Grenzen

Bittere Pille

Autor: Til Knipper
Die personalisierte Medizin sprengt Grenzen und erweitert die Möglichkeiten von Ärzten, Patienten zu helfen. In Deutschland spürt man wenig davon. Die Akteure des Gesundheitswesens blockieren sich gegenseitig

Neben der Tür in Saskia Biskups Büro steht ein Punching­ball, darüber hängt ein Paar Boxhandschuhe. Beides sieht unbenutzt aus. Wenn sich die 45-jährige Fachärztin für Humangenetik über die Innovationsfeindlichkeit des deutschen Gesundheitssystems in Rage redet, möchte man ihr rasch die Handschuhe reichen, damit sie sich kurz abreagieren kann. „Wir müssen als Unternehmer ständig in Vorleistung gehen!“, sagt sie. „Für gesetzlich Ver­sicherte sind medizinisch indizierte Untersuchungen nur auf Antrag oder teilweise gar nicht erstattungsfähig.“

Mit ihrer Firma Cegat, die sie 2009 mit ihrem Ehemann Dirk Biskup in Tübingen gegründet hat, bietet sie medizi­nische Analysen des menschlichen Erbguts an inklusive Diagnostik und Therapievorschlägen für die behandelnden Ärzte. Das Feld, das die Biskups beackern, gehört zu den heißesten Trends in der Medizin: Mithilfe der DNA-Sequenzierung können seltene Erbkrankheiten frühzeitig diagnostiziert, Krebsarten schon vor ihrem Ausbruch entdeckt, individuelle Medikamente zur Bekämpfung von Tumoren entwickelt oder Therapien gegen Alzheimer, Parkinson und Demenz verbessert werden. In Deutschland jedoch gibt es große Widerstände – und nicht nur dagegen.

„An Idiotie nicht zu übertreffen“

Saskia Biskup

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Die sogenannte personalisierte Medizin verändert das Gesundheitssystem enorm, getrieben von der Digitalisierung. Nicht nur bei der Untersuchung des menschlichen Erbguts werden Unmengen von Daten erfasst. Auch sonst werden bei der Behandlung von Patienten und durch Fitness-Armbänder und -Apps immer mehr gesundheitsrelevante Informationen gesammelt. Mithilfe von Big-Data-Analysen lassen sie sich zeitnah auswerten und zunehmend intelligent verknüpfen.

Als leidenschaftliche Forscherin verzweifelt Saskia Biskup daran, dass sie ihre Möglichkeiten in Deutschland nicht ausschöpfen kann. „Wir haben das neue Verfahren der DNA-Sequenzierung mitentwickelt, aber die deutschen Patienten profitieren nicht davon“, sagt sie. Bis Juli 2016 weigerten sich die Krankenkassen, den Einsatz des sogenannten Next-Generation-Sequencing zu erstatten, obwohl es schneller und kostengünstiger als das alte Verfahren ist. Befragt man Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, zu der Weigerung: „Wir sind ständig bemüht, unseren Leistungs­katalog dem sich verändernden Stand der Medizin anzupassen.“

Ohne Vergleichs-DNA ist die Analyse sinnlos

Neben diesen Bemühungen gibt es zudem Verbote. Untersagt bleibt in Deutschland zum Beispiel die Trio-Analyse. Damit lassen sich frühzeitig seltene Erbkrankheiten bei Kindern diagnostizieren, indem man gleichzeitig die DNA der gesunden Eltern untersucht. Die Kassen bezahlen aber nur die Untersuchung von bis zu 25 000 Posi­tionen im Erbgut des Kindes: „Das ist an Idiotie nicht zu übertreffen, weil wir nicht wissen, wo wir gucken sollen, wenn uns das elterliche Vergleichs­material nicht vorliegt“, sagt Saskia Biskup. Auch ökonomisch sei das Vorgehen der Kassen nicht sinnvoll, weil die Trio-Analyse nicht mehr koste als die isolierte Untersuchung des Kindes. In den Niederlanden, den USA und Norwegen gehört sie zu den Standarduntersuchungen.

Für die Unternehmerin Biskup ist das im Grunde kein großes Problem, da inzwischen der Großteil der von Cegat untersuchten Proben aus dem Ausland kommt. Damit sind die mehr als 130 Mitarbeiter gut ausgelastet, die Firma erwirtschaftet einen zweistelligen Millionenumsatz. Aber die Medizinerin und Forscherin Biskup ist damit mehr als unzufrieden: „Wir dürfen hier in Deutschland nicht das machen, was wir können. Und das Ausland lacht sich tot über uns.“ Da auch die sogenannte Flüssigbiopsie in Deutschland für Kassenpatienten verboten ist, hat Cegat beschlossen, entsprechende klinische Tests in den USA durchzuführen. Bei dieser neuen Methode können Tumorzellen per Genanalyse schon Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit entdeckt werden.

Das deutsche Unternehmen Curevac entwickelt sogar schon personalisierte Impfstoffe, die die per Flüssigbiopsie gefundenen Tumorzellen bekämpfen sollen. „Aber unter den aktuellen Rahmenbedingungen halte ich es für fast unmöglich, eine Zulassung für personalisierte Impfstoffe in Deutschland zu bekommen“, meint Biskup. So droht das deutsche Gesundheitssystem international den Anschluss zu verlieren.

Bedenken hier, Goldgräberstimmung dort

Denn die verschiedenen Interessengruppen aus dem Gesundheitssektor blockieren sich gegenseitig. Die gesetzlichen Krankenkassen fürchten sich vor Folgekosten neuer Methoden wie der Flüssigbiopsie. Ihr gesamtes Abrechnungssystem ist auf die Einführung personalisierter Medizin nicht vorbereitet. Die Pharmaindustrie will einerseits den Trend nicht verpassen, befürchtet bei individueller Medikation aber gleichzeitig, ihre eigenen Blockbuster-Medikamente nicht mehr verkaufen zu können. Teile der deutschen Ärzteschaft argwöhnen, die zunehmende Digitali­sierung der Medizin zerstöre das Ver­trauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Die Patienten selbst haben Angst vor dem Missbrauch ihrer Daten. Und die deutschen Gesundheitspolitiker scheuen die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Akteuren.

Die Skepsis gegenüber der Digitalisierung der Medizin ist in anderen Ländern deutlich geringer als in Deutschland. In Großbritannien hat das Gesundheitsministerium ein Projekt gestartet, in dem, staatlich finanziert, das Erbgut von 100 000 Patienten sequenziert wird. Um so Fortschritte im Kampf gegen Krebs, seltene Erbkrankheiten und Infektionen zu erzielen. Die Obama-Regierung hat 2015 mehr als 200 Millionen US-Dollar in die Entwicklung personalisierter Medizin gesteckt. Die chinesische Regierung hat 2016 erklärt, über einen Zeitraum von 15 Jahren hier bis zu zehn Milliarden US-Dollar zu investieren.

Aufbruchsstimmung herrscht auch andernorts: Nach Prognosen der Unternehmensberatung Arthur D. Little soll der digitale Gesundheitsmarkt bis 2020 seinen Umsatz weltweit auf 233 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln. Facebook, Apple und Google sind seit Langem dabei, Biotech-Start-ups zu kaufen, Kooperationen mit Pharmakonzernen einzugehen oder Forschungsprojekte zu finanzieren. Und der deutsche Softwarekonzern SAP digitalisiert gerade mit der US-Onkologenvereinigung Gesundheitsinformationen von Millionen amerikanischer Krebspatienten in einer digitalen Datenbank.

„Der einzelne Arzt ist überfordert“

Udo Beckenbauer, Internist

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Was SAP im großen Stil betreibt, macht der Münchner Internist Udo Beckenbauer im Kleinen: mit seinem Unternehmen Health Management Online (HMO), das er zusätzlich zu seiner Praxis gegründet hat. HMO bietet seinen Kunden eine digitale Patienten-akte an und betreibt das Internetportal www.krebszweitmeinung.de. Mit HMO er­möglicht Beckenbauer Krebspatienten, eine zweite Meinung einzuholen. Sein Unternehmen arbeitet mit 37 Tu­mor­zentren zusammen.

Dort prüfen die Krebsspezialisten die Erstdiagnose, indem HMO ihnen sämtliche relevanten Informationen und Befunde des Patienten digital liefert. Die Zweitmeinung kostet 379 Euro und wird dank Kooperationsverträgen von immer mehr gesetzlichen Kassen erstattet. Die HMO-Statistik zeigt, dass in 59 Prozent der Fälle die Erstdiagnose bestätigt wird. Das Einholen einer Zweitmeinung ist trotzdem nicht umsonst: „Der Pa­tient ist dann überzeugt, mit seiner Therapie das Richtige zu tun. Und allein das fördert seine Heilungschancen“, sagt Beckenbauer in seiner Münchner Praxis unweit des Marienplatzes.

Es bedeutet aber auch, dass die Erstdiagnose in 41 Prozent der Fälle nicht ganz korrekt war. „Es liegt nicht an den Ärzten, sondern am rasenden Fortschritt in der Forschung“, sagt Beckenbauer. Das onkologische Wissen verdopple sich derzeit innerhalb von 24 Monaten. „Das kann ein einzelner Arzt gar nicht mehr abdecken.“ Und zwar nicht nur bei Krebserkrankungen, weswegen HMO sein Angebot auch auf Herzbeschwerden ausweiten will.

Umso unverständlicher ist es für Beckenbauer, dass Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems so hinterherhinkt. Trotz der Gefahr des gläsernen Patienten. „Für die behandelnden Ärzte kann der Patient doch gar nicht gläsern genug sein“, entgegnet Beckenbauer. Das verhindere Doppelbefunde sowie Fehlmedikationen und erhöhe die Kosteneffizienz.

Die sensiblen Gesundheitsdaten dürfen nur nicht in unbefugte Hände kommen. „Der Arbeitgeber darf natürlich keinen Zugang haben, und die Krankenkasse bekommt auch nur die Informationen, die sie zur Abrechnung braucht.“ Auch dafür gibt es Vorbilder im Ausland. In Estland ist die digitale Patientenakte bereits flächendeckend eingeführt. Der Patient kann selbst nachvollziehen, welcher Arzt wann auf seine Daten zugegriffen hat. Missbrauch wird hart bestraft.

„Die IT-Security klebt Heftpflaster drauf“

Frank Rieger, IT-Experte

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Der IT-Experte Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, ist bezüglich der sicheren Aufbewahrung der Patientendaten skeptisch. In einem Vortrag vor dem Deutschen Ethikrat verglich er die heutigen IT-Systeme mit einem Druckwasserrohr, bei dem es an allen Ecken und Enden herausspritzt. „Was die IT-Security tut, ist, kleine, bunte Heftpflaster draufzukleben und sich darüber zu streiten, ob diese Heftpflaster lieber rot oder grün oder viereckig oder rund sein sollten.“

Als er das letzte Mal im Krankenhaus gewesen sei, habe er sich aus Versehen in das MRT-Gerät reingehackt und hatte plötzlich die Bilder auf seinem Laptop, erzählt er einem hys­terisch lachenden Publikum – das ein­sehen muss: 100-prozentige Sicherheit kann es nicht geben. Den Aufbau eines dichten Druckwasserrohrs hält Rieger in naher Zukunft für unwahrscheinlich.

Sich deswegen der Digitalisierung verweigern wollen aber nicht mal Deutschlands strenge Datenschützer. Der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar weiß, dass sich Datenmissbrauch nicht komplett verhindern lässt. In der Forschung plädiert er für eine Anonymisierung der Daten. Der Missbrauchsgefahr würde Schaar am ehesten juristisch begegnen: „Wenn die Daten in falsche Hände geraten können, brauchen wir ein einklagbares Diskriminierungs- und Verwertungsverbot.“ Niemand darf deswegen gekündigt werden oder seinen Krankenversicherungsschutz verlieren. Und wer sich daran nicht hält, wird bestraft. Klingt nicht so kompliziert.

 


MERKELS FRUST

Seit dem 1. Januar 2015 ist in Deutschland die elektronische Gesundheitskarte Pflicht. Über ihre Einführung wurde mehr als 15 Jahre diskutiert, sie hat allein die gesetzlichen Krankenkassen bisher mehr als eine Milliarde Euro gekostet. Und doch unterscheidet sie sich gegenwärtig von der früheren Versichertenkarte nur durch das aufgedruckte Foto des Versicherten.

Es wird noch ein bisschen dauern, bis selbst Notfalldaten wie die Blutgruppe des Patienten, seine Krankheitshistorie, Allergien und verschriebene Medikamente auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden. Jeder Arzt könnte sie dann auslesen. Das E-Health-Gesetz der Bundesregierung, das seit Anfang 2016 schrittweise in Kraft tritt, sieht neben der Erweiterung der Daten auch die flächendeckende digitale Patientenakte vor, in der mit Zustimmung des Patienten alle medizinischen Daten erfasst werden können.

Angesichts dieser zähen Entwicklung zeigt sich selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel skeptisch, ob die Maßnahmen wie geplant bis 2018 abgeschlossen werden. Bei einer Rede vor dem Deutschen Beamtenbund Anfang dieses Jahres machte sie ihrem Unmut Luft: „Wenn das das Tempo der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung sein wird, dann werden wir nicht sehr erfolgreich sein, sondern in Kürze zu den Entwicklungsländern weltweit gehören.“