Glück

Über den schwarzen Berg

Autor: Alexander Runte |
Foto: Thomas Koy
Jahrzehntelang war Christa Westphal nicht Schmied ihres Glücks. Depressionen quälten sie bis zu Suizidgedanken. Bis ihr bei einer Operation ein Schrittmacher eingesetzt wurde, der ihr Gehirn mit elektrischen Impulsen versorgt. Seitdem genießt sie das Leben.

Christa Westphal sitzt an ihrem Esstisch und versucht, sich zu erinnern. Wie das damals war, als sie wieder zurück ins Leben kam. Während sie überlegt, bringt ihr Mann aus der Küche Apfelstrudel, Vanilleeis und ein Kännchen mit Kaffee. Es ist ein verregneter Sommerabend, und die Welt da draußen scheint noch ein Stückchen weiter weg zu sein, als sie es sowieso ist, hier in Berlin-Rudow, das so tief im Westen Berlins vergraben liegt, dass man schon fast in Brandenburg ist.

„Bevor es besser wurde, wurde es ja erst mal ganz schlimm“, sagt Westphal dann. „Ich habe immer gehofft, dass es nicht wiederkommt.“ Seit Jahrzehnten litt sie immer wieder an Depressionen, lange Zeit davon ohne Diagnose. Und es wurde von Mal zu Mal schlimmer. „Man hat das früher ja gar nicht jewusst mit den Depressionen“, sagt die Rentnerin in ihrem leichten Berlinerisch. Auch heutzutage wird die häufigste psychische Erkrankung nur bei etwa 30 Prozent aller Betroffenen diagnostiziert – obwohl das Gesundheitsministerium schätzt, dass etwa vier Millionen Deutsche an Depressionen leiden und zehn Millionen Deutsche bis zu ihrem 65. Lebensjahr eine depressive Phase erleiden. Auch wenn mittlerweile klar ist, dass es sich um eine physische Stoffwechselerkrankung handelt, ist Depression immer noch ein Tabuthema, weswegen Christa Westphal darauf bestand, nicht anonymisiert zu werden. Sie will, dass die Krankheit aus dieser seltsamen Ecke rauskommt, in die sie manchmal gesteckt wird. So war Christa Westphal Mitte der Achtzigerjahre ein paar Tage in einem Kreuzberger Krankenhaus: „Das war wie im Gefängnis“, berichtet ihr Mann: „Da war sie mit Alkoholikern und Drogenabhängigen zusammen.“ Die Ärzte probierten es mit Schlafentzug. Frau Westphal: „Drei Tage und drei Nächte durfte ich nicht schlafen. Sobald ich mich aufs Bett gelegt hatte, war jemand da, der mich wieder hochgeholt hat. Ich war danach vollkommen meschugge.“

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Die Krankheit kam aber immer wieder. Christa Westphal versuchte es dann mit Kuren, Psychiatern, Elektroschocks und Tabletten. Jedesmal wieder Tabletten. „Es begann immer bei mir im Magen, ich konnte nichts essen, und mir war schlecht“, sagt sie. Und dann war die Depression da. Wichtigen Ereignissen wie der Geburt ihres Sohnes oder dem fertig gebauten Haus 1976 folgten die depressiven Phasen, in denen sie auf der Couch nur noch „vor sich hinstierte“, wie ihr Mann erzählt. In denen sie den Haushalt nicht mehr hinbekam, den Job im Vorzimmer eines Telekom-Abteilungsleiters schon gar nicht. „Ich musste auch erst mal lernen, dass man einen depressiven Menschen auf gar keinen Fall antreiben darf“, sagt ihr Mann. Von wegen, „reiß dich mal zusammen und so“.

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Mit besseren und schlechteren Phasen ging es bis zum Mai 2001, als sie einen großen Zusammenbruch erlitt: „Da habe ich hier eines Abends gesessen, als ob ich einen Schlag bekommen hätte. Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte, so sehr habe ich gezittert.“ Sie ging zum Notpsychiater und in die eine Klinik, dann in die andere, immer wieder hin und her. Die Ärzte wechselten die Medikamente, wie Christa Westphal die Kliniken wechselte. Bis am Ende eben kein Medikament mehr gegen die Depression ankam und ihr Mann von einer neuen Therapie hörte, bei der in einer Operation eine Art Hirnschrittmacher eingesetzt wird. Möglich wurde dies durch Fortschritte in der bildgebenden Diagnostik, bei der die Hirnaktivität depressiver Patienten mit der von gesunden verglichen wurden. So fand man heraus, dass es mehrere Bereiche gibt, die für eine Depression verantwortlich sein können. Unter anderem der Vagusnerv, der für die Steuerung von fast allen Organen zuständig ist. Die Methode, die wie ein Herzschrittmacher funktioniert, wurde bereits erfolgreich in Studien bei Epilepsie- und Parkinson-Patienten erprobt, bei depressiven Patienten sind die Erfolgsquoten in diversen Studien, die derzeit durchgeführt werden, überraschend hoch.

Trotzdem wollte Christa Westphal eigentlich keine Operation, sondern lieber noch ein neues Medikament ausprobieren, „das 23. oder so“, sagt ihr Mann. Isabella Heuser, die die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité leitet, sei jedoch sehr resolut gewesen: „Das käme gar nicht in Frage, sagte die Professorin“, erinnert sich Christa Westphal. Sie sollte einen Stimulator bekommen. Bei den 17 Patienten, die bisher an einer Studie teilgenommen haben, hat sich gezeigt, dass der Stimulator „zwar kaum in der akuten Therapie weiterhilft“, sagt Professor Malek Bajbouj, der Leiter der Studie, er wirke aber „wie bei der Patientin exzellent in der Verhinderung weiterer depressiver Episoden“.

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Am 8. Februar 2005 wurde Christa Westphal der Stimulator bei einer Operation in der Berliner Charité implantiert. Ein Schnitt an der Achsel, ein Schnitt am Hals, und seitdem liegt direkt unter der Haut am Brustkorb ein kleines Gerät, das regelmäßig elektrische Impulse an ihren Vagusnerv sendet. „Meine Rettung“, glaubte Christa Westphal zuerst: „Mit der Operation hatte ich viel Hoffnung verbunden, denn irgendwann müsste es doch auch mal besser werden, dachte ich.“ Aber ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Der Stimulator war sehr hoch eingestellt, und Frau Westphal dämmerte nur noch vor sich hin: „Ich hatte Selbstmordgedanken.“ Malek Bajbouj sollte sich gefälligst was einfallen lassen. So wurde Christa Westphal wieder in die Charité gerufen, wo Bajbouj den Stimulator einfach ausschaltete und ihr zehn Elektroschocks gab: „Dann hat er den Stimulator wieder angemacht, auf der niedrigsten Stufe – und ich habe wieder gelebt“, stellt sie ganz ungerührt und ohne Pathos fest. Das war im September 2005. Und natürlich ging es nicht von heute auf morgen, sondern es dauerte noch mal vier Wochen, bis wirklich ein Unterschied spürbar war. „Damit kam dann mein Mann nicht zurecht“, sagt sie und kichert leise. Sehr viel kam wieder hervor, was über die Jahrzehnte verloren gegangen war. Auf einmal mischte sie sich wieder in den Haushalt ein und ging ihrem Mann – wie er es sagt – auf die Nerven: „Sie ist eine Beamtin, die einen Gürtel und Hosenträger anzieht, wenn sie aus dem Haus geht.“ Doch jetzt hat sie an vielen Sachen wieder Spaß und will eben alles nachholen, was sie früher nicht machen konnte, auch wenn sie damit ihren Mann gelegentlich überfordert. „Glück, das ist für mich Reisen. Dahin fahren und dorthin. Wir waren viel auf Lanzarote. Früher hat es eine Woche gedauert, bis ich meinen Koffer gepackt hatte. Jede kleine Handbewegung war ein großer schwarzer Berg, den ich überwinden musste.“

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Zuerst war es noch seltsam, wenn sich morgens der „Apparat“, wie Christa Westphal ihn nennt, einschaltete. Da der Vagusnerv auch an den Stimmbändern vorbeiführt, veränderte sich dann ihre Stimme und wurde kratziger: „Mein Mann sagt dann immer: Du sprichst heute wieder so komisch.“

Heute nimmt sie noch jeden Morgen leichte Antidepressiva, die sie eigentlich absetzen wollte, aber Bajbouj rät davon ab: „Sie wissen, wie schlecht es Ihnen vorher ging.“ Und so genießt Christa Westphal jetzt das Leben. Sie ist 76 und findet: „Das alles hier ist ein absolutes Geschenk.“