Glück

Trautes Eisenheim

Autor: Sonja Hausmanns |
Foto: Bettina Engel-Albustin
Niedrige Backsteinhäuser mit dunkelgrünen Haustüren und blühenden Gärten – diese Idylle liegt im Herzen Oberhausens und trägt den Namen „Eisenheim“ – die älteste Arbeitersiedlung des Ruhrgebiets.

Franz Haniel ließ 1846 die Siedlung bauen, da die Arbeiter seiner Oberhausener Eisenhütte keine bezahlbaren Unterkünfte fanden. Mittlerweile gibt es im Pott keine Hütten mehr, und um die Siedlung wurde in den 1970er-Jahren ein erbitterter Kampf ausgetragen. Wir wollten wissen, wie es sich heute in dem einstigen Vorzeigeprojekt sozialen Wohnungsbaus lebt, und haben an ein paar Türen geklopft.

Der Professor

Dass Eisenheim heute noch steht, ist vor allem ihm zu verdanken: dem „Professor“, wie Roland Günter hier von allen genannt wird. Der Kunsthistoriker und Denkmalpfleger kam Anfang der 1970er-Jahre nach Eisenheim – ursprünglich, um die Siedlung vor ihrem Abriss zu dokumentieren. Damals galten Hochhäuser als Wohnraum der Zukunft, und die kleinen Häuschen der Eisenheimer waren den Stadtplanern ein Dorn im Auge. Noch heute rauft sich der 76-Jährige das schlohweiße Haar angesichts dieser Ignoranz. „Früher gab es in der Denkmalpflege ja nur Kirche, Burg und Schloss. Man muss aber die ganze Gesellschaft durchgehen und gucken, was man da spannend findet und was man in irgendeiner Form für die Zukunft anfassbar erhalten soll. Das war mein Konzept – und das basierte auf dem Grundgesetz!“ Denkmalpflege, so seine Überzeugung, stehe nämlich nicht nur Adel oder Kirche zu, sondern allen Menschen. Um die Siedlung vor dem Abriss zu retten, gründete er eine Bürgerinitiative – die sozusagen als Präzedenzfall bürgerlichen Aufbegehrens in die europäischen Sozialgeschichtsbücher einging. „Ich sagte: Ich kette mich hier fest, wie Wallraff, der in Athen so gegen die Militärdiktatur protestierte. Wenn die Bagger kommen, sollen sie den Professor da mal loskriegen.“ Der Schalk blitzt in seinen grauen Augen auf. „Die Sache war uns sehr ernst, aber wir haben auch einen Riesenspaß gehabt. Mussten wir auch. Man kann nicht Jahre verbiestert kämpfen.“ Stattdessen empfiehlt Günter, der inzwischen bei rund 150 Bürgerinitiativen in ganz Deutschland dabei war, seinen Mitstreitern: „Verzweiflung und Ohnmacht eignen sich nicht, um gegen solche Giganten anzulaufen. Ihr müsst fröhlich sein, ihr müsst euch sagen: David gegen Goliath!“

Rennstall hinterm Gartenzaun

Spaß hat auch Manni Heldt (72). Typ „rüstiger Rentner“, mit Gartenhose, T-Shirt, Hosenträgern – und einem Lachen, das auch zwei Häuser weiter noch dröhnt. Heldts heile Welt liegt hinter einem mannshohen Gartentor: Ein selbst gezimmerter Taubenschlag reiht sich an den nächsten, immer wieder tun sich neue Wege auf. Etwa 180 Vögel flattern, picken, scharren hier. Ihr Gurren ist sozusagen der Soundtrack zu Heldts Leben. Schon sein Urgroßvater hat hier in Eisenheim Tauben gezüchtet, dann sein Großvater und sein Vater. Heldt selbst holte mit seinen Vögeln rund 70 erste Preise – blank polierte Pokale im Wohnzimmer zeugen davon. Was sein Erfolgsgeheimnis ist? „Naja, dass ich bessere Tauben habe als andere. Ich sach‘ immer: Wenn man sich für eine Sache interessiert, dann wird man auch was.“ Nur den guten Tauben gibt er einen Namen; eine seiner besten ist „Liebling“. Mit leisen Zwitschergeräuschen lockt er das Tier an und holt es mit beherztem Griff aus dem Schlag. Der Vogel wirkt winzig in der Pranke des 140-Kilo-Mannes. Zärtlich küsst er die Taube immer wieder auf den schmalen Schnabel. „Deutscher Meister mit meinen Tauben werden, das wäre noch toll. Aber man kann nicht alles haben. Ich habe meine Tauben, gute Kinder, ne anständige Frau. Und vor allem habe ich hier mein Stückste Land; ich kann hier mit die olle Bux gehen.“

Glitzerndes Eisenheim

„Meine Welt war das hier eigentlich nie“, erzählt ein paar Türen weiter Nathalie Fekete. Die 28-Jährige hat als Kind schon hier gewohnt und für ihre eigene Familie immer von einem schicken Neubau geträumt. „Aber mein Mann war von Eisenheim so begeistert … und als der Kleine auf die Welt kam, habe ich mich umstimmen lassen.“ Warum der fünfjährige Jason gerne in Eisenheim lebt, weiß er ganz genau: „Weil es hier viele Kinder gibt, die mit mir spielen.“ Falls sie selbst noch einmal ein Kind bekommen würde, müsste die Familie umziehen, sagt Nathalie Fekete. Dann werde es zu eng. Aber bis dahin setzt die blonde Briefzustellerin alles daran, ihren zweieinhalb Zimmern, Küche, Diele, Bad einen modernen Anstrich zu geben. Die Räume sind in Schwarz, Weiß und Lila gehalten, auf der Treppe liegt ein glitzernder Teppich – sogar der Klodeckel im kleinen Bad ist mit Strass verziert. „Ein bisschen muss man es sich ja drinnen schön machen. Denn draußen entschädigt das dann.“

HANIEL - Eisenheim-Siedlung OB

HANIEL - Eisenheim-Siedlung OB

HANIEL - Enkelfähig

HANIEL - Enkelfähig

HANIEL - Enkelfähig

HANIEL - Enkelfähig

HANIEL - Eisenheim-Siedlung OB

Eine Sau auf dem Klo

Ein eigenes Bad – sei es auch noch so klein – ist echter Luxus, weiß Ralf Matthes (69). „Früher gab es hier in Eisenheim nur Plumpsklos hinter dem Haus“, erzählt er und öffnet die Tür zu einer kleinen Backsteinkate. Innen steht eine moderne Heizungsanlage. „Aber früher war hier links das Klo und rechts daneben stand die Sau. Oder halt Hühner oder ein Puter, welches Vieh man halt hatte.“ Familie Matthes war in den Siebzigerjahren eine der ersten, die sich ein Badezimmer im Wohnhaus bauen konnten – dank des Kanalanschlusses der nahen Kaserne. Nach und nach wurden dann alle Häuser saniert, und für die Bauphase sollten die Bewohner in Übergangswohnungen ziehen. „Aber viele wollten Eisenheim nicht verlassen, sie hatten Angst, dass sie dann doch nicht mehr wiederkommen können“, erinnert sich Matthes. Also wurden kurzerhand Container organisiert und auf einem freien Platz neben einem Bunker in der Nähe aufgestellt. „Die Leute haben lieber da gewohnt, als ihr Zuhause ganz zu verlassen.“

Hallo Fremder

Die eiserne Bank, auf der Ralf Matthes saß, während er seine Geschichte erzählte, begegnet einem in Eisenheim immer wieder. Geschaffen hat sie der Künstler Horst Wolfframm, der sich allerdings selbst eher als „Gestalter“ begreift. 25 Jahre lang hat er junge Menschen in Metallberufen ausgebildet – dank eines Meisterbriefs als Schweißer, Dreher und Stahlbauer. Nach Eisenheim kam er vor Jahren durch Professor Günter. „Ich suchte eine Wohnung mit angeschlossener Werkstatt, und das gab es hier. Da lag es nahe, hier hinzuziehen“, erzählt er nüchtern. In Eisenheim Fuß zu fassen ist ihm und seiner Frau jedoch nicht ganz leicht gefallen. „Die wussten nichts mit mir anzufangen – ich kam nicht vom Pütt. Bei ‚Ausbilder‘ dachten die an Bundeswehr … Aber mittlerweile ist das mit der Nachbarschaft gewachsen.“ Ob er hier glücklich sei? „Ich definiere Glück ganz anders.“ Und dann erzählt er, wie vor einigen Wochen in Oberhausen vor einer seiner Skulpturen ein Theaterstück aufgeführt wurde. „Da habe ich ein Glücksgefühl gehabt, weil es mit meiner Arbeit zu tun hatte, weil sie so manifestiert worden ist.“ Sagt es und öffnet die Tür zu seiner Werkstatt, in der er am liebsten ganz allein arbeitet. Zum ersten Mal geht ein Lächeln über sein bärtiges Gesicht: „Das dürfte ich meinen ehemaligen Schülern gar nicht erzählen. Ich gehe da rein, mache was, und danach lasse ich alles stehen und liegen. Da herrscht das blanke Chaos.“

Ich habe einen Traum

Blitzblank ist es bei Stefanie Antony. Die 36-Jährige gönnt sich nach der Hausarbeit gerade eine Zigarettenpause auf der Treppe vor ihrer Haustür. Gleich kommt ihre siebenjährige Tochter aus der Schule. Wie viele Eisenheimer hat auch Familie Antony die Wohnung über Kontakte bekommen: „Mein Vater wohnt hier, mein Bruder bis vor ein paar Jahren auch. Der hat dann gehört, dass der junge Mann ausziehen wollte, der hier vor uns wohnte.“ Im Mai letzten Jahres hat sich Familie Antony um die Wohnung beworben; im September kam die Zusage. „Wir haben so viel renoviert; die Treppe mit Laminat schön gemacht, alles von Grund auf neu.“ Dabei hat sich die Gemeinschaft in Eisenheim bezahlt gemacht, auf die Antony große Stücke hält: „Als wir hier die Gartenhütte aufgebaut haben, standen auf einmal sieben Nachbarn da und haben geholfen. Oder letztes Jahr: Da ging hier eine Windhose durch, und alle Eisenheimer haben gemeinsam angepackt.“ Begeistert erzählt Antony auch davon, dass immer jemand da sei, um ein Auge auf die vielen Kinder in der Siedlung zu haben – doch dann wird sie etwas wehmütig. „Wir würden das hier unheimlich gerne kaufen. Aber das machen die halt nicht. Vielleicht ja irgendwann mal. Das wäre dann das größte Glück.“


Prof. Roland Günter: Professor mit Unternehmergen

Professor

 

Wie sind Sie überhaupt auf die Siedlung aufmerksam geworden, Professor Günter?

Ich habe Eisenheim nach meiner Promotion entdeckt. Damals endete die Denkmalpflege um 1800 und kannte auch nur Kirche, Burg und Schloss. Aber es gibt doch viel mehr. Es gibt Großbürgerhäuser, Kleinbürgerhäuser, Arbeitersiedlungen, Ensembles, Fabriken, Infrastrukturen und sofort. Man muss die ganze Gesellschaft durchgehen und gucken, was man da spannend findet und was man in irgendeiner Form für die Zukunft anfassbar erhalten soll. Das war mein Konzept. Und das basierte auf dem Grundgesetz – nämlich, dass allen Menschen Denkmäler zustehen und nicht nur einigen, nicht nur dem Adel oder der Kirche. Das habe ich vertreten und ein Journalist von der Frankfurter Rundschau hat das dann so publiziert. So ist es mir binnen zwei, drei Jahren gelungen, die Kriterien für die Denkmalpflege total zu verändern.

Sie haben damals den Protest organisiert – wie haben Sie das gemacht?

1974 haben wir das erste Waschhaus geentert – die standen ja leer, nachdem sie die segensreiche Erfindung der Waschmaschinen überflüssig gemacht hatte. Das war eine richtige Hausbesetzung, und da rief mich natürlich der Wohnungsverwalter an. Der sagte: „Das dürfen Sie nicht!“ Und ich: „Aber gucken Sie sich die leuchtenden Augen der alten Leute an.“ Dann er wieder: „Das dürfen Sie nicht.“ Dann sagte ich: „Aber was wie hier für wundervolle Feste feiern …“ Und so haben wir zwei Stunden aneinander vorbeigeredet – absichtsvoll. Bis er so genervt war, dass er schließlich gesagt hat: „In Gottes Namen, dann nehmen Sie es halt.“ Und ich habe mich höflich bedankt: „Sie sind ein guter Mensch!“

Hört sich an, als hätten Sie eine Menge Spaß gehabt. 

Die Sache war uns sehr ernst, aber wir haben ganz klar auch einen riesen Spaß gehabt damals. Mussten wir auch. Man kann nicht Jahre verbiestert kämpfen. Ich war inzwischen bei rund 150 Bürgerinitiativen in ganz Deutschland dabei und eine meiner  wichtigsten Tätigkeiten war die der Mentalbetreuung. Denn meistens versinken die Bewohner in Verzweiflung und Ohnmacht. Aber das eignet sich nicht, um gegen solche Giganten anzulaufen. Ich empfehle ihnen dann: Ihr müsst fröhlich sein, ihr müsst euch sagen, David gegen Goliath!“

Sie haben damals Seite an Seite mit den langjährigen Bewohnern von Eisenheim gekämpft. Was waren das für Menschen?

Diese Generation, die war schon toll. Da hatten wir einen, der kam aus einem Obdachlosenasyl. Der kriegte keinen geraden Satz raus. Rentner. War ein unglaublich hilfreicher Mensch; hat alles organisiert und immer mit angepackt. Ein wunderbarer Typ. Oder ein alter Bergmann wie der Willi Wittke: 40 Jahre unter Tage, kluger Typ. In der späteren Generation hätte der studiert. Als hier im Krieg die Zwangsarbeiter durchliefen, hat der sein Butterbrot auf der Fensterbank vergessen. Solche Leute waren das.

Wie würden Sie Eisenheim denn heute beschreiben?

Eisenheim wird immer bunter. Da gibt es noch einen Rest von Bergmannsrentnern, das sind aber nicht so viele. Und dann kam eine Zeit lang jeder, der ein Dach über dem Kopf brauchte. Damals haben wir gemeinsam mit den Eigentümer entschieden, dass wir das Mietniveau nicht ganz unten haben wollen, denn dann kommen Leute, die nicht dankbar sind. Inzwischen haben wir eine gute Mischung aus jungen und alten Leuten, Familien und Bewohnern, die man zu den Hochkarätern zählen – etwa den Chef der westfälischen Kurzfilmtage oder den Musikchef des Oberhausener Theaters.