfte es jedoch lange nicht mehr werden.